Die Kapitalistenschweine in Berlin, West Germany

Die Welt braucht mehr Polemik, denn sie wird von Arschlöchern regiert. So soll es nicht meinem Co-Blogger alleine überlassen sein, hier und da denn Finger in die eitrige Wunde zu legen. Wer richtig geil Kohle scheffeln will, der schmeißt heute den Anzug hin und setzt sich den Irokesenschnitt auf den Kopf, die weniger Mutigen überlassen dies revolutionäre Punkoutfit der Goldgrube, in der sie williges Hipstervolk und Touris neppen. Mit dem Kotti wird schnell die ideale Kulisse gefunden. Draußen auf der Straße und in den U-Bahnschächten verrotten noch die Junkies, die kleine Kreuzberger-Nachtmusik wird von den Sirenen der Polizeiwägen gespielt, hier duftet es noch nach Pisse und Kotze und vergammelten Sperma. Wer hier nicht merkt, dass er zweifelsverboten in der absolut Alternativ- und Punk- und Ultra-Indie-Szene unterwegs ist, der hat zu wenig gekifft im Leben und gehört zu den Spießern, die nur Wein und Bier trinken. Unliebsame Gesellen, die die Goldgräber am Neppen der Touris und Hipster hindern sollten.

Frisch in Berlin angekommen fühlte ich mich auch im Monarchen so richtig am Puls der Zeit, die Paloma Bar, der kleine Bruder gleich neben an eine Verheißung mehr. Missachtet jedoch, weil noch zu Landmädchenhaft hab ich das West Germany, der richtig heiße Scheiß, hier darf man sich um so mehr verarschen lassen. After-Work-Club für die, die Mitte meiden, weil sie zu cool sind. Wonneland für Studis, die das Achtziger-Revival verachten, denn heute werden teuer Punkklamotten mit Ramones-Feel geshoppt.

Der Authentizität zum Beweis sucht man die Homepage des West Germany vergebens. Allein die Adresse Skalitzer Str. 133, D-10999 Berlin darf gefunden werden, sonst zweifelt noch jemand am schon verratzten Schein. Denn MySpace und Facebook sind böse und uncool, the Real deal sind Eigenwerbungen auf qype.

west germany is the hippest little club that you might not have been to… located at skalitzer str. 133 in x-berg (right at the kottbusser tor u-bahn station), you will find a small and grungy club space with a bar, stage, some side rooms and a nice terrace overlooking kotti. expect some really abstract and cutting edge bands like high places, begoo, nadja, telepathe and abe vigoda to name a few… door prices are cheap and the drinks too. the owners are very cool as well! it gets hot in there, so dress accordingly

(Quelle)

Also bitte, nicht einfach Klamotten übergestülpt. DRESS ACCORDINGlY!!! Wär ja noch schöner, wenn jeder so rumliefe, wie es ihm gefiele. Vergesst nicht, das WEST GERMANY ist der hippeste und coolste Laden, der so hip und cool ist, dass ihr euch noch nicht mal vorstellen konntet, dass es so hippe und coole Läden überhaupt gibt, bevor ihr da gewesen seit (hoffentlich passend gekleidet).

Die perfekte Location für die Dum Dum Girls, die teuer produziert so klingen, als hätten sie ihr Debüt in der Garage mit Flohmarkt-Equipment eingespielt. Mit Augenzwinkern macht das Spaß und ist nett anzuhören, ein paar Gehirnzellen muss man schon ausknipsen um, den Indie-Charme zu genießen. (In voller Länge und Breite, mehr dazu hier)

Und nicht böse sein, dass die super coolen Inhaber des West Germany noch richtig harte West-Währung verdienen wollen, sie arbeiten hart am super hippen, indie, die Worte wiederholen sich schon wieder Renomee. Auch wenn die Prinzen wohl viel zu uncool für solch nie gesehenes oder dagewesenes Indie-Etablishment sind, so pfeifen sie doch deren Lied „Man muss ein Schwein sein in dieser Welt“. Die verwuschelten Locken, der betont ausgeleierte Pulli verhüllen nur dürftig des Kapitalisten böse Absicht. Kohle her – ich scheiß auf dich. Die Band von heute, ist das Altpapier von morgen. Heute noch Cutting Edge Act, morgen nur noch ein Bierfahnen müffelndes Gähnen wert. Promotion was für Weicheier, die sich nicht selber auf Qype, Last.fm und so hypen können. Geladene Journalisten sind Kanaille, Blogger uncooles Mistvieh sowieso. Gästelisten was für Spießer, die nicht die Clubbetreiber bereichern wollen.

