Wenn ich du wäre, wärst du ganz schön ich – Ein Exorzismus

Kaugummipapier, bitte! Die Zeit gelangweilten Trainings der Kaumuskulatur wird von einem Schreiten zur Tat abgelöst. Ich kremple mir das Hemd hoch – mit grazil zur Schau getragener Entschlossenheit. Noch reibst du nervös deine Oberarme, schwant dir Unangenehmes, dass sich in keine Worte kleiden lässt. Du überlegst dir ein Aufplustern, um die nahende Gefahr abzuwehren, schreckst aber zurück, denn Coolness verbietet es dir. Meine Hipness freilich brauche ich nicht erst eilig im Hirn zurechtzuschustern, ich nenn sie Stoizismus, hab sie im Blut – ja, ich bin Bluter. Kleiner Mann, was tust du nun, da ich dir ans Zeug flicke? Bist mir schon ein verdammt offenes Buch, aus welchem ich nun ein paar Seiten fleddern werde.

Junge, du hast schon ein beschissenes Timing an den Tag gelegt, um dich so zu präsentieren, wie es das Diktat der Zeit vorschreibt. Ein bärtiger Flaum – wahlweise auch zum Schnurrbart verkommen – unter den bebrillten Augen, dazu noch ein Hütchen zwecks Beschattung der Denkerstirn. Und deine schlecht angepassten Klamotten, das angeranzte Sakko, dass bereits die am Horizont heraufdämmernde Spießbürgerexistenz aufzeigt und zugleich als Markenzeichen einer von der eigenen Lässigkeit überzeugten studentischen Subkultur fungiert. Mit Anfang zwanzig bist du bereits ordentlich bedient, machst was mit Design, dein Computer steht dir näher als deine Manschettenknöpfe oder Familie. Selbstredend führst du einen Blog, weil das Internet ohne dich und dein Savoir-vivre so verflucht alt und uncool aussehen würde.

All dies würde ich dir nicht krumm nehmen, die heute existierende Generation gut situierter Bionade-Spießer braucht doch Nachfolger, welche den vorgeturnten Spagat zwischen barbusig ausgestellter Affinität zu den Grünen mit biedermeierner Kleingeistigkeit nachahmen, sich dabei in einem richtig smarten und verantwortungsvollen Wohlfühltakt wiegen. Ich stoße mich an den im Grunde völlig beliebigen Ecken und Kanten nicht. Ich lebe in Kreuzberg, kenne die Plattitüden derer, die irgendwann in ihrem Leben mal so richtig die alternative Sau rausgelassen haben, sich immer noch Unangepasstheit vorgaukeln, dabei aber durch das Malheur der Realitäten nun selbst vom Primat der Sachzwänge als allesfressende Sau durch den Kiez getrieben werden. Alternative Arschlöcher sind die Meister der Selbsttäuschung, Berlin ist voll davon. Wo man geht und steht, allerorten trifft man diese Typen, sie sind der Kaugummi auf den Schuhsohlen des Bezirks. Sie sind ebenso sozialer Asbest wie die Assis aus Marzahn.

Junge, ich könnte dir viel verzeihen, deine gesamte Attitüde, die so unnötig wie ein Emoticon oder überflüssig wie Axolotl Roadkill daherspaziert. Ich würd mich auf die nichtssagende Parole Alles schick versteifen, dich souverän ignorieren. Dennoch, eine deiner Narreteien, die werde ich dir heute per Exorzismus austreiben. Und darum spucke ich mal kräftig in die Hände, mache mich ans Werk. Es wird weh tun, klar. Aber ohne Widerstand gerät die Prozedur kurz. Ich schlüpfe einfach für eine Minute in dich. Muss sein.

In dir herrscht eine vernunftbefreite Zone. Nichts, was ich nicht zu füllen vermag. Schnell noch deinen Wurmfortsatz der Selbstüberschätzung abgezwickt. Die Enge deiner Haut macht mir keinen Spass, das darf ich dir verraten. In deinem Gehirn scheppert es gewaltig, also spiele ich Maschinist, öl dir die Ganglien. Ein kostenloser Service vom Fachmann. Ich bugsier deine Denke in die Abstellkammer. Besser so, Bürschchen! Nun räum ich in deinem Herzen auf. Mensch, es scheint sich ja ein Meer von Herzblut angesammelt zu haben. Eimer und Wischmob, bitte.

Kommen wir nun zum unappetitlichen Teil der Instandsetzung. Eine harsche Ohrspülung. Dein mieser Musikgeschmack zwingt mich zu dieser Maßnahme, ist Grund der Rage. Club-Mate entpuppt sich als probates Mittel zur Säuberung. Mit unverschmalzten Ohren lässt sich besser hören. Dann wird jedweder Furz von einer Band auch als solcher enttarnt, ein Verarschungs-Hype zielsicher klassifiziert. Junge, Animal Collective sind Schmafu, Vampire Weekend so geschmacksbefreit wie vegane Haute Cuisine. Kleiner Mann, schau nicht so traurig aus der Wäsche, weil mich der Brechreiz überkommt und ich auf deine Delphic kotze. Ist nur böse gemeint. Und Mucke wie Grizzly Bear oder Joanna Newsom steck ich dir kurzerhand dorthin, wo die Sonne sie nie erreicht.

Wenn ich du wäre, wärst du ganz schön ich. Würdest dich für den verzapften Geschmacksterror bei mir entschuldigen. Nicht die denkfaulen Kiddies, deren größter Kraftakt darin besteht, auf der Fernbedienungen die richtige Ziffer zu dechiffrieren, um auf RTL DSDS zu gucken, sind das Problem. Es sind die trendy People wie du, die wie das Echo des Schreckens ein Postulat des heute als Indie firmierenden Wahnsinns verbreiten. Merke: Wenn du denkst, du wärst anders, dann denkst du nur, du wärst Indie. Kleiner Blogger, der du alles so knorke findest, was sich doch nur als verquirlte Scheiße mit Cocktailkirsche obendrauf entpuppt, spürst du nun, da ich in dir bin, wie es einem ergeht, der hinterfragend zur Sache schreitet, nicht jeder Ente aufsitzt? Tut weh? Soll es auch. Sehr sogar.

Jetzt, da ich dir deinen Körper wieder überlasse, darfst du mir zu Dankbarkeit verpflichtet sein. Lerne aus der Episode. Ändere Outfit und Einstellung. Stell alles und jedes auf den Prüfstand. Dies ist mein Gebot: Liebe dich und deinen Nächsten, gehe hin und lebe redlich, sei friedlich. Tu was dir beliebt, aber wirf sofort diese doofe CD von Joanna Newsom auf den Sondermüll der Geschichte!

SomeVapourTrails

2 thoughts on “Wenn ich du wäre, wärst du ganz schön ich – Ein Exorzismus

  1. Großer Meister mein, wenn du wüsstest, dass du Indie bist, dann wüsstest du, dass du genau hier in Nord-Neukölln verortet bist und würdest nie wieder im Leben das Wort Kreuzkölln in den Mund nehmen, dieses haben nur die bösen Makler erfunden und die Szenemagazine abgeschrieben. Kreuzberg ist nebenan und solltest du dir irgendwann eine Bart welcher Art auch immer wachsen lassen, darfst du auch dort hin ziehen, ohne mich.

    DifferentStars

  2. Diesmal der Kommentar etwas gestraffter: Wunderbar

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