Die passende Fratze allen volksmusikalischen Zombies entgegenstellend – Kummerbuben

Na klar gibt es auch in den USA unerträgliches Country-Gesäusel, in welchem eine rural-heile Welt herbeigelallt wird. Aber daneben existiert eine sehr vitale Szene des Alternative Country und eine Renaissance des Folks. Im deutschsprachigen Raum sucht man eine seriöse Rückbesinnung auf das Volkslied und volksmusikalische Arrangements nahezu vergebens. Wie ein alles verschlingendes Monster wachen die Tentakel öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsprogramme als Gralshüter einer Seichtheit über ein verkitschtes Idyll, Musikantenstadl sei Dank! Ab und an flackern vereinzelt neue Impulse auf, etwa Hubert von Goisern in den 90ern. Als mir vor einigen Wochen eine CD der Kummerbuben in den Briefkasten flog und der Beipackzettel die Formation als Entstauber Schweizer Volkslieder anpries, vermochten mich Skepsis und Neugier zugleich zu erfüllen.

Foto: Tabea Hüberli

Natürlich ist es ewig schade, wenn im deutschen Sprachraum Brauchtum brach liegt, aber nicht jede Reanimation hilft dem moribunden Patienten weiter. Im Falle der Kummerbuben gelingt die Wiederbelebung nur zum Teil. Das liegt weniger an dem gelungenen Album Schattehang, vielmehr an der Herangehensweise. Die Platte funktioniert, weil sie das Fundament Schweizer Folklore in Grund und Boden stampft und darauf ihr eigenes, windschiefes Häuschen zimmert. Mag das Volkslied als Inspiration gedient haben, letztlich kreiert die Band einen derart unverkennbaren Sound, der keine Neuinterpretation kennt, eher schon einen ureigenen Mikrokosmos des Ausdrucks hervorbringt. Es hat also mitnichten mit der Verinnerlichung von Tradition zu tun und einem liebevollen Aufpolieren alter Schätze. Hier wird Althergebrachtes zu Grabe getragen, die Habseligkeit des Toten geplündert und damit die Neugeburt eingekleidet.

Das Schwizerdütsch des Vortrags erlaubt einem Nicht-Muttersprachler keine Einblicke in die Textlichkeit, so schnallt man sich für die rasante Talfahrt einzig die Bretter des Vortrags und der Musik an. Und derart gerät die Chose fein. Lügemärli hopst solcherart ausgelassen, dass das imaginäre Trachtenkleid Unzüchtiges preisgibt. Da weht Balkan-Folklore durch die heiligen Schweizer Täler. Oder zum Beispiel das düstere Anneli, wo bisch geschter gsi?, dass weitaus mehr mit einer Band wie Morphine – ja, wegen dem Saxophon! – gemein hat, als mit irgendwelcher traditierten Volksmusik. Wo chunnt dr Chrieg här? schlägt in dieselbe Kerbe, kommt sinister  mit breitflächigem Sound daher.  Doch die Kummerbuben verleugnen auch die französischen Einsprengsel in ihren Kulturraum nicht und singen ein wirsch-dreckiges Le coq est mort, das wild zwischen Westerngalopp und Persiflage lustwandelt, an Charme nicht überbietbar scheint. Chapeau! Mit Balladen wie I dr Aare verpufft die Magie mitunter ein bisschen, wenngleich Guet Nacht mys Liebeli neu zum traurig-schönen Schlaflied gerät.

Die Berner Kummerbuben setzen mit dem Album Schattehang weniger mundartliche Gepflogenheiten auf hohem Niveau fort, wagen gleich den Neuanfang. Sie gießen Alternative Country, Rock und Folk-Elemente aus verschiedensten Kulturkreisen in eine sehr spezielle Form und versehen dies mit der eigenen Sprache. Das mutet enorm spannend an und stellt den volksmusikalischen Zombies der Gegenwart eine wundervoll einschüchternde Fratze entgegen.

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