Magic will do what magic does – Damien Jurado

Wahrlich, ich verkünde die frohe Botschaft, dass ein Singer-Songwriter die lichtesten Höhen des Schaffens erklommen und ein großes Wunder vollbracht hat, welches nun dieser Tage wie ein Segen auf uns niederprasselt. Nicht Ehrfurcht vor musikalischer Komplexität und Rafinesse macht die Herz weit, Respekt liebt nicht. Doch wenn unsagbare Wärme uns erfüllt, dann weil uns eine in Schlichtheit gewandete Botschaft ohne großes Tamtam berührt, zuerst die Emotionen infiltriert, während das Differenzieren und Schattieren des Intellekts noch abwägend an einer Einschätzung tüftelt.

Foto: Lance Troxel

Was Damien Jurado mit seinem neuen Werk Saint Bartlett vorexerziert, gehört zu den wunderbarsten Momenten bestechenster Liedkunst. Er reiht sich in Gilde famosester Könner ein, darf einem Jason Molina oder Mark Kozelek ebenbürtig gegenüberstehen. Noch ist die Wundertüte lediglich als Import erhältlich, doch Anfang Juli folgt der hochoffizielle Deutschland-Release. Und wer auch nur einen Funken an Leidenschaft für ein Genre aufbringt, das Heil dessen erspürt, was Liedermacher an Gedanken, Gefühlen und Geschichten transportieren suchen, der wird meine Einschätzung nicht völlig von der Hand weisen. Saint Bartlett verkörpert das definitive Singer-Songwriter-Album des Jahres. Manchmal reduziert arrangiert, freilich ohne kahl zu wirken, oft von einer reichhaltigen Verträumtheit und Traurigkeit gestaltet, die gütig und mild die Seele flutet, von einem entwaffnenden Bekenntnis zu nobel das Herz benetzenden Melodien bestimmt.

Damien Jurado fegt gleich zu Beginn wie ein Sommerregen über den Hörer hinweg, wäscht eine unsagbare Behaglichkeit ins Ohr. Mit Cloudy Shoes nimmt das Glück seinen Lauf. „Magic will do what magic does/ living in your eyes“ ist eine in seiner Zärtlichkeit gelungene Zeile. Es ist ein Lied gleich einem Aufbruch in sorglosere, sonnenbeglänzte Gefilde. Arkansas hallt wie ein Song entgegen, auf den man schon seit den Sechziger Jahren gewartet hat, unheimlich vertraut. Jeder Schlagzeughieb schwingt im eigenen Puls wider. Und selbst wenn sich bei Rachel & Cali nur Textfetzen („A friend is only a lover you’re not committed to„) einprägen, der Sinn des wohl einen Dialog andeutenden Liedes jedoch im Dunkel bleibt, ergötzt man sich an den auf den Punkt gebrachten Arrangements, die wie Honig fließen. Oder nehmen wir Throwing Your Voice, dass für mich den väterlichen Zwiespalt von Verdammung und Vergebung symbolisiert. Ob rein in Folk samt Akkustik-Gitarre gedrechselte Songs wie Pear, mit E-Gitarre aufgemotzte Nummern (Wallingford) oder bereits erwähnte 60er-Pop-Anleihen, zusammen mit Produzent Richard Swift zieht Jurado alle Register, vertraut die Melodien einer genial gewählten Instrumentierung an. Jene wird in der zweiten Hälfte ein wenig zurückgefahren, der so wohltönenden Stimme noch mehr Raum gelassen. An der Intensität der nach Seelenfrieden suchenden, Verluste verspürenden Lyrics ändert dies jedoch nichts. Kalama als desperat winselndes, an die Mutter gerichtetes Abschiedslamento erwächst ebenso zu einer Meisterleistung wie das in Lethargie verharrende The Falling Snow, welches sich gegenüber einer völlig aus dem Gleichgewicht geratenen Seele hilflos erweist. Ähnliches schildert Beacon Hill mit dem schrägen Bild „Was I the ghost or one of your voices / You hear in your head when you’re out killing horses.“ Und hier dämmert sogar ein Happy End am Horizont. Die Leere nach der Trennung wird im traurigen Kansas City besonders stimmungsvoll dargereicht, macht es zu einem weiteren Highlight unter vielen Highlights.

