Die leichte Unerträglichkeit des Seins – Polemik als Poesie unserer Tage

Nicht die feine Klinge des Degens sticht, lieber mäht die Sense alles nieder, was so kreucht und fleucht. Warum ins Fadenkreuz nehmen und sorgsam zielen, wenn allumschwingender Furor die gleiche Wirkung erreicht. Und wir ergötzen uns mehrheitlich an dem Schauspiel, stacheln Akteure zu immer neuen Rundumschlägen an. Derart gerät Polemik zur Poesie unserer Tage. Erfreut uns, tupft Farbe in den Alltag der Betrachter.

Ob Talk-Shows, Printergüsse oder ungelenk inszenierte Politpossen, je lauter das Säbelrasseln zu uns dringt, desto inniger der Wunsch das Spektakel in High Definition zu verfolgen. Mit einem Bierchen in Händen – gehobenere Kreise favorisieren Rotwein – lässt sich jegliches Gemetzel wundersam in die Seele spülen, wo niedere Instinkte zum Tanz bitten. Ob Frank Plasberg, Bild oder CSU, sie bedienen eine Kultur der Aufgeregtheit, die nackte Empörung bestenfalls in ein durchsichtiges Mäntelchen von Anstand kleidet. Streit und Diskurs als hehre Notwendigkeiten gesellschaftlichen Zusammenlebens verkommen oft und gerne  zu Hinterhältigkeiten, Hetze und saubermännisch geheuchelter Kritik. Man skandalisiert nicht aus moralisch gefestigten Standpunkten heraus, dazu wechseln Meinungen viel zu schnell. Vielmehr definiert die Konfrontation die eigenen Positionen, reiben sich Auffassungen in den steten Kämpfen zu Positiönchen auf, deren Konturen mehr durch das Kontra skizziert werden.

Was uns als medial zelebrierter Krampf serviert wird, überträgt sich letztlich auf uns. Wir spinnen den Terror von Zank und Zoff in unserer kleinen Welt der Meinungsäußerung weiter.  Und dies begründet die Erfolgsgeschichte des Internets. Es flirrt und flittert vor Auseinandersetzung. Das globale Dorf macht die Kriegspfade, auf denen es sich lustvoll wandeln lässt, so kurz. Im Idealfall schrumpfen sie auf Stammtischlänge zusammen. Hier solidarisieren sich Gleichgesinnte zwecks Feinbildpflege, dreschen auf andere Meinungen ein. Die im großen Rahmen vorexerzierte Unkultur der Attacke durchwächst auch die Strukturen des Netzes. Mit Gebrüll und Totschlagelementen wird in Foren, Kommentaren, Chats und Blogs dank vermeintlicher Anonymität mit offenem Visier der Auseinandersetzung entgegengelechzt.

Deshalb gerät das Internet auch zum Sandkasten, in welchem Worte zur Munition mutieren. Was mit medialem Tamtam von als Gladiatoren gewandeten Persönlichkeiten vorgeturnt, dem wünscht Otto Normalbürger im World Wide Web auch mit geringem Aufwand nachzueifern. Man feuert aus allen Lagen, jagt spürhündisch etwaigen Eklats hinterher und brezelt sich brüsk in Empörung auf. Letztlich etabliert keine wohlfundierte Meinung ein nachhaltiges Wohlbefinden, die Lust sich zu echauffieren kitzelt die Nerven viel feiner.

Die leichte Unerträglichkeit des Interet-Daseins liegt darin, dass sich ein hyperkommunikatives Medium längst in den identen Fallstricken verheddert, denen althergebrachte periodische Publikationen bereits in Perfektion frönen. Meinungen geraten zu den eigentlichen Nachrichten, transportieren im Kern investigative Erregung, interpretieren Fakten geschmeidig, boxen mit harten Bandagen. Solange Einschätzungen über deduzierbaren Erkenntnissen stehen, Slogans funktionieren, das Netz als Sprachrohr des kleinen Mannes im Endeffekt nur eine kakophonische Kopie dessen bedeutet, was uns durch Funk und Print ohnehin an Beflegelungen und Hahnenkämpfen tagtäglich heimsucht, wird das Internet keine besondere gesellschaftliche Bereicherung generieren. Wenn unsere Stimmen bloß ähnliches krächzen, können wir den Zinnober getrost denen überlassen, die ihn von Beruf wegen verbreiten. Die Rolle des feixenden Gaffers sollte nicht gering geschätzt werden.

SomeVapourTrails

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