Mit Karacho in die erste Songwriting-Liga – Daisy Chapman

Überhäufige Verwendung von Superlativen mag oft den Eindruck vermitteln, man besäße ob aller Lobhudelei leicht entzückbare Gehörgänge. Jedoch gilt es dem Kasperletheater der Hypes und Marketing-Feldzügen dadurch zu entfliehen, indem man sich nicht an den allzu offensichtlichen Bands und Künstlern festbeißt, lieber tiefer gräbt und manch Schatzkistchen ausbuddelt. Und diese mit Mühen gehobenen Kostbarkeiten liebkost man einfach mehr, da will ich mir nicht den Anschein übertriebener Nüchternheit geben und überkritisch beäugen, was in der eigenen Wahrnehmung so wundervoll juwelenhaft schimmert. Einige Musiker freilich halten selbst der sachlichsten Untersuchung stand, sind virtuos wie grandios. Heute möchte ich zum wiederholten Male eine britische Singer-Songwriterin mit kolossaler Pianopräsenz feiern, deren neues Album sie sowohl vom Ausdruck als auch von Textlichkeit – vom der kompositorischen Fertigkeit ganz zu schweigen – in die Sphären einer Tori Amos hebt. Daisy Chapman hat soeben ihr neues Album The Green Eyed veröffentlicht und damit das eigene Schaffen auf einen neuen Level gehoben.

Chapman verfügt nicht nur über eine kräftiges, geradezu dominantes Organ, dessen Wucht jedoch den Hörer nie erschlägt, sie vermag den Vortrag mit jeder Menge Nuancen zu versehen, Lyrics Leben einzuhauchen, Emotionen zu schüren, ohne bei diesem Versuch in Schrillheit abzugleiten. Diese Souveränität der Intonation hebt sie in eine eigene Liga. Chapman stellt den seltenen Glücksfall dar, wo stimmliches Talent mit ganz großem Songwriting einhergeht, das Timing und die Arrangements der Songs ein ganz großes harmonisierendes Ganzes ergeben. Es gibt gute, mit Passion und Können vorgetragene Musik – und es gibt das Element der Genialität, welches nicht aneigenbar scheint. Daisy Chapman gehört in die letztere Kategorie, ohne Zweifel!

Beginnen wir mit dem Wagemut, den man aufzubringen hat, um auf einem Album zwei Cover-Versionen von Liedern zu präsentieren, die selbst das kleinste Kind mitzuträllern vermag. Wie leicht betritt man dabei die Fettnäpfchen der Belanglosigkeit bis Peinlichkeit. Rihannas Umbrella und Ring Of Fire von Altmeister Johnny Cash sind absolute Herausforderungen. Doch wie Chapman Umbrella zur perfekten Pianoballade arrangiert, mit Wärme und Hingabe füllt, es zu einer dem Original ebenbürtigen Version formt, das grenzt im positivsten Sinne an Vorwitzigkeit. Ihre Interpretation von Ring Of Fire wiederum kitzelt dem Evergreen eine neue Note heraus, hebt Schicksalhaftigkeit und Vehemenz auf eine desperat-begierdenreiche Ebene. Und doch treten diese Songs hinter die Eigenkompositionen zurück, Oh Daddy mit seinem überraschenden Ende bedient nur anfangs das Klischee des kleinen Mädchens das ihren Vater anhimmelt, ehe es in eine Groteske abgleitet. Liederschreiber aller Länder, so und nicht anders klingen Kunstkniffe! Oder nehmen wir das bombastische Just Give Up, Jessica, wo Chapmans Vortrag zwischen Lethargie und Karacho pendelt, das Klavier voranmarschiert und die Percussion dem ganzen einen zusätzlichen Drill beimengt. Madame Jeneva zeigt eindrucksvoll die klassisch-zeitlose Note ihres Liedschmiedekunst, die immer eine mehr oder minder absurde Verschrobenheit demonstriert, kein Dahinplätschern kennt, so verflucht clever und süchtig machend agiert. Chapmans Frauengestalten sind immer vielschichtig, nicht lediglich Opfer oder im Phlegma des Selbstzweifels oder der Hilflosigkeit gefangen, sie weisen auch düstere Seiten, dominante Eigenschaften auf, werden Täter. Abgründe, aber eben nie plakativ, sondern mit subtilem Überraschungsmoment. „You say she’s your cocaine/ an instant lift that won’t sustain/ does that make me your heroin/ cause I’m still running through your veins.“ als eifersuchtspralle Frage in Does She Know What I Know? spricht doch Bände. Da wird nicht in den Lyrics nicht einfach das ewig gleiche textliche Repertoire benutzt, vielmehr in richtig drastischem Pathos gewatet. Und wenn im Titelsong The Green Eyed ein stimmungsvolles Libera me, Domine aus dem kirchlichen Requiem erschallt, dann merkt man einfach, dass die Dame unglaublich viel auf dem Kasten hat.

Daisy Chapman hat sich mit ihrer Scheibe The Green Eyed in die höchstmögliche Songwriter-Kategorie katapultiert. Wer sie ignoriert, begeht eine Unterlassungssünde. Wer auf der Suche nach der einzig legitimen Nachfolgerin einer altersmüden Tori Amos ist und zudem die beste britische Sängerin der Gegenwart ausmachen will, der wird hiermit fündig und braucht nicht länger im Sumpf der zahllosen Veröffentlichungen herumzuschippen.

The Green Eyed ist am 02. April beim deutschen Label dandyland erschienen. Im Mai beehrt Daisy Chapman deutsche Gefilde. Wir werden die genauen Termine sicher noch posten.

Links:

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download des Songs The Green Eyed

Album-Stream auf Last.fm

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Mit Karacho in die erste Songwriting-Liga – Daisy Chapman

  1. …ich eigentlich auch, allerdings kamen mir immer gute bis großartige alben dazwischen – ganz aktuell das neue slash-werk.

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