Die Kanaille heißt Journaille – Nachgedanken zum Musikblogging

Die Ernennung des Musikbloggers zum unverstandenen Wesen stieß auf einige Reaktionen, die mit meiner Einschätzung nicht immer d’accord gingen. Selbstverständlich mangelt es einigen Einwänden nicht an Schlagkraft, aber manches würde ich eben auch als waidwundes Protestgeheul einstufen. Legitim freilich gerät jede Meinung, die keine drei Ausrufezeichen braucht, um auf den Punkt zu kommen. Darum will ich dieses Mal kurz und bündig noch ein paar Überlegungen nachreichen, manch Aussage präzisieren.

Warum unterhält man einen Blog? Kugelschreiber aus der Hand oder Finger von der Tastatur und nun feste grübeln, bitte! Ich bin ganz tief in mich gegangen, komme zu folgendem Resultat: Man schreibt, weil man glaubt, dass man mit seinen Auffassungen, Urteilen und Interessen einen mehr oder minder unverwechselbaren sowie erhellenden Mehrwert schafft, der bei Lesern auf Widerhall stößt. Ich hege die Überzeugung, dass jede Verwendung von Sprache auf Kommunikation abzielt. Warum sollte ein Blog nur ein völlig unerstes Hobby sein, dem man völlig unangepasst ohne Ziel und Zweck frönt? Sobald ich Gedankengänge und Hirnschmalz preis gebe, erwarte ich auf meine Aktion eine Reaktion. Das gilt für den Alltag ebenso wie für den virtuellen Raum. Unter dem Aspekt vermag ich manch geäußerte Kritik nicht nachzuvollziehen. Denn in eben dem Moment, wo ich Worten meine individuelle Färbung verleihe, darüber klamüsere, wie ich sie in Sätze gieße, genau dann richte ich sie mir auch so zurecht, dass sie Feedback hervorrufen. Ein Blogger tippt nicht einfach so für sich einige Zeilen auf dem Keyboard, er präsentiert sich mit Inhalt, Stil und Zweck. Es dreht sich alles um Wie, Was und Warum.

Das Warum verzeichnet den größten Unterschied zwischen dem Blogger und einem Journalisten. Der vermeintliche Amateur tut dies in der Eigendarstellung aus Lust, Laune und Leidenschaft, der Profi vorrangig zum Zwecke des Broterwerbs – und unterwirft sich damit dem Sinnspruch Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Der Blogger wirkt und werkt als Bereicherung, gerade weil sich seine Motive weniger vordergründig definieren. Man kann sich eine in der Theorie vollständige Unabhängigkeit bewahren, die keine Sachzwänge kennt. Ein kommerzielles Musikmagazin ist der Leserschaft und dem Werbekunden verpflichtet. Eine Rock-Postille kann nicht einfach so den Schwerpunkt gen Electronica oder gar World Music verlagern, das zerstört Erwartungshaltungen. Und wenn die großen Labels Anzeigen zu den Veröffentlichungen ihrer Zugpferde schalten, dann müssen diese verdammt nochmal Erwähnung finden. Das ist so klar wie Kloßbrühe und nicht verdammenswert. Vom Druck kommerziellen Erfolges befreit kann sich der Musikblogger weitaus ungehemmter betätigen. Genau das macht ihn attraktiv. Er braucht zunächst nur den Anspruch des eigenen Egos erfüllen, darf sich so definieren, wie es selbst gefällt. Aber das Geben kennt auch ein Nehmen.

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-2005-0731-504,_Westzonen,_Diktierger%C3%A4t_%22Dimafon%22.jpg

Musikblogger bei der Arbeit (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

