Zwiespalt in Person – Holly Golightly & The Brokeoffs

Auch ein nicht gänzlich meisterhaftes Album kann Wohlwollen ernten, besonders wenn Holly Golightly ihre Finger im Spiel hat. Die britische Singer-Songwriterin umgarnt nahezu jedes ihrer Werke mit der Aura vergeudeten wie aufgezeigten Talents. Auf fast jeder ihrer Platten zünden eine Handvoll Lieder, erzeugen Gänsehaut, während der Rest lediglich zu einem Gänsefüßchen in der Musikhistorie taugt. Nehmen wir Slowly But Surely von 2004, wo das Sixties-Aroma bei dem Titelsong sowie bei My Love Is fein duftet, während sich der Gutteil der übrigen Songs rasch verflüchtigt. Mit dem vermutlich besten Werk Truly She Is None Other (2003) perfektionierte sie über weite Strecken einen liebenswerten altmodischen Stil, der den wilden 60ern nicht nacheifert, sondern tatsächlich Bestandteil dieses Jahrzehnts wird. Meist beschleicht den Hörer das Gefühl, als wäre Golightly eine Zeitreisende, die technische Unbill in die Gegenwart verschlagen hat. Seit ihrer Kollaboration mit Lawyer Dave drängt das Country-Element vehement in den Vordergrund.  Das ging bei dem Vorgänger Dirt Don’t Hurt leider nur sporadisch gut. Nun legt das unter dem Namen Holly Golighly & The Brokeoffs agierende Duo das neue Album Medicine County vor.

Zweifelsohne setzt die Scheibe Glanzlichter, offenbart der flirrende Opener Forget It Golightlys Talent zur stimmungs- wie hingabevollen Interpretation.  Gleich darauf jedoch gerät das rural-rockige, bluesige Lied Two Left Feet mit seinem hemdsärmeligen Rhythmus und der aufdringlich gespielten E-Gitarre zum Desaster. Und auch Can’t Lose mit seinem Hillbilly-Zugang mag zwar liebenswert erscheinen, aus den Socken hüpft man deshalb nicht. Aber man darf die Platte auch nicht zu früh abschreiben, denn Murder In My Mind zeigt die Schokoladenseite der Formation. Das flotte, sehr anständig arrangierte und auf Lo-Fi getrimmte When He Comes gibt eine mehr als zarte Andeutung, weshalb Golightly von Solo-Pfaden abgekommen ist. Dank der mit schrammeliger Orgel verfeinerten Folk-Ballade Dearly Departed hält sich der Eindruck, dass die beiden Herrschaften zu tollen Liedern prädestiniert scheinen. Aber eben auch zu schwächeren Nummern wie Eyes In The Back Of My Head, die recht langweilig vor sich hin schrammeln.

Medicine County verfestigt meine Einschätzung, dass Holly Golightly auch trotz Verstärkung in Form von Lawyer Dave kein durchgängig stimmiges Werk vollbringen kann. Auch düster-eindrucksvolle Tracks wie Don’t Fail Me können die Zwiespältigkeit des Albums nicht gänzlich tilgen. Vermutlich ist der eingeschlagene Weg zu Country-Melodien gar nicht so verkehrt, aber gleichzeitig bieten die Komposition mitunter zu wenig Raum für die famose Stimme Golightlys. Die Platte würde wahrscheinlich mehr Zustimmung finden, wenn man nicht um die Qualitäten der Sängerin wüsste. Als Fazit darf von einem vermutlich unterschätzten, mit einigen Highlights gekrönten Werk sprechen, das leider auch unübersehbare Schwachstellen aufweist, allerdings fraglos die bislang beste Veröffentlichung von Holly Golightly & The Brokeoffs bedeutet.

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