Mission Lena gelungen – Die Gründe für den Erfolg

Immer wenn der Eurovision Song Contest zur völligen Farce zu verkommen droht, kommt von irgendwo ein Act daher, welcher die Reputation vor der völligen Verwesung rettet. Mehr noch zeigt, dass man auch ohne ausgeprägte Seilschaften mit Nachbarländern tatsächlich eine realistische Siegeschance sein Eigen nennen kann. Es bedarf einfach eines in der Gesamtheit stimmigen Packages. Dass Lena Meyer-Landrut Deutschland einfach so den erst zweiten Sieg in den 55 Jahren dieses Wettbewerbs bescherte, scheint Ergebnis eines von Anfang an konsequent aufrichtigen Konzeptes.

Foto: Indrek Galetin (EBU)

Vom ersten Moment an versprühte Unser Star für Oslo den Willen zu bereits beinahe für unmöglich gehaltener Seriosität. Stefan Raab wollte ein bislang ungehobenes Talent schürfen, welches Können mit Ausstrahlung verband – und sich nicht mit irgendwelchen Geschichtchen über das traurige Schicksal seines Haustiers oder den tragischen Tod des Schwippschwagers  in die Herzen der Zuschauer flennt. Mit solch Kinkerlitzchen mag man zwar aufgeblähte Shows wie DSDS gewinnen, bei einem auf 3 Minuten zurechtgestutzen Auftritt in fernen Gefilden nützt solch Pipifax nichts. Damit umschiffte Raab das größte Castingshow-Fettnäpfchen mit Bravour. Der Geist des Wohlwollens gegenüber den Teilnehmer sprang auch auf die vor dem Fernseher befindlichen Menschen über, die für kurze Zeit die niederen voyeuristischen Instinkte in die Besenkammer stellten und der so gewollt auf Echtheit setzenden Show Aufmerksamkeit schenkten.

In Zeiten sich täglich überschlagenden wirtschaftlichen Krisenmeldungen reagiert man entweder mit Weltflucht oder aber wendet sich hin zur absoluten Authentizität. Und da man Lena Meyer-Landrut ihre unverkrampft-kecke Direktheit ebenso abnahm wie ein gerüttelt Maß an Lebensfreude, setzte sie sich letztlich nicht nur in hiesigen Gefilden durch, vermochte mit dem Titel Satellite auch Europa einzunehmen. Nach all dem Schnickschnack der letzten Jahre wurde quer durch alle Länder ein vermehrter Zuspruch zur unverkitschten Ehrlichkeit laut. Dem eitlen Ethno-Ramsch von der Stange erteilte man eine klare Absage, schmalzbesudelte Balladen wurden als Gewimmer enttarnt und skandalös nichtssagende Nummern mit Verachtung gestraft.

Dass Kalkül pompös zelebrierter musikalischer Minderleistung versagte gestern. Anstelle von nackter Haut mit jeder Menge Dekolletee überwog der Wunsch nach jugendlicher Frische. Man besann sich auf den eigentlichen Mittelpunkt des Wettbewerbs: Das Lied. Nicht irgendwelche Präsentations-Gags erschlichen sich die Zusehergunst, vielmehr zündete eine ungewohnte Reduktion auf den Vortrag. Nach dem von Alexander Rybak 2009 mit Fairytale beschworenen Eskapismus, erwählte man kesse Jugendlichkeit, die sich nicht auf reine Fassade beschränkt.

Ich werde auf absehbare Zeit keinem Fanclub der adretten Lena beitreten. Fräulein Meyer-Landrut muss mich erst überzeugen, dass ihre spezielle Art der Interpretation mehr als nur zwei oder drei Lieder trägt. Dass sie aber einem guten – keinesfalls genialen – Song wie Satellite eben durch all ihre Eigenheiten wie motorische Verrenkungen und Akzent auf einen ohrwürmernen Level hievt, beweist mir jedoch, dass es mehr braucht als schönen Singsang oder melismatisches Geplärre. Während Castingshow oft und gern ein ausstrahlungsfreies Wesen suchen, in welches man möglichst viel Stereotypen hineinzupropfen sucht, so vermag die frischgebackene Siegerin des Song Contest ihre Persönlichkeit in ein Lied einzubringen. Das führte zum Triumph.

Nun sollte man die gestrigen Konkurrenten doch auch ein wenig näher beleuchten. Denn letztlich bedeuteten sie die Trittleiter zum Erfolg. Erst Schund pflasterte Deutschland den Weg. Kommen wir zu dem absoluten Sorgenkind: Großbritannien. Irgendwie scheint es jenseits des Vorstellungshorizonts, dass ein Mutterland moderner Musik immer nur mit übelstem Schrott anrückt. Was Josh Dubovie mit Hilfe der einst mal für eingängiste Seichtigkeit prädestinierten Stock und Waterman in den Äther krächzte, war eine Unverschämtheit der Extraklasse, landete zurecht unter ferner liefen. Auch Verspasstheit strafte das Publikum ab. Schablonenhaft auf Pep geeichter Balkan-Pop samt gnadenlos androgynen Sänger wurde Serbien in Form von Milan Stanković zum durchschnittlichen Verhängnis. Derart penetrant die Ethno-Keule zu schwingen, das schrie nach einer Abfuhr. Selbige erhielten sogar die smarten Iren, die tatsächlich große Gefühle in einer gänzlich mit Weichzeichner geschriebenen Ballade vorzugaukeln suchten. Da konnte auch die wuchtbrummende Niamh Kavanagh mit ansprechender Stimme nichts mehr retten. Allerdings vermochte auch das schlüpferbefeuchtende Aussehen des Norwegers Didrik Solli-Tangen nicht zu reüssieren. Gott sei Dank!