Ich will nicht gleich den Vorschlaghammer auspacken und davon faseln, dass sich jeder korrumpieren lässt. Aber wer den Output ein klitzeklein wenig modifiziert, SEO-mäßig ausrichtet oder bei populären Themen nachhakt, der bekommt eben mehr Traffic, damit verbunden Anerkennung. Und diese Verlockung in die richtige Balance zu der Message zu setzen, das ist der Trapezakt. Die journalistische Linie eines Fachmagazins oder des Feuilletons deckt den oftmals mit viel Eigenwerbung ausgestalteten Bedarf. Der Konsument wählt es mit oben erwähnten Erwartungen gezielt aus. Ein herkömmlicher Musikblogger, der dies nicht zum Behufe der bewussten Verstärkung seines Werkens als Musiker oder Journalist tut, dieser wirkliche Laie, welcher mit dem Betreiben eines Blogs keine augenscheinlichen Nebeneffekte erzwingen will, solch ein Blogger kann sich zuallererst nur auf Google verlassen, um eine Reputation zu generieren. Es wäre eine höchst vermessene Annahme zu glauben, dass man aufgrund der kompetenten Beratung nach der Drogeriefachverkäuferin Müller die Suchmaschinen durchforstet, um ihren Blog mit Wellness-Tipps zu eruieren. Was hingegen der Musiker XY so an mehr oder weniger privaten Gedanken auf seinem Blog zum Besten gibt, danach wird durchaus gezielt gesucht.

Somit ist jeder herkömmliche Blogger – auch der Musikblogger – zunächst ein Niemand, der anfangs den Algorithmen der Suchmaschinen hoffnungslos ausgeliefert ist, sich selbst als Marke etablieren muss, um nicht gänzlich dem Zufall überlassen zu sein. Wer also nun das Bloggen mit einem Funken an Ernsthaftigkeit betreibt, wird Klickzahlen Bedeutung zugestehen. Wird eine Vernetzung mit Gesinnungsgenossen mit ähnlichem thematischen Schwerpunkten suchen. Blogroll, ich hör dir trapsen! Im speziellen Fall mutet es nicht unlogisch an, dass der Musik behandelnde Freizeitschreiberling mehr früher als später mit Bands, Labels und Promotionfirmen konfrontiert wird. Ich verwette mein mit noch reichlich Haupthaar gesegnetes Köpfchen, dass es jedem in der Linkliste von Lie In The Sound beheimaten Kollegen bereits so ergangen ist. Man soll mir also nicht attestieren, dass die These der Vereinnahmung gar so weit hergeholt sei. Mit jenen Kontaktaufnahmen beginnt dann die Malaise erst richtig, man wird zum Multiplikator für Nachrichten und Namensnennung. Je unbekannter die Band oder der Künstler, desto schwerwiegender jede einzelne Erwähnung. Wieso sollen just hier nicht die Mechanismen der realen Welt greifen und das Spiel Eine Hand wäscht die andere beginnen? Man bekommt CDs, Konzertkarten und widmet seine Finger im Gegenzug auch Alben, die man sonst nie und nimmer angehört geschweige denn gekauft hätte. Sobald der Blogger-Heini eine gewisse tägliche Resonanz einheimst, lauert das Fettnäpfchen.

Machen wir uns nichts vor, das Internet lebt davon, dass jeder, der wenn auch nur mit Ach und Krach dem Analphetismus abgeschworen hat, seinen Beitrag dazu leistet. Das muss nicht einmal besonders konstruktiv geschehen, kann in der beschränkten Öffentlichkeit eines Chats oder Forums passieren – oder eben auf einem Blog. Und da Meinungsbildung eben nicht nur über die hochoffiziellen Kanäle journalistischer Online-Angebote geschieht, sind besonders die Amateure für die Vermarktungsmaschinerie interessant, die den Blog nicht mit einem Tagebuch verwechseln, ihn vielmehr thematisch ausstaffieren.

Meine Erläuterungen sollen verdeutlichen, dass auch der Blogger nicht per se authentischer agiert. Die Kanaille heißt aber nach wie vor Journaille. Denn ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass sich der Blogger längst zum unabdingbaren Korrektiv gegenüber der Berufsschreiberzunft aufgeschwingen musste. Wo Fachzeitschriften die eigene Position überstrapazieren und längst nur mehr Standgericht spielen, das eigene Urteil in knackige Zeilen pressen, oder aber im konträren Fall die Meinungshoheit über das eigene Medium abgegeben haben und lediglich noch zum Echo von Pressemitteilungen verkommen sind, kann der Pluralismus der Bloggerszene ein notwendiges Gegengewicht erzielen. Und exakt aus dieser Bewertung heraus, lege ich an den bloggenden Menschen höhere Maßstäbe an.

