Zum hinter und in die Ohren Schreiben – Nicolas Sturm

Deutsche Liedermacher hadern in meinem musikalischen Kosmos mit ihrem stiefmütterlichen Dasein irgendwo zwischen pfiffigen Galaxien. Vielleicht beherrsche ich die Sprache einfach zu gut, um nicht jeder Strophe hemmungslos auf den Leim zu gehen. Möglicherweise bilde ich mir auch ein, dass meine eigene Fabulierkunst abgrundtief zwingender ausfällt, als es mir im Regelfall von manch Protagonisten so vorgeturnt wird. Die Anzahl der gegenwärtigen Könner vermag ich auch auf einen kleinen Zettel zu kritzeln, lediglich ab und an verneigt sich Kopf samt Haupthaar vor einer Judith Holofernes, wenn sie Zeilen wie „Die Zeit heilt alle Wunder“ aus dem Füller kleckst, oder Gisbert zu Knyphausen, wenn er sich und die Schwerkraft als nervenaufreibende Kombination ansieht. Daher bin ich nun überaus froh, einen neuen Fixstern in das Universum meines Notizbüchleins malen zu dürfen: Nicolas Sturm.

Die demnächst erscheinende EP Doppelleben deutet ein Talent an, dass noch ab und an linkisch, manchmal noch einen Tick zu gewollt, prägnante Texte verfasst, die den Gefühlshorizont vieler empfindsam grübelnder, junger und junggebliebener Menschen gelungen widerspiegeln. Die Relevanz wird durch die Nuancen markig gezimmerter Formulierungen, die nicht schon schal und abgedroschen scheinen, erreicht. Sturm besitzt Ausdruckskraft, in doppeltem Sinne. Seine Texte sind tiefgründig – dabei aber nicht weinerlich, geben starke Bilder frei. Und dem gesanglichen Vortrag fehlt es ebensowenig an Würze. Dazu gesellen sich noch sehr ansprechende, für das mit Gitarre hantierende Liedermacher-Genre jedoch nicht untypische Melodien. Mehr muss der werte Herr nicht leisten, um berechtigt Eindruck zu schinden. Der Titel Baustelle mit all seiner lyrischen Kryptik belegt dies. Da scharwenzeln plakative Zeilen durch die Kulissen, werden Straßen durch Herzen und Hochhäuser ins Hirn gebaut, ehe die verklausulierten Sätze in ein kämpferisches „Und wie ein wundes Tier finde ich den Weg zu dir“ gipfeln, wo selbst eindimensional geschnitzte Emotionshaushalte wohl in Wallung geraten. Wie das Lied Doppelleben die bittere Wahrheit einer Existenz auf die wenigen Worte „Die Gedanken sind nicht frei, von wegen/ Sie zwingen dich in ein Doppelleben/ Und geben dir mit großer Geste/ Zum Überleben ein paar Krümel ab“ eindampft, das birgt Klasse. Erkenntnisse knackig und konzis zu formulieren, dabei nicht die Keule trivialer Betextung schwingend, solch Vorgehen überzeugt mich.

Noch sehe ich Nicolas Sturm nicht ganz auf einer Stufe mit Philipp Poisel oder bereits erwähntem Gisbert zu Knyphausen. Zu chaotisch schwankt er zwischen formidablem Gestus und gestelzt anmutendem Einbau englischer Wörter, wird die eigene Exzentrik manchmal überstrapaziert, um bereits in der nächsten Strophe wieder die Balance zu finden und nachhaltig zu imponieren. Wenn er jedoch konsequent bleibt, dann entstehen tolle Stücke, zum Beispiel Neujahr oder Asphalt.

Ich komme nicht um das Fazit umhin, dass Nicolas Sturm mit Doppelleben eine intelligentes, nahezu mustergültiges Werk anbietet, welches in den ergreifenden Momenten schlichtweg bewegt, viel Charisma ausstrahlt und mit stattlicher Textur beeindruckt. Diesen Herren sollte man sich hinter und in die Ohren schreiben.

Tour-Daten:

23.04.10 Freiburg – Vaubar
25.04.10 Mannheim – Der Bock
27.04.10 Köln – Vorstadtprinzessin
28.04.10 Düsseldorf – Damen & Herren
29.04.10 Hamburg – Astra Stube
30.04.10 Kiel – Prinz Willy
01.05.10 Hamburg – BalconyTV
01.05.10 Hamburg – Freundlich & Kompetent
03.05.10 Berlin – Kaffee Burger
04.05.10 Berlin – Intersoup
05.05.10 Leipzig – Rumpelkammer
06.05.10 München – Schlachthof
07.05.10 München – Rocket Store
08.05.10 Lindenberg – Hirsch

Links:

MySpace-Auftritt

Offizielle Webseite

Kostenloser Download von Neujahr auf der Label-Seite von Omaha Records (nach unten scrollen!)

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