Kopf wie Herz in Atem haltende Troubadoure – Schöftland

Bekanntheitsfaktor, ahoi! Freilich werden die Werke renommierter Bands von mir mit dem Fluch einer gewissen Erwartungshaltung belegt. Eine durchschnittliche Platte der Element of Crime erfährt so weitaus weniger Wohlwollen, als ich es Newcomern aus Castrop-Rauxel zugestehen würde. Mitunter schert mich das Prestige einer Band einen feuchten Kehricht, dann nämlich wenn das Album durch Stimmigkeit fasziniert. Eben das darf sich die Schweizer Formation Schöftland mit ihrer CD Der Schein trügt auf die Fahnen heften.

Schöftland präsentieren sich als von philosophisch-poetische Troubadoure, deren Bilder eine aufgeräumte Sehnsucht an den Tag legen, dabei nie in eine post-moderne Entrücktheit abgleiten. Den Zeitgeist zu treffen, ohne von seinem Zynismus niedergestreckt zu werden, sich Hoffnungen zu erhalten, ohne Luftschlösser zu bauen, voll Empathie den Alltag zu durchleuchten und dabei nie Trivialiäten zu überhöhen, all das verlangt Beobachtungsgabe und präzisen Ausdruck. Die beziehungstechnischen Wehwehchen und die schmerzlichen Sinnsuchen des urbanen Zeitgenossen erscheinen fein porträtiert, mit dem passenden Kolorit versehen, feinsinnig und keinesfalls plump. Dazu wird Indie-Rock gereicht, der die Wirkung der Texte stimmungsvoll unterstützt. Dass sich Gisbert zu Knyphausen zu einem Gast-Auftritt verleiten ließ, deutet bereits an, in welche Schublade Schöftland einzusortieren sind.

Wenn die Worte „Wir wissen alles nur nicht weiter“ während des Openers Der Sturm erschallen, gerät das zum fast beiläufigen Credo, das sich wie ein roter Faden durch das Album zieht. Der Titeltrack Der Schein trügt mit  gut eingesetztem Saxophon ist ein nicht minder aufwühlendes Lied über das Strebens ins Scheinwerferlicht. Doch auch bei Beziehungskisten werden nicht die üblichen Schablonen angelegt, Liebesbrief und Komet verströmen ein fast schon pittoreskes Ideal von Liebe und Sehnsucht. „Seit einer Ewigkeit dreht der Mond um die Erde und die Erde um die Sonne und ich mich um dich.“ drückt die Essenz von Zuneigung in einer schlichten, wärmenden Ehrlichkeit aus, während der Satz „Du erinnerst dich an deine Träume und ich weiß immer nur, dass ich schlief.“ in Dass ich schlief die Distanz zwischen Liebenden thematisiert und das Trennende gegenüber dem Einenden hervorkehrt. Mit dem angenehm lakonischen Wir könnten fliegen stellt sich gegen Ende noch ein Highlight ein, welches einen Sven Regener vor Neid erblassen lässt. Und mit der zusammen mit Gisbert zu Kynphausen vorgetragenen Ode an die Kleinstadt wird letztlich ein klares Gegenkonzept zu den Reflexionen über den in Selbsterfüllungswünschen, tagtäglicher Verlorenheit und Sehnsucht verstrickten  Zeitgenossen geboten, eine Rückbesinnung auf die kleinen Dinge und Traditionen in geradezu aufreizender Getragenheit artikuliert. Die Moderne funktioniert mit der Kenntnis der Vergangenheit am besten, mit dem Wissen um die eigene Verwurzelung.

Schöftland vermögen mit Der Schein trügt ein schlüssiges Album vorzulegen, dessen reduzierte, langsame Nummern von unnachahmlicher Eindringlichkeit geprägt sind und Kopf wie Herz in Atem halten, aber nie mit Bedeutungsschwere überfrachten. Aber auch schnellere Stücke mit kräftigen Gitarren stehen der Band gut zu Gesicht. Die Reife des Ausdrucks zeugt von der Qualität dieser Platte, da dürfen sich viele arrivierte Bands ruhig eine Scheibe abschneiden. Ein veritabler Geheimtipp deutschsprachiger Liedmacherkunst.

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