SomeVapourTrails

4 thoughts on “Die Kanaille heißt Journaille – Nachgedanken zum Musikblogging

  1. 1. ich musste erst mal das wort kanaille googeln.
    2. auch wenn bei einem noch keine promo-firma angeklopft hat, kann man all das nachvollziehen. also:
    3. dito!

  2. Du hast mir eben komplett die Ergänzungen erspart, die ich aufgrund Deines Ursprungsbeitrags auf meiner Seite anführen wollte 🙂

    hab mich übrigens inziwschen von jeglichen zwängen „freigespült“. über CDs, auf die ich keine lust habe, schreibe ich auch nicht mehr. ich frage gezielt nach alben oder streams bei den labels an, das geht manchmal gut, manchmal auch nicht, that’s life. ich hätte vor einem jahr ohnehin niemals gedacht, dass blogger überhaupot bemustert werden.

    aber es ist so wie du sagst: sobald sich ein gewisser traffic (und wohl auch eine gewisse qualität 🙂 eingependelt hat, werden labels und bands aufmerksam. aber wir machen es aus freude und unentgeltlich – also weshalb unter druck setzen lassen?

  3. Als Berufsschreiberling muss ich hier leise korrigierend aktiv werden. Nein, die offiziöse Schreiberzunft ist nicht in ihrer Gänze käuflich und bis zur Selbstaufgabe korrumpiert. Es gibt durchaus noch den oder die andere, die eigensinnig an Unabhängigkeit und eigener Denke festhält. Um das mal festzuhalten! 🙂

    Eitelkeiten übrigens spielen überall eine Rolle. Ob Blogger oder Angehöriger der aussterbenden Kaste der festangestellten Redakteure.

    Ab und zu ist der Kanaillen-JournalistIn und MusikbloggerIn auch ein und dieselbe Person! Merke: Auch die Redakteurin betätigt sich gerne fernab der Themen ihres Brotberufs als Musikbloggerin. Weils ihr wichtig ist und weils Spaß macht und weil es eine kreative Spielwiese ist!

  4. Danke für die beiden erhellenden und auch unterhaltsamen Artikel. Mehr als nur einmal musste ich bei der Lektüre zustimmend mit dem Kopf nicken, denn auch ich kenne viele der angesprochenen Probleme oder Konflikte aus meiner eigenen Bloghistorie (immerhin läuft Coast Is Clear ja schon fast 5 Jahre).

    Angefangen habe ich ohne größere Ambitionen, ich wollte nur den Bands, die ich so im Laufe der Jahre entdeckte, die aber hierzulande niemand kannte und/oder mochte, eine gewisse Plattform geben, sie also etwas bekannter machen. Mit den Jahren kamen dann immer mehr Label und auch Bands, die von sich aus auf mich zu traten und neue Sachen an mich herantrugen. Darunter waren zwar manchmal auch echet Perlen (so wie letztes Jahr Lower Heaven, auf die ich sonst nie gestoßen wäre), gleichzeitig verschiebt sich dadurch aber ein wenig der Fokus meines Blogs – zumal mir die „Aufmerksamkeitsökonomie“ nicht unbekannt ist 😉

    Jedenfalls habe ich schon mehrere Jahre auch auf die Zugriffszahlen geschaut und mich gefreut, wenn diese stiegen. Wobei ich aber seltenst irgendeine Band nur deshalb erwähnte, damit die Klickrate steigt – wenn mir was nicht gefällt, schreibe ich auch nicht darüber. Wohl aber stellte ich fest, dass regelmäßiges Posten die Zahlen auf einem hohen Niveau hält, weshalb ich mich dann irgendwann auch fast ein wenig verpflichtet fühlte, jeden Tag was zu schreiben, selbst wenn grad mal nichts WIRKLICH Tolles anlag. Durch die Masse an Musik, die nun eben auch durch Promomails etc auf mich einströmt, wird das Ganze aber auch seit einer Weile zu einer gewissen Last, das muss ich schon zugeben, vor allem, da mein primärer Fokus eher auf meinem konsumkritischen Projekt Konsumpf (http://www.konsumpf.de) liegt.

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