Der durch Genres pflügende Pianist – Maxence Cyrin

Eine Coverversion kann im puren Nachäffen des Originals verhaftet sein, zum ehrfurchtsvollen Tribut erwachsen oder aber ein Eigenleben entwickeln. Im Idealfall verschwindet die Ursprungsfassung in den Hintergrund, wird völlig gehäutet und in ein neues Kostüm gesteckt. Das mag in Lächerlichkeit münden, wenn Pop-Hits plötzlich zu gregorianischen Choräle mutieren oder irgendwelche dahergelaufenen Tenöre mit mehr Schmalz als Schmelz sich die Inbrunst aus dem Leibe gurgeln. Oder es gerät zu einer ganz eigenen Schönheit, wird zu einem kleinen Meisterwerk. Der Franzose Maxence Cyrin besitzt die Fähigkeit, sein Spiel auf dem Piano derart facettenreich zu gestalten, dass jedwedes Stück eine lebendige, unverstaubte Dynamik entwickelt. Sein neues Album Novö Piano bezeugt dies.

Bereits die Vorgängerplatte Modern Rhapsodies verwandelte beispielsweise den von Aphex Twin ersonnenen Electronica-Klassiker Windowlicker in ein von Klavier durchsetztes Preziosum. Und eben solch mangelnden Berührungsängste kennzeichen auch das aktuelle Werk Cyrins. Ob Daft Punk, Nirvana, Arcade Fire oder sogar Beyoncé , der Pianist pflügt quer durch die Genres, lässt die gesangliche Ebene hinter sich, fokussiert den Blick auf Melodien und kitzelt den Interpretationen eine neue Identität heraus. Das hat nichts mit feinsinnigem aber leblosem Geklimpere zu tun. Sämtliche Tracks vermodern nie in Gesteltztheit, bleiben frisch und forsch, produzieren eine Intensität, die man den Originalen mitunter wünschen würde. Where Is My Mind der Pixies seiner rockigen Durchgeknalltheit zu berauben und in eine wohlige Nachdenklichkeit zu überführen, das verlangt Courage. Oder aus der meisterlichen Scheibe Treasure (Cocteau Twins) den Song Ivo herauszugreifen, den so unnachahmlichen  Gesang Elizabeth Frasers auszublenden, solch Unverfrorenheit kann sich nur jemand leisten, der um die Kraft seiner Arrangements weiß. Wenn aus dem stampfenden Club-Hit Around The World von Daft Punk ein mit wechselndem Rhythmus effektvoll vorgetragenes Pianostück erwächst, das den Hörer nicht minder zucken und zappeln lässt, kann man schon bewundernd den Hut ziehen. Selbst die Erinnerung an den unsäglichen Synthpop von MGMT wird in der Darbietung von Kids völlig getilgt.

Maxence Cyrin – Where is my mind (The Pixies piano cover) from Maxence Cyrin on Vimeo.

Maxence Cyrin nutzt einfach jedes Stück als Skizze, dem er seine ganz speziellen Pinselstriche voller Kunstfertigkeit hinzufügt. Seine Klaviermusik ergeht sich nie in manieriertem Anspruchsdenken, sondern versprüht überbordende Freude am Spiel. Novö Piano fällt somit gänzlich aus der Kategorie schönfärberischen Nacheiferns, wird zu einer Wundertüte für alle, die das Piano nicht gänzlich verachten.

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