Nie war Damien Jurado zwingender, nie die Harmonie von Musik, Lyrics und Vortrag vollkommener als auf Saint Bartlett. Man vermag sich schwerlich eine Steigerungsmöglichkeit ausmalen. Die Grazie des Werks schwillt in all dem Sehnen, Trauern, Leiden, Suchen und Hoffen zu einer majestätischen Wucht an, welche das tiefste Innere des Hörers in schönste Aufruhr versetzt.

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Kostenlose Downloads von Cloudy Shoes und Arkansas

SomeVapourTrails

13 Gedanken zu „Magic will do what magic does – Damien Jurado

  1. ja, die platte ist sehr schön geworden. hat er für den offiziellen deutschland release im juli ein deutsches oder europäisches label?

  2. Hi Christoph, Secretly Canadian ist das internationale Label. Den deutschen Vertrieb und Releasetermin übernimmt der renommierte Vertrieb Cargo Records, in dessen Portfolio auch u.a. die Labels Dead Oceans (White Hinterland, John Vanderslice), Saddle Creek (Orenda Fink) und Sub Pop (Dum Dum Girls) sind.

  3. ah ok, danke. hab mich das nur gefragt, da die SC alben in der regel ja mehr oder weniger zeigleich in europa auf den markt kommen.

  4. Ja, tolle Platte. Aber wo hast du den Termin her? Amazon listet den 28. Mai als VÖ, die Vinyl-Ausgabe ist im Lager, die CD kurzfristig lieferbar, iTunes hat das Album auch….

  5. Hi Nico,
    Cargo Records besteht auf dem von ihnen genannten Releaese-Termin. Ich hatte nochmal nachgefragt, da uns auch aufgefallen war, dass Amazon einen früheren VÖ angibt. Wieso weshalb warum??? Nicht ganz klar. Es werden allerdings manchmal extra für die Presse VÖs terminiert, mehr wahrscheinlich fürs Radio, als für uns Blogger. Die Airwaves sind da ja heikel, die Promos müssen früh genug, mit ein paar Wochen Vorlaufzeit, bei den Stationen eintreffen, sonst werden sie nicht berücksichtigt.

    Vielleicht sind jedoch die CDs, die Amazon vor dem offiziellen Deutschland Release anbietet, auch Importe. Keine Ahnung, wir haben eben jetzt den Cargo Termin angeben.

    DifferentStars

  6. Ps: Wir Blogger – du auch – sind ja eh so schlimme Anarchisten, wir schreiben ja schon immer sobalds irgendwo erscheint. Und warten nach dem US Release nicht lange (Monate… Jahre) bis es auch in Deutschland nen extra VÖ gibt …. 😉 Bin ja mal gespannt, wann die Scanners endlich auch offiziell hier erscheinen.

  7. Wobei seltsam nicht selten bedeutet. Ist dir das noch nie aufgefallen – gerade bei den Singles, die nach VÖ des Albums ausgekoppelt werden. Da wird dann kräftig mit neuer Single geworben, gibt aber keinen physischen Release, auch kein spezielles Single-Release, sondern der Track kann wie schon zuvor als Einzeltrack eben einzeln gekauft werden. Das Ganze wird dann zu Promozwecken halt Single genannt. Meist gibts nen Video, aber auch nicht immer. Reines Werbegedöns, meist nochmal fürs Album, manchmal für die Tour, vor allem aber fürs Radio, die spielen halt in der Regel nur Singles – nicht einfach nur gute Lieder 😉

  8. Klar, bei Singles gibt es das sehr oft, nur bei Alben ist mir das bisher nicht so aufgefallen. Stur an einem festgesetzten VÖ festhalten, obwohl das Album regulär zu kaufen ist…..äußerst befremdlich.

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