Der Musiker und der Sozialstaat – Keine Utopie

Ich könnte mich mit natürlicher Selektion viel leichter anfreunden, wenn die Fitness derer, die sich letztlich durchsetzen, nicht oft mit ihrer Bereitschaft zur Skrupellosigkeit korrespondieren würde. Das gilt natürlich auch für die Musikbranche. Dass sich dort die Marionetten und deren garstige Strippenzieher als einzig fixe Konstante etabliert haben, liegt jedoch letztlich am für Manipulation und Schmierentheater empfänglichen Publikum. Die breite Masse präferiert das Spektaktel, nicht die Qualität. Und eben weil wir bevorzugen, was wir bevorzugen, trennt sich Spreu vom Weizen, machen wir uns über die Spreu her. Unsere Mägen verzehren sich geradezu danach.

Ich atme relativ viel Gelassenheit in dieser Diagnose, kann mich mit diesem Umstand gut arrangieren. Wer Mechanismen durchschaut, vermag von ihnen nicht überrascht zu werden. Ich tummle mich auch nicht Brötchen verdienend in der Branche, erlebe die Qual allenfalls als mitfühlender Beobachter.

Letztlich kann noch soviel Getöse um Gammelfleisch die reißerischen Schlagzeilen der Gazetten füllen, ein Gutteil der Menschen wird dennoch dort kaufen, wo der Fraß billigst angeboten wird, darauf vertrauen, dass es doch in Ordnung sei, oder aber mit dem Geschick der Apathie erst gar keine Zweifel aufkommen lassen. Letztlich hat der Wirtschaftstreibende genau zwei Möglichkeiten Gewinne in seine Kasse zu locken. Entweder er etabliert seinen Ruf über einen Qualität ignorierenden Kampfpreis – oder aber er kreiert eine Marke mit Unwiderstehlichkeitsfaktor und verankert diese mit viel Marketing in den Köpfen und Einkaufstaschen der Verbraucher.

Um im Musikbusiness zu reüssieren, wurden beide Strategien zu einer attraktiven Synthese verschmolzen. Man portionierte den Bockmist, der nur noch bedingt mit Musik verwandt scheint, in ein für jedermann erträglichen Maß, bot die schlichte Rezeptur mit viel Getöse an. Jene legitime Methode bedient die Nachfrage, sättigt ein Bedürfnis. Eitle Wonne allerorts? Denkste.

Denn seit über 10 Jahren wird die Dumpingkost von findigen Konsumenten via Filesharing genossen – kostenlos. Das wurde von Produzenten zunächst mit harten Bandagen bekämpft, letztlich ohne probate Mittel. Wenngleich der P2P-Hype ein wenig verebbt scheint, die über die Jahre mit viel Selbstbewusstsein zur Schau getragene Grundhaltung verbleibt: Musik darf (fast) nichts kosten. Das stürzte eine Industrie in die Krise, die billigen Ramsch zu stolzen Preisen verhökern suchte. Wer de facto nicht oder nur in geringem Umfang auf Qualität setzt, vermag in solch einer Situation den Preis nicht länger aufrecht erhalten.  Die Branche reagierte trotzig mit Druck und Einschüchterung und sah sich der Übermacht technischer Filesharing-Möglichkeiten in der Folge machtlos gegenüber.

Gegenwärtig freilich scheint das Musikbusiness die Antwort gefunden zu haben. Man pinkelt den Abnehmern nicht mehr ans Bein. Streaming-Flatrates treten im Mobilbereich ihren Siegeszug an. Ein kleiner Preis und alle Möglichkeiten. Die Täuschung und Enteignung glückt. Der Konsument jubiliert. Und gibt erfreut mehr Geld für komplementäre Güter wie Konzerte und Merchandise aus. Konzerte sind Events, man erkauft sich gute Laune und Ekstase – dafür besteht immer noch eine ausgeprägte Zahlungsbereitschaft. Ebenfalls so für die die eigene Hipness unterstreichenden T-Shirts. Das freut die Labels. Filesharing wird somit zu einem Old-School-Phänomen, das nicht länger den Untergang einläutet. Ende gut, alles gut?

Doch wie sieht es nun mit der Entlohnung für das Ersinnen von Kunst aus? Ja, ich nehme das Wort in den Mund, welches schon zum Unwort verkommen: Urheberrecht. Mir dünkt, dass sich selbiges überholt. Einen monetärer Nutzen aus der Kreation zu ziehen, das ist nicht mehr der Segen, jener liegt jetzt im Drumherum. Also nicht der direkte Kauf eines Lied oder gar nur der Stream, vielmehr die Verwertung im Rahmen eines Konzerts oder als Untermalung eines Werbespots und ähnliches generieren die Einnahmen, die am Ende des Monats das Überleben sichern. Das freilich verlangt vom Künstler noch mehr Erfindungsgeist hinsichtlich der Fanartikel, ein Mehr an Touren, die jedoch auch geschickt promotet werden müssen, damit sie sich rechnen. Was in den Hintergrund zu treten scheint, ist die eigenliche Gabe eines Songschreiber: Das Verfassen von Lyrics, die Komposition. Und wenn Urheber mit ihrer eigentlichen Beschäftigung kein Geld verdienen können, was dann? Im Zuge der Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung gab der an der Havard Business School beheimatete Professor Felix Oberholzer-Gee die frappant einfache wie flapsige Antwort: „Dafür haben wir den Sozialstaat.“ Tja…

Ich möchte nun zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurückkehren. Die natürliche Auslese dieser Tage kennt zwei Wege. Entweder man entwirft ohne mit der Wimper zu zucken ein Produkt, welches auf den Geschmack der Masse zugeschnitten scheint, ergo leicht konsumierbar und nicht allzu hochwertig und gerne auch gammelig, oder aber man tüftelt an den Möglichkeiten sein Werk perfekt in Szene zu setzen, wozu es das Know-How der großen Plattenfirmen allerdings dringend braucht. Letztlich also führte das Internet mit all seinen Möglichkeiten zu keiner Befreiung der Künstler vom Ballast übermächtiger Labels, vielmehr verursachte die Entwertung von Musik durch das Filesharing die nächste Zwickmühle. Der eigentliche Schurke ist der Konsument, der diese Lösung Künstlern wie Managern aufoktroyierte. Man sollte nicht das Big Business oder den weltfernen Musiker als Sündenböcke ausmachen. Den Schwarzen Peter hält jeder selbst in der Hand. Wir hätscheln diejenigen, die unsere Anspruchslosigkeit umschmeicheln oder mit geschickter PR in ihren Bann tricksen. Die wahren Könner, die sich nie und nimmer anbiedern mögen, können schon mal zur nächstgelegenen Suppenküche tingeln.

Link:

Bericht zu den Wiener Tagen der Musikwirtschaftsforschung auf orf.at

SomeVapourTrails

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