Retro-Kuddelmuddel-Ramsch – Ariel Pink’s Haunted Graffiti

Wenn mir die Wahl bliebe, entweder ein unbezahltes Praktikum bei Foxconn anzutreten oder aber eine Billion Euro für das nochmalige Anhören von Before Today von Ariel Pink’s Haunted Graffiti zu erhalten, ich würde der Ausbeutung mit weit aufgerissenen Armen entgegeneilen. Ich vermeine genau im vorliegenden Fall exakt die Art von Musik auszumachen, die sich Selbstmordattentäter auf die Kopfhörer schnallen, um sich auf die Schnelle den letzten Funken Lebensfreude auszutreiben. Before Today gehört in die Unding-Kategorie. Ariel Pink will um jeden Preis möglichst viele musikalische Zitate in das Werk stopfen, holt genau das Gedudel aus der Mottenkisten, welches zurecht dort vergessen wurde, und unterlegt die Chose mit penetrant berechneter Schrägheit samt avantgardistischem Augenzwinkern.

Die eigentliche Frechheit harrt in der aufdringlichen Vehemenz mit der das Retro-Kuddelmuddel selbst den größten Ramsch ungeniert verwurstet, sich somit auch geschmacksbefreiten und im Normalfall Experimenten abgeneigten Hörer andient. Heraus kam eine jede halbwegs im Gleichgewicht befindliche Peristaltik erschütternde Mixtur, deren Wirkung besonders durch Zeilen wie „Rape me / castrate me / make me gay“ noch in vollster Abstrusität versinkt. Doch nicht nur Menopause Man erregt Missfallen. Bei Round and Round wird Michael Jackson so gnadenlos bemüht, dass dieser wohl im Grab rotiert. Von der 1960ern bis in die von Synthies geschwängerten Achtziger Jahre wird alles hervorgekramt, was an kleineren und größeren Scheußlichkeiten vorhanden. Ob völlig vernudelte Rock-Gitarren (Butt-House Buddies), die man nicht einmal in den schmerzbefreiten Siebzigern ertragen konnte, oder das Sixties-Pop in Visier nehmende und mit Fortdauer völlig den Faden verlierende  L’estat (Acc. To The Widow’s Maid) oder Beverly Kills mit Falsetto-Brechstange und Keyboards zum Davonlaufen. Und wenn durch Can’t Hear My Eyes der Geist von Air Supply und ähnlichen Bösewichten weht, dann stößt man den Kopf nur mehr dumpf gegen die Wand, wieder und wieder um die Gnade des Vergessens winselnd.

Before Today gehört fraglos zu den musikalischen Katastrophen des Jahres. Die Scheibe wirkt viel zu aufdringlich, erstickt somit jede Form humoresker Vergangenheitsbewältigung bereits im Ansatz. Ariel Pink’s Hauted Graffiti mag sich Anspielungsreichtum als Qualitätsmerkmal auf die Fahne heften, der Hörer hingegen hisst eine weiße Flagge.

Link:

Album-Stream von Before Today (nur auf eigene Gefahr!)

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Retro-Kuddelmuddel-Ramsch – Ariel Pink’s Haunted Graffiti

  1. hihi, bisher meine Platte des Jahres. Find sie mit nur wenigen Abstrichen grandios. Aber ich hasse auch Indiegitarren mittlerweile wie die Pest.

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