When You’re Strange – The Doors

Braucht es noch einen Film über The Doors? Ob Biopic oder Doku, man kennt Jim Morrison und Konsorten inzwischen hinreichend, so zumindest die vorherrschende Meinung. Und wenngleich am ikonischen Status der Band längst kein Zweifel besteht, höchstens die beiläufig eingestreute  Frage nach wie vor kursiert, ob sich der Kult nicht hauptsächlich auf die Exaltiertheit des Frontmannes stützt, wird der am 1. Juli in deutschen Kinos startende, von Tom DiCillo gestaltete Dokumentarfilm When You’re Strange (A Film About The Doors) mit Johnny Depp als Erzähler aufgemotzt. Natürlich wurde auch unveröffentlichtes Filmmaterial ausgegraben, welches einen neuen Blickwinkel auf die Band erlaubt. Kein Portrait darf heutzutage ohne jene Prämisse an den Start gehen. Nicht wieder und wieder gekaute Archivaufnahmen garantieren den Erfolg, es braucht stets neue Erkenntnisse und Bilder.

Meine Skepsis bezüglich dieser Doku vermag sich als berechtigt erweisen – oder einer Faszination weichen. Das wird ein Kinobesuch entscheiden. Zu dem vorliegenden Soundtrack hingegen möchte ich gerne einige Wort verlieren. Es besteht ja wahrlich kein Mangel an den Studioalben (selbstredend remastered), diversen Best-Of-Zusammenstellungen und vielen herausragenden Konzertmitschnitten. Unter diesem Aspekt durfte man durchaus gespannt sein, wie die Produzenten des Soundtracks das Dilemma lösen, dem geneigten Konsumenten eine weitere CD unterzujubeln ohne unveröffentlichte Songs im Köcher zu haben. Denn wenn dem so gewesen wäre, hätte man diese Jubelmeldung bereits vor Monaten in allen Gazetten vernommen.

Der Soundtrack hingegen geht auf Nummer sicher. Die exotischen, nicht in aller Ohren beheimateten Titel fehlen, dazu wurden nur wenige Live-Tracks eingepflegt, die eher durch den Kontext glänzen, in welchem sie entstanden, als durch eine besonders gedenkwürdige Performance der Formation. Wer ekstatische Aufnahmen von Light My Fire über die Länge von 11 Minuten oder mehr kennt, wird dem dreiminütigen Auftritt von 1967 in der The Ed Sullivan Show höchstens mit dem Wissen um damalige Zensurversuche Beachtung schenken. Und da man auch nur wenige Interview-Schnipsel von Jim Morrison, Ray Manzarek, John Densmore und Robby Krieger auf dieser Begleit-CD untergebracht hat, steht und fällt vorliegender Silberling tatsächlich mit Johnny Depp. Sein Vortrag von Lyrikfetzen aus der Feder Morrisons schafft die tragende Atmosphäre, welche in der Tat von Andacht und Stilsicherheit geprägt scheint. Depp beseelt die Zusammenstellung,  wahrt die Seriosität und macht When You’re Strange trotz der Kürze seines Vortrags zu einem Hörbuch, das die Ausstrahlung von The Doors ganz gut vermittelt.

Was bitte soll an einer Compilation zu bekritteln sein, welche Moonlight Drive, The End, Riders On The Storm, Roadhouse Blues oder zum Beispiel When The Music’s Over feilbietet? Außer dem Umstand freilich, dass es sich um eine nicht sonderlich originelle oder ausgiebige Werksschau handelt. Welche Zielgruppe sollte sich den Soundtrack ins Regal stellen? Wahre Liebhaber – und zu jenen zähle ich mich – besitzen bereits mehr Platten als Finger an den Händen, diejenigen Zeitgenossen, denen immer eine Best-Of Genüge tut, werden eine solche ebenfalls lange schon ihr Eigen nennen. Und ob eben jene Doku eine große Schar neuer Enthusiasten auf den Plan ruft, das bezweifle ich ein wenig. Vermutlich würde eine auf 2 CDs aufgespreizte, mit mehr Live-Material aufgemöbelte Variante besser funktionieren. So hingegen muss ein feiner Johnny Depp den Kaufanreiz alleine schultern.

Ohne mit der Wimper zu zucken erachte ich die Formation für die wichtigste Band der Musikgeschichte. Ich ziehe einen Track von The Doors dem gesamten Katalog der Rolling Stones oder der Beatles vor und würde jedem Widerspruch mit Übereifer begegnen. Mich also kann kein Film oder Soundtrack tief im Mark erschüttern. Ich bin es lange schon. Dass vorliegende CD zu When You’re Strange anderen Hörern einen ähnlichen Effekt beschert, wünsche ich mir trotz manchen Zweifels sehr.

Link:

Offizielle Webseite zu When You’re Strange

Homepage von The Doors

SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „When You’re Strange – The Doors

  1. Ich halte die Doors auch für eine tolle Band, zumindest die Live CDs finde ich ganz ausgezeichnet. Mit den Studiosachen kann ich nicht so viel anfangen, finde sie allerdings durchaus gut. Morrison Hotel liebe ich sogar. Dennoch geht nichts über Abbey Road (Beatles), Pet Sounds (Beach Boys) und Odessey & Oracle (The Zombies). Aber ich glaube da kommen wir auf keinen grünen Zweig 😉

  2. auch ich besitze bis auf „soft parade“ alle studioalben, aber – wie von euch zurecht bemängelt – leider keine live-aufnahmen 🙂 das werde ich nun ändern. den film sehe ich mir auf jeden fall an, auch für den soundtrack werde ich mal ein ohr riskieren. aber juian hat recht: ich ziehe „abbey road“ sowie „beggars banquet“ und „black and blue“ von den stones (warum auch immer 🙂 jedem doors-album vor.

  3. Also ich habe die Live-Alben Live at the Aquarius (Show 1 und Show 2), Live in Detroit sowie Live in Philadelphia – kann dir besonders die Aquarius-Shows sowie den Auftritt in Detroit empfehlen. Und nein, leider kann ich selbst beim besten Willen niemanden verstehen, der die Beatles höher einschätzt. Ich kann in keinem Song der Beatles diese radikale Intensität sehen, wie sie The End perfektioniert. Vielleicht setzt aber bei mir noch die Alternsmilde ein…

  4. Ich finde Lennons „I want you – she’s so heavy“ mindestens so intensiv wie „The End“. Allerdings sind The Doors live wirklich was ganz Anderes. Selbst die „In Concert“ zeigt, wie vereinnahmend der Sound ist.

  5. 🙂 alles klar jungs, ich hab verstanden: doors müssen live ins regal! „i want you“ ist wirklich ein knüller, mind. so gut wie die doors-klassiker. aber so düster und hoffnungslos wie „riders on the storm“ ist nicht vieles.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.