Der Scheiß ist heiß, die Kacke am Dampfen – Arcade Fire

Der Scheiß ist heiß, sprich die Kacke am Dampfen, wenn uns die Indie-Götter Arcade Fire ein neues Album vorsetzen. Wir sprechen da nicht über irgendeine Combo aus Travemünde, deren Ausscheidungsprodukte höchstens von den Familienmitgliedern mit Schulterklopfen bedacht wird. Nein, wir vergehen in Ehrfurcht,  schließlich haben uns Arcade Fire soeben das neue Album The Suburbs vor die Nase gesetzt! Und dessen Aroma strömt sogar bis in meine sommerbeheizte Kemenate. Wie das Häufchen am Bordstein umschwärmende Fliegen stürzen sich  Kritiker auf diese neue Scheibe und kreischen im Tonfall teenagerhafter Begeisterung ein Lecker in die Weiten des Internets. Aber ist das Mahl wirklich bereitet? Ich melde Zweifel an.

Klartexten wir doch einfach. Fast jeder Song von Arcade Fire wurde so oder so ähnlich schon unzählige Male niedergeschrieben, mit mehr oder weniger Erfolg dargebracht und ab und an auch kräftig konsumiert. Innovation sieht anders aus, unanständig anders. Arcade Fire sind keine Radiohead, welche ständig tüftelnd und werkelnd das Rad neu erfinden. Vom gesanglichen Aspekt betrachtet möchte man Frontmann Win Butler gerne die eine oder andere Socke in den Mund stopfen, denn als Gott stimmliches Talent regnen ließ, bekam er nur wenige Tropfen ab. Aber die windelweiche Intonation stört nicht weiter, denn das Gesäusel kann sich geschickt in flockigen Melodien und gekonnter Instrumentierung verstecken. Womit ich auch schon bei den positiven Charakteristika von The Suburbs angelangt bin. Wenn man Versatzstücke großer Vorbilder zusammenträgt und mit viel Hingabe jedes Puzzleteilchen geschickt verortet, dann kann durchaus von Originalität gefaselt werden. Und da so ziemlich alles darin verwurstet wird, was noch keinen allzu augenscheinlichen Moder angesetzt hat, darf sich sowohl Gourmet wie Allesfresser daran laben.

The Suburbs ist ein ansehnliches Album, welches 16 Songs offeriert und dabei lediglich eine Handvoll Ausfälle verzeichnet. Eventuell macht eben das die Herrschaften auch derart sympathisch und beliebt. Sie machen aus ihren Möglichkeit verdammt viel. Mittelmaß streckt und reckt sich gen Decke, durchbricht diese mitunter. Was Genies durch Nachlässigkeit vertändeln, wird hier dank akribischer Sensibilität für Trends wunderbar umgesetzt. Arcade Fire können an Synthie-Pop ebensowenig vorbei wie an Punk-Rockigkeit, gönnen sich den Pathos von U2 oder setzen sich eine flauschige Krautrock-Krone auf, machen sogar einen auf ABBA auf Speed. Konsistent geht anders, aber konsistente Platten schlurfen viel seltener über die Ladentheken.

Photo Credit: Eric Kayne

Kommen wir zu den Kuriositäten. Empty Room zählt fraglos dazu. Hier geben sich ABBA und Jim Steinman ein Stelldichein, man traut den Ohren nicht, erstarrt in Fassungslosigkeit, dass solch Frechheit tatsächlich funktioniert. Weniger mit Ruhm bekleckert erstrahlt Rococo, welches sich an der unentwegten Wiederholung des Wortes berauscht und um jeden Preis um Aufmerksamkeit bettelt. Sprawl II (Mountains Beyond Mountains) trägt eine Disco-Ära zu Grabe, die man nicht tief genug verbuddeln mag. Ein übles Lied. Allerdings stehen weniger gelungenen Liedern mehrheitlich feine Tracks gegenüber. Wer möchte den Stab über Suburban War brechen oder Wasted Hours schlechtreden? Doch wie gut wäre letzterer Titel erst, wenn ihn ein zum Beispiel ein Fran Healy singen würde und man das Lalalala aus dem Background verbannen würde. Ohne Frage zählt City With No Children zu den starken Nummern dieses Jahres, überzeugt Half Light II (No Celebration) mit schickem 80er-Charme, ist Modern Man Indie-Rock der besten Sorte. Daran vermag ich nicht zu rütteln, will es gar nicht.

Von Arcade Fire erwartet man den brandneuesten, heißesten Scheiß. Da soll sich Eingängigkeit mit Anspruch und Hype-Potential multiplizieren und ein Fressen für die Kritikergemeinde ergeben, an dem sie sich nicht satt essen möchte. Bei mir jedoch haben die Kanadier weitaus weniger Vorschusslorbeeren auf dem Kerbholz, daher will ich von einer sehr soliden Scheibe sprechen, The Suburbs durchaus mit Wohlwollen betrachten. Freilich erscheint mir die Kacke nicht frisch genug, um tatsächlich noch zu dampfen.

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Ein Gedanke zu „Der Scheiß ist heiß, die Kacke am Dampfen – Arcade Fire

  1. du sprichst mir aus der seele! ich kann hier auch noch nicht „das erste große indie-album der 10er jahre“ (die dekade ist ja auch erst 7 monate alt :-)) heraushören, bin aber durchaus gewillt, dem wohlbekannten, gefälligen musikschema der kanadier noch ein paar chancen zu geben.

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