Auf den vorderen Plätzen fanden sich hauptsächlich Songs, die auf eine nette Melodie oder guten Vortrag verweisen konnten. Knapp geschürzte Versexungen mit Gesangsuntermalung waren 2010 einfach nicht en vogue. Mit dem Belgier Tom Dice kam das Singer-Songwriter-Metier zu unverhofften Ehren. Der Titel mutete zwar überraschungsarm an, klang aber solide und lebte vom bescheiden-treuherzigen Wesen des Künstlers. Die türkische Band maNga bezeugte, dass man mit ansprechender Modernität sogar beim Eurovision Song Contest Erfolg einheimsen darf. Komplett deplaziert dagegen die Durchschlagskraft des rumänischen Duos Paula Seling & Ovi, die einen im Rahmen dieser Veranstaltung bereits zu oft dargereichten 08/15-Refrain trällerten.

Der Song Contest wird vermutlich auch in absehbarer Zeit kein Hort der Hochkultur. Die ausgesendeten Signale lassen jedoch darauf schließen, dass es wieder zu einer längerfristigen Hinwendung zu Authentizität kommen könnte. Mit Lena Meyer-Landrut scheint der erste Schritt gemacht. Nicht dass Deutschland gewonnen hat, darf erfreuen, was zählt, dies ist die sympathische Art und Weise.

Endergebnis:

1 Deutschland – Lena – Satellite 246
2 Türkei – maNga – We Could Be The Same 170
3 Rumänien – Paula Seling & Ovi – Playing With Fire 162
4 Dänemark – Chanée & N’evergreen – In A Moment Like This 149
5 Aserbaidschan – Safura – Drip Drop 145
6 Belgien – Tom Dice – Me And My Guitar 143
7 Armenien – Eva Rivas – Apricot Stone 141
8 Griechenland – Giorgos Alkaios & Friends – OPA 140
9 Georgien – Sofia Nizharadze – Shine 136
10 Ukraine – Alyosha – Sweet People 108
11 Russland – Peter Nalitch & Friends – Lost And Forgotten 90
12 Frankreich – Jessy Matador – Allez Olla Olé 82
13 Serbien – Milan Stanković – Ovo Je Balkan 72
14 Israel – Harel Skaat – Milim 71
15 Spanien – Daniel Diges – Algo Pequeñito (Something Tiny) 68
16 Albanien – Juliana Pasha – It’s All About You 62
17 Bosnien und Herzegovina – Vukašin Brajić – Thunder And Lightning 51
18 Portugal – Filipa Azevedo – Há Dias Assim 43
19 Island – Hera Björk – Je Ne Sais Quoi 41
20 Norwegen – Didrik Solli-Tangen – My Heart Is Yours 35
21 Zypern – Jon Lilygreen & The Islanders – Life Looks Better In Spring 27
22 Moldawien – Sunstroke Project & Olia Tira – Run Away 27
23 Irland – Niamh Kavanagh – It’s For You 25
24 Weißrussland – 3+2 – Butterflies 18
25 Großbritannien – Josh Dubovie – That Sounds Good To Me 10

Link:

Eurovision Song Contest auf ndr.de

Peter von Schallgrenzen sieht es ähnlich

SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Mission Lena gelungen – Die Gründe für den Erfolg

  1. Wie bereits erwähnt, ist Lena eine wunderbare, würdige Siegerin. Sympatisch und liebeneswert. Und dann kommt sie noch aus Hannover (Vortort von Hildesheim)!

  2. Ich gratuliere Lena, sie ist zweifellos eine junge, hübsche Frau mit Ausstrahlung, Dynamik und dem gewissen, zeitgemäßen Etwas aber sie als die große Sängerin zu bezeichnen, ist maßlos übertrieben. Um in der Szene zu bleiben und eine würdige Siegerin des Grand Prix de …… zu nennen, gibt es für mich nur eine würdige Siegerin, die 1993, mit einer großartigen Ballade gewonnen hat: Niamh Kavanagh mit „In Your Eyes“ !!

    Hohen Respekt vor den „Heavy Tones“, für ihre konstante und professionelle Leistung und Stefan Raab für seine Gratwanderungen am Rande des guten Geschamacks aber er ist ein Vollblutentertainer mit Musikgefühl.

    Liebe Grüße aus Österreich
    Rene Schäfer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.