Am  Kottbusser Tor gelten noch andere Regeln, wer hier nicht merkt, dass er die wahre Indie-Subkultur erlebt und mit Euros bewirft, der ist zu Neukölln oder schlimmer Prenzlauer Berg, Friedrichshain und last but not least: böses Mitte verkommen. Die Dum Dum Girls brauchen auch weiter Berichterstattung wie nen Bissen Brot. Aber da wird drauf geschissen. Die haben schon mal im West Germany gespielt, dass ist Gütesiegel genug, das CBGB’s wirkt blass dagegen und hat nicht nur Blondies Weltruhm begründet. Die Dum Dum Girls glauben den Hype, Zugaben sind was für… ach ich wiederhol mich wieder…. aber süß sahen sie aus auf der Bühne und nett wars, klang ein Lied wie das andere, schön mitwippen konnt man, blieb von unverhofften Melodieschwenkern verschont. Schnell vorbei gings auch. Meine Begleiter haben die Terrasse genossen, ich das Bad in der Menge. Noch mal zahl ich für so was nicht, da kenn ich coolere und hippere und uncoolere und unhippere Gelegenheiten meine Euros mit mehr Spaß zu verschwenden. Aber ich war da im möglicherweise coolsten, hippesten Club der Welt, gemerkt hab ichs halt nicht, nur meinen Enkeln mal erzählen möglicherweise, wenn dem nicht noch erst mal Kinderkriegen im Weg stünde. Aber vielleicht werd ich in diesem Leben ja noch was anständiges, zieh nach Prenzlauer Berg und zelebriere mit Bionade den Abschied von der Suche nach dem Echten im Hype.

DifferentStars

5 Gedanken zu „Die Kapitalistenschweine in Berlin, West Germany

  1. Puh, was habe ich ein Glück in der Jazzszene zu Hause zu sein! Wir sind von Haus aus uncool… Nein, mal im Ernst. Für eure beiden Beiträge gilt, dass ihr den Nagel auf den Kopf getroffen habt. Ich habe Jahrelang diesen Dresscodeschrott mitgemacht. Lief zeitweise rum wie ein völlig bescheuerter Hippie, lange Haare, Kinnbart, Piratenhemd (alternativ ein Paisleyhemd, das ich heute noch sehr gerne trage, da es ausschaut wie ein sauteurers Designerteil 😉 ), dazu eine Lederweste, Chucks/DocMartens und natürlich eine ultraenge Schlaghose mit Löchern. Dazu noch ein Grateful Dead Barrett oder ein Willie Nelson Stirnband. Jede Menge Armbänder. Jetzt, wo ich mir aus dem ganzen Krams nichts mehr mache und nur noch im Kopf die Werte vertrete lebts sich leichter. Weniger Pseudoalternative, weniger Spinner. Wer zu meinen Freunden gehört, will nicht hipp sein, sondern sein Ding durchziehen. Vielleicht sogar Geld verdienen. Und plötzlich lebt es sich viel alternativer als damals, als man nur danach aussah. Die Reaktion der so toleranten „Freunde“? Wollt ihr nicht wissen. Die waren weg, als die Haare ab waren. Jetzt mache ich nur noch, worauf ich Bock habe. Und wenn das heißt, mit Krawatte in den angesagten Jazzclub zu gehen, mache ich es einfach.

  2. schon ganz schön cool, so anti zu sein. da wird man dann leider schnell das, was man kritisiert.

  3. Was ist denn das für eine Logik? Wen man etwas kritisiert, wird man automatisch zu dem, was man kritisiert??? 99 Prozent der Beiträge auf diesem Blog sind Loblieder auf wundervolle Musiker. Werd‘ ich dadurch jetzt auch zur super talentierten Musikerin? Schön wärs… das viel und sehr begeisterte Mitsingen hat noch nicht so wahnsinnig viel Wunder bewirkt, aber vielleicht kommt das ja noch… 😉

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