Kein Kind von Wolkenkuckucksheimen – Great Lake Swimmers

Die Great Lake Swimmers exerzieren vor, was dieser Tage oftmals als zum erstrebenswerten Phantasma aller Musiker verkommt. Mastermind Tony Dekker geht unbeirrbar und ohne halbsbrecherische Deformationen des Rückrats seinen Weg. Wie aus einem Guss offenbart sich dem Hörer die musikalische Entwicklung vom Erscheinen des selbstbetitelten Debüts 2003 bis hin zu dem aktuellen Werk Lost Channels (2009). Der Reifeprozess im Schaffen drückt sich nicht in abrupten Stilwechseln aus, mehr in der Verfeinerung kompositorischer und textlicher Nuancen. An der grundsätzlichen Dekkerschen Vision freilich wurde nie herumgehämmert, von Anbeginn waren es Nägel mit Köpfen.

Der Reiz der Great Lake Swimmers liegt in der konsequenten Verweigerung marktschreierisches Benehmen anzunehmen, Sensationen zu präsentieren, sich dem Tamtam des Musikbusiness zu ergeben. Die stoische, zeitlos gültige Art der Lieder kratzt ein kontemplatives Element hervor, fokussiert sich auf eine Grundsätzlichkeit, die durch den entspannt-gelösten Vortrag noch verstärkt wird. Jene innere Ruhe bietet Hörern Halt, gerät zum Gegenstück einer mit jeder Faser wuselnden Gesellschaft. Dekker wirkt wie ein Eremit, der sich durch Abschottung eine Reinheit und Ernsthaftigkeit bewahrt. Er teilt sich mit, liefert Einblicke und wahrt doch Distanz. Eben durch die Absage an jeglichen Exhitionismus fallen seine Texte und Melodien auf den Hörer zurück, lösen sich von der schieren Assoziation mit dem Verfasser, keimen in den Ohren aller, die dem Werk der Great Lake Swimmers verhaftet sind.

Gerade da Dekker keine Sekunde lang zum Schausteller mit einstudierten Posen verkommt, sondern als Künstler agiert, dem die Gnade unverfälschte Emotionen zu transportieren gegeben, aus just dieser Wirkung heraus lässt sich sein Erfolg erklären. Die Ochsentour vieler Live-Auftritte, die jedweden Besucher von der Authentizität des Schaffens überzeugen, runden das Bild ab. Der werte Herr baut sich kein künstlerisches Wolkenkuckucksheim, um mit viel Drama und penetranter Audringlichkeit Anspruch zu verströmen. Wer sich von solch Gesten blenden lassen will, soll sich zum Teufel in Gestalt Joanna Newsoms scheren. Das künstlerische Konzept definiert sich nicht über aufwändige Arrangements und die Anzahl der verwursteten Noten, es steht und fällt mit der Botschaft. Bei den Great Lake Swimmers erwächst aus der klaren Prägnanz, aus der jedem Brimborium entsagenden Methodik ein Zauber, eine Entrückheit, ein Aufhorchen in die Stille hinein.

Der ohnehin reduzierte Folk-Sound von Lost Channels wird mit der soeben erschienen Akkustik-CD The Legion Sessions in einen noch intimeren Rahmen gerückt. Und so funktioniert die Veröffentlichung als Skizze, eine nackte, fragile Rohfassung, welche die vorangegangene Platte seziert. Der Blick in die kahlen Eingeweide wurde in einer kanadischen Legion Hall durchgeführt, einem Vereinszentrum kanadischer Veteranen. Und vielleicht liefert der Ort mit dem spartanischen Spirit ehemaliger Militärangehöriger und Mounties auch den entscheidenden Hinweis zu dem Motiv für dies karg schraffierte Mini-Album. Die im Februar 2009 aufgenommenen Legion Sessions wirken wie die letzte Vorbereitung auf eine Schlacht, eine finale Beratschlagung, ehe Lost Channels dann im März letzten Jahres der Öffentlichkeit preisgegeben wurde. Ohne Behübschung, quasi mit dem durchdringenden Blick eines Nacktscanners wurden die Gedärme untersucht. Die Klarheit des Ausdrucks für die vielen Tourneen der kommenden Monate nochmals erforscht. Unter diesem Gesichtspunkt geraten die Legion Sessions zu einer puristischen Fußnote, die den Fans der letzten CD einige Aufschlüsse gibt.

Wer die Great Lake Swimmers verehrt, darf sich fraglos der Spärlichkeit von The Legion Sessions öffnen. Einsteigern sei jedoch als Vorbedingung für ein Begreifen Lost Channels ans Herz gezwungen. Die Schönheit dieser Musik vermag ich gar nicht genug zu betonen.

Ein Interview mit Tony Dekker, welches wir im Rahmen der letzten Tour führen durften und bislang wie unsere Augäpfel gehütet haben, werden wir auch demnächst hier abdrucken.

Links:

Offizielle Homepage

Besprechung von Lost Channels

Konzertbericht vom Auftritt im Festsaal Kreuzberg, November 2009

Videoschau von The Legion Sessions samt kostenloser Mp3

SomeVapourTrails

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