Chimäre aus Folk und R&B – Frazey Ford

Ich halte mich ja nicht eben für Sherlock Holmes. Aber wenn die Sängerin von The Be Good Tanyas ihr Solo-Debüt ankündigt, dann erwarte ich mir doch gediegenen Folk oder etwas, das gemeinhin als Alternative Country firmiert. Aber Frazey Ford macht meiner Kombinationsgabe einen Strich durch die Rechnung. Das Album Obadiah entpuppt sich als souliges Album, welches durchaus starke folkige Anwandlungen aufweist, aber eben doch anders als vom Kenner vermutet klingt. Damit wir alle auf der gleichen Wellenlänge segeln, sei gleich eingangs vermerkt, dass ich bei Soul-Musik und ihren zahlreichen Unterkategorien und Nebenschauplätzen gerne mal ob einer Überdosis Gefühl dahinsieche. Doch Frazey Ford unterlegt das Werk mit einem ungezwungenen Vibe voll sanfter Grooves, passend zu einem Vortrag, der lieber konsequent Geschichten erzählt, Gefühle aufarbeitet, nicht herumkrakeelt und auch keine große Emotionen mit zuviel Nachdruck an Mann wie Frau zu bringen sucht.

Einer der Songs, die bereits beim ersten Hördurchlauf ins Ohr hüpfen, ist Goin‘ Over. Dass es sich hierbei um ein Lied aus dem angestammten Metier Fords handelt, liegt wohl auch an der Erwartungshaltung, mit der ich die Platte in Empfang nahm. Unscheinbar reckt sich diese folkige Abschiedsballade empor, gestützt von Gitarre und Percussion. Schlicht und ergreifend ein Kleinod, das Kleinod sein will und diesen Vorsatz auch einlöst. Lay Down With You steht für die soulige Note, bei der die Stimme schon mal resolut die Arme in die Hüften stemmt und sich unzufrieden fragt, was Glück eigentlich ist. Noch mehr kommt die Sache bei Blue Streak Mama ins Rollen, welches der Pressetext als süß und rauchig wie schwarze Melasse einstuft und damit das R&B-Flair des Lieds gut charakterisiert. Als absolutes Glanzlicht jedoch entpuppt sich Gospel Song, dessen Erhabenheit und Erbaulichkeit zu einem musikalischen Erweckungserlebnis erwächst. Da will man laut Halleluja schreien.

Frazey Ford – I Like You Better by nettwerkmusicgroup

Frazey Ford – The Gospel Song by nettwerkmusicgroup

Aber auch die wiederholte Beschäftigung mit Obadiah lohnt, weil sie Songs birgt, die erst nach mehreren Anläufen in die Gehörgänge übergehen. So etwa Firecracker, das als Opener anfangs eine Irritation bedeutet, wenn man zunächst einer Fortführung der Tradition von The Be Good Tanyas harrt. Die nähere Betrachtung stuft den Track als radiokompatibel ein – und meint dies als Lob. Wie Banjo und Hammond-Orgel hier diese Chimäre aus Folk und R&B unterfüttern, Fords Vortrag besticht, das überrascht wie es in der Folge auch begeistert. Nicht minder soulschwanger erfreut I Like You Better, bei dem man Frau Fords bisheriges Schaffen endgültig aus dem Gedächtnis streicht.
Frazey Ford – Firecracker (Live at Lilith Fair 2010)

Frazey Ford | MySpace Musikvideos

Obadiah entzieht sich einer eindeutigen Genre-Kategorisierung, scharwenzelt nicht um eine klar definierte Zielgruppe herum, bietet lieber Überraschungsmomente. Mag der Sound auch stellenweise zu entspannt sein, um im großen Stile zu zünden, so darf doch konstatiert werden, dass Frazey Ford mit dieser Platte eines der spannendsten Singer-Songwriter-Werke des Jahres auf die Beine gestellt hat. Da wird sogar der Soul-Muffel in mir besänftigt.

Obadiah ist am 16.07. auf Nettwerk erschienen.

Link:

MySpace-Auftritt

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