Von ungebrochener Attraktivität – The Cure

Wie ein Überbleibsel aus den Wirrung der Zeiten trotzt Disintegration der Erosion durch Trends und geschmackliche wie technische Neuorientierungen ohne große Schrammen davonzutragen. Nie davor und erst recht nie danach vermochten The Cure ein Album zu ertüfteln, dass in seiner Gesamheit so ungemein aufwühlend wie bewegend geriet. Auch wenn die Patina der Achtziger heute um jeden Preis reproduziert werden will, es bleibt doch die unvermeidliche Erkenntnis, dass man das Flair dieser Dekade nicht in gegenwärtige Formen gießen kann. Die Faszination, welche The Cure mit ihrem Meisterwerk noch immer ernten, birgt keinerlei musealen Charakter.

Die Wonnen der Scheibe liegen in den abgrundtiefen Emotionen begründet, welche Mastermind Robert Smith so trefflich in Worte zu kleiden und unnachahmlich vorzutragen vermochte. Solch Geschick bewahrt Album wie Band vor falscher Nostalgie, die lediglich ein Überdauern in der kollektiven Erinnerung anerkennt. Disintegration wird nicht wegen einer 1989 vorherrschenden Faszination bis in unsere Zeit wahrgenommen, die Platte selbst hat sich ihre Attraktivität bis ins Jahr 2010 erhalten, wirkt ungebrochen. Auch wenn die Gothic-Kultur längst ihre musikalische Relevanz verloren hat, die bisweilen inbrüstige Düsterheit von Disintegration strahlt nach wie vor über die Grenzen aller Subkulturen hinweg ins Herz der Hörer.

Wenn ich das Lied benennen müsste, welches mich die letzten 20 Jahre wie kein anderes prägte, dann falle ich letzten Endes auf Pictures Of You zurück. Es ist in seiner dramatischen Beschaffenheit das perfekte Lied, in welches ich die eigenen Sehnsüchte, Erinnerungen, Enttäuschungen und Tränen einspeisen kann wie konnte, um in der absoluten Tiefe der Wallung einzutauchen. Smiths herzerreißender Tonfall krönt den Track, verleiht ihm die größtmögliche Erhabenheit. Auch der sardonische gewisperte Alptraum von Lullaby weidet sich genüsslich an den geweiteten Augen der Hörer. Der Song – unterstützt von einem kongenialen Video – gehört zu den wüstesten Schauermärchen, wird nur von denjenigen unterschätzt, die sich auf keinerlei Furcht einzulassen wagen. Fast jeder Titel verdient Hochachtung, ob das Kleinod Closedown mit der Zeile „To feel again the real belief of something mor than mockery“ oder die weniger schmermütige, fast schon aufgeräumt vorgetragene Liebeserklärung von Plainsong. Mit Prayers For Rain erreicht die Depression des gesamten Werks seinen in einem fatalistisch-hymnischen Meer aus Gitarren und Keyboards badenden Malstrom, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Auflistung der formidablen Lieder wäre nahezu beliebig fortsetzbar und freilich dürfte dabei auch das in surrealer Schönheit sterbende The Same Deep Water As You („My Hands before my fading eyes and in my eyes your smile„) nie und nimmer fehlen.

Solch ein Monster von einem Album hat nun endlich auch die entsprechende Würdigung in Form einer 3 CDs umfassenden Deluxe Edition erhalten. Während Disc 1 Disintegration in der Pracht modernen Remasterings präsentiert, liefert der zweite Teil einen Blick hinter die Kulissen, bietet instrumentale Demos und Vocal-Rohfassung der Klassiker sowie unveröffentlichte Songs, von denen jedoch ausschließlich Delirious Night mehr als nur eine Fußnote ausmacht. Doch irgendwie lüften The Cure den Schleier nicht gänzlich, lassen die Rarität mehrheitlich Charme vermissen. Weitaus ansprechender fällt die unter dem Titel Entreat Plus firmierende 3. CD aus, die ein 1989 in Wembley gegebenes Konzert dokumentiert und bereits in abgespeckter Form und limitierter Auflage als Entreat 1990 veröffentlicht wurde. Wer die Live-Atmosphäre des drei Jahre später erschienenen Doppelalbums Show schätzt, wird auch Entreat Plus dankbar aufnehmen und darf sich diese Luxusfassung guten Gewissens in das Regal stellen. An der epochalen Qualität des Werks besteht ohnehin nicht der geringste Zweifel.

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Die Raritäten im Stream

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Von ungebrochener Attraktivität – The Cure

  1. habe vor ein paar tagen zufällig wieder das vinyl angehört (seit 20 jahren ein genuss) und festgestellt, dass ich die remaster-version wirklich gerne hätte, jedoch zur zeit leider das geld fehlt 🙂 lohnt denn die klangliche überarbeitung oder wurde wieder lediglich komprimiert?

  2. Irgendwie habe ich deinen Kommentar übersehen gehabt. daher nun die verspätete Antwort: Leider habe ich eben das Original zwecks Vergleich nicht zur Verfügung und habe deshalb absichtlich nichts zur Qualität des Remasterings geschrieben. Für meine in dieser Hinsicht nicht besonders ausgeprägten Ohren klingt der Sound ordentlich, aber auch nicht mehr. An deiner Stelle würde ich das Vinyl weiter hören und das Box-Set eher wegen der dritten Live-CD kaufen. Ich mochte ja den Live-Sound von Show sehr, so sehe deshalb Entreat Plus als echten Gewinn an.

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