100 Songs – Teil 8 (The River)

Es sind die Schicksale des Alltags, verpackt in Poetik, die besonders berühren. Ob nun in der Literatur oder in einem Song. Die Wirkung von Bruce Springsteen lässt sich auf seine Fähigkeit zurückführen, den Nöten und Sorgen, den Hoffnungen und dem Scheitern der Unterschicht eine Stimme zu geben, die kraftvolle Bilder von oft quälender Wucht hervorruft. Besonders der frühe Springsteen ist Chronist der Verlierer, die sich gegen ein Dahinsiechen oder Abstumpfen wehren, keine drei Kreuze unter die eigene Kapitulationserklärung setzen, die Flucht nach vorn zumindest ins Auge fassen. Der Boss porträtiert eine Gesellschaftsschicht, die nie auf Rosen gebetet scheint und dennoch nie die Menschlichkeit in den täglichen Tretmühlen des Überlebens verloren hat. Springsteen mutiert dabei nicht zum Sozialromantiker.

Das Lied The River vom gleichnamigen 1980 erschienenen Doppel-Album gehört dabei zu den Highlights seines Schaffens. Die Geschichte einer jungen Teenager-Liebe, die an lauschigen Ufern des Flusses ihre Ekstase erlebt, und plötzlich in der Realität einer Schwangerschaft ankommt, bildet in 5 Minuten ein tausendfach erlebtes Schicksal ab. Die Eltern des Jungen zwingen ihn in die Verantwortung einer Ehe. Sein Job wird Opfer der Wirtschaftskrise und die Beziehung gerät zu einem lieblosen Nebeneinander. Dem Anti-Helden bleibt nur noch die Zuflucht in Erinnerungen an Zeiten, in denen die Zukunft noch weit weg und die Gegenwart voller Möglichkeiten der Glückserfahrung schien. Und er kehrt zurück zum mittlerweile ausgetrockneten Flussbett, das Ort früherer Leidenschaft und zugleich  Synonym des Versiegens der eigenen Träume bedeutet.

Springsteens Ballade offenbart Bitterkeit („Now all them things that seemed so important / Well mister they vanished right into the air.„), das übermächtige Wissen um das Versagen und  zugleich den Strohhalm süßer Erinnerung („At night on them banks I’d lie awake / And pull her close just to feel each breath she’d take.„), die am Leben hält, was abzusterben droht, und Trost in der Tristesse bietet. Der Boss gibt den Realitäten mit wenigen Worten eine unbeschönigende, schwergewichtige Dimension, eine simple Story, in der sich auch heute noch Menschen wiederfinden vermögen, wenngleich der weitverbreitete Wertekanon der Gegenwart die Norm der Verantwortung nicht mehr so schätzt. Umso heftiger wirkt nach wie vor das Gefühl, die falsche Abzweigung auf dem Lebensweg eingeschlagen zu haben, dem Scheitern ins Auge zu sehen und sich mit Reminiszenzen besserer Zeiten über Wasser zu halten.

The River strahlt mit seinen zeitlosen Sentimenten noch immer hell, bietet eine tiefgründige Relevanz. Wenn Musik gesellschaftlichen Wirklichkeiten einen Spiegel vorhält, bei all den Emotionen eben auch Wahrheiten in lyrische Prägnanz  fasst, dann darf Springsteen getrost als einer der hervorragendsten Vertreter genannt werden.

Das Video zum Lied findet sich hier oder hier.

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „100 Songs – Teil 8 (The River)

  1. So, dein Artikel zum Stück hat es geschafft, mich auf Springsteen neugierig zu machen. Habe ihn immer vernachlässigt, aber ich denke, da greife ich demnächst mal zu!

  2. das solltest du wirklich tun 🙂 meine drei springsteen-lieblingsalben:
    darkness on the edge of town, nebraska, magic – wie immer bei ranglisten sehr diskussionswürdig.

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