100 Songs – Teil 9 (People Ain’t No Good)

The Boatman’s Call aus dem Jahre 1997 zählt meiner Meinung nach zu den so unspektakulären wie kunstvollsten Schätzen unserer Zeit. Nick Cave and the Bad Seeds bewerkstelligen einen minimalistischen, auf das Piano fokussierten Sound, der den reifen Lyriker Cave vollends zur Entfaltung bringt. Man sollte sich nicht von vordergründigen Romantizismen täuschen lassen, die genauere Betrachtung offeriert die für sein Schaffen fast schon obligatorische biblische Schwere. Doch aus der kräftigen Theatralik vergangener Alben wird eine intime, besinnliche Reflektion, deren Wirkung in einer neu errungenen Schlichtheit liegt. Viele Lieder des Werks, nicht zuletzt das von einem so simpel wie eindringlich gehaltenen Video unterstützte Into My Arms, berücken und bedrücken.

Speziell der Track People Ain’t No Good erschafft eine von der Welt abgewandte Szenerie, in der sich die Liebenden von allem Übel abzuschirmen suchen und nach dem Auskosten der Liebe trachten. Jahreszeiten kommen und gehen, das Bild des  winterlich kargen Baumes, nun all seiner Blüten beraubt, kontrastiert das heimelige Glück, das kein Verwelken kennen will. Jene Beziehung soll nie und nimmer Verletzungen erfahren, wie sie Menschen einander manchmal zufügen. Und noch während Cave die Reinheit des Idylls überschwänglich bekräftigt und beschwört, erfolgt eine Brechung. „It ain’t that in their hearts they’re bad / They can comfort you, some even try / They nurse you when you’re ill of health / They bury you when you go and die“ räumt er ein, erkennt den Menschen als nicht von Grund auf böse an. Wie eine Erleuchtung zertrümmert sich sein Feindbild des Menschen, der fahrlässig das Leben anderer beeinträchtigt. Gerade in dem Moment, wo man das biedermeierne Ideal im Wanken begriffen spürt, schiebt der Erzähler jedoch seine Erkenntnis beiseite, folgt eine geradezu ironische Brechung durch die apodiktische Äußerung: „But that’s just bullshit /People just ain’t no good„. Selbst wenn der menschliche Natur keinen Hang zur mutwilligen Beeinträchtigung der Mitmenschen innewohnt, will man sich lieber gar nicht erst mit den kleinen Fehlern und Egoismen konfrontiert wissen und im geschützten Raum verbleiben.

People Ain’t No Good gerät zu einem Hilferuf, zu einer Suche nach dem völligen Schutz dessen, was die eigene Existenz gefährdet. Nick Cave findet darauf keine vernünftige, abgeklärte Antwort, hadert vielmehr mit der Welt, verweigert sich der Erkenntnis, dass die eigene Charakterstärke und Redlichkeit die beste Verteidigung bedeutet. Und dennoch wird der Hörer für fast 6 Minuten lang vom Sehnen nach dieser Weltflucht dominiert – und von der Bereitschaft beseelt, die eigene Liebe mit Zähnen und Klauen gegen jedes Übel zu beschützen. Und so regt dieses vermeintliche Liebeslied zur Überprüfung der eigenen Anschauung an. Sind die bösen Menschen das Problem oder die eigene Wahrnehmung der Umwelt?

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „100 Songs – Teil 9 (People Ain’t No Good)&8220;

  1. Oh ja, ein ganz großer Song von einem wahnsinns Album! Für mich ist eigentlich nur noch „No More Shall We Part“ mit „As I Sat Sadly By Her Side“ und „God Is In The House“ toller. Die Musik hat eine unfassbare Tiefe und wenn Warren Ellis die Geige auspackt (vergleiche die Soundtracks zu „The Proposition“ und „The Assasination…“) wird die Musik zum Sog. Es wird Zeit, dass das die Alben in der Deluxe Version erscheinen!

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