Nicht aus allen Rohren röhrend – Tom Jones

Wenn ein Künstler, der bereits die eine oder andere Dekade im Showbiz am Buckel trägt, sich plötzlich das Vergnügen gönnt, ein Album aufzunehmen, in welchem lediglich die Liebe zur Musik im Fokus steht und aller unnötige Firlefanz über Bord geworfen wird, dann wittert der Musikkritiker sofort eine Imitation dessen, was Johnny Cash mit seinen American Recordings erschaffen hat. Dass Tom Jones mit seiner neuen Platte Praise & Blame nicht länger die Sex Bomb gibt, nicht um jeden Preis den neuesten Trends nacheifert, schlichtweg ein zeitlos bluesiges Werk fabrizieren wollte, welches auch thematisch nicht den senilen Womanizer hervorkehren sollte, darf man ihm nicht zum Vorwurf machen. Aber vermutlich tun sich Kritiker mit altersweisen, gerne auch religiösen Scheiben unter anderem deshalb schwer, weil der durchschnittliche professionelle Rezensent in seinen 30ern eine aufkeimende Midlife Crisis nicht auch noch musikalisch anheizen möchte. Zumal Gospels und Spirituals von einem Gott künden, den man heute lediglich noch als Statisten in skandalgebeutelten Kirchen verortet. Deshalb verschanzen sich Kritiker hinter zwei Bewertungsmustern. Loben ein solches Album, weil es all die gegenwärtigen Gebote des Business negiert und eine Ernsthaftigkeit absondert, oder belächeln die Chose als Indiz dafür, dass der Künstler seine Identität aufgibt und die finale Absolution für sein bisheriges Schaffen zu erhaschen sucht. Was bietet sich als Buße besser an als spartanisch instrumentierte Traditionals?

Gerne wird dabei außer Acht gelassen, dass die Greise unserer Tage nicht mit den Liedern der Beatles aufgewachsen sind. In ihrer Jugend tatsächlich noch unverwässerte und weniger kommerzialisierte Lieder hörten und nachsangen und vielleicht eben deshalb althergebrachte Stile vor der Verpopung kannten. Unter diesem Aspekt erscheint auch Tom Jones authentisch, wenn ihm der Blues in der Seele brennt und er statt Glitzer und Glamour Gott anbetet. Zu den Highlights von Praise & Blame gehört zweifelsfrei das gedämpfte, reflexionsreiche What Good Am I?, das beweist, dass der Interpret Jones beileibe nicht aus allen Rohren röhren muss, um Ausdrucksstärke zu demonstrieren. Auch John Lee Hookers Burning Hell ist hier in guten Händen. Wieviel Intensität ein schlichtes Gitarrenriff und ein kräftiges Schlagzeug doch aufbieten können! Und doch treten sie in den Schatten des  omnipräsenten Sängers. Auch Nobody’s Fault But Mine gerät zur schönsten Coverversion des Traditionals seit sich Nina Simone dem Lied angenommen hat. Ob Rockabilly (Strange Things) oder die Country-Ballade (If I Give My Soul), alles klingt überzeugend stilsicher.

Photo Credit: Marco Grob

Wenn am Ende Ain’t No Grave ertönt, hat man die schnarrige, bestechende Interpretation des seligen Johnny Cash noch frisch im Ohr. Trotzdem schneidet Tom Jones sehr gut ab – auch bei Run On, welches man als God’s Gonna Cut You Down ebenfalls untrennbar mit Johnny Cash verbindet. Dieser Blues-Rock zeigt den walisischen Tiger so lebendig wie lange nicht mehr, macht aus einem lüsternen alten Sack einen mit Gott, der Welt und vor allem sich selbst ringenden Zeitgenossen, der eben diese Befindlichkeit mit dem speziellen Timbre seiner Stimme stets über bloße Routine hinausgehend wiedergibt. So achtbar und wacker wie sich Tom Jones auf Praise & Blame schlägt, wünscht man noch weitere solch sehr gelungener Scheiben. Die Fans vermögen den vermeintlichen Anflug von Altersreife richtig zu deuten, Musikjournalisten entlarven ihre engstirnigen Interpretationen ohnehin.

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SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „Nicht aus allen Rohren röhrend – Tom Jones

  1. Auf die Kritik war ich echt gespannt! Finde gut, dass du nicht die religiösen Ansichten verteufelst wie es erst vor kurzem mit dem neuen Nina Hagen Alben überall gemacht wurde. Das Video überzeugt mich auf alle Fälle und wird das erste Tom Jones Album sein, dass ich mir nach sehr langer Zeit wieder mal kaufen werden.

  2. Das ich das noch erleben darf. Und dann noch in meinem Lieblingsblog. Vielen Dank, mein lieber Herr, für die diese wunderbare Vorstellung des überaus grandiosen Herrn Jones.

  3. Tom Jones‘ religiöse Ansichtenm mit der komplett durchgeknallten religiösen Weltsicht einer Nina Hagen auch nur in einem Satz zu nennen oder gar zu vergleichen, ist ja wohl eine maßlose Unverschämtheit 😉

  4. Sehe ich genauso. Die Leute sollte nicht soviel die Yellow-Press studieren. Ich wüsste auch nicht was es da auch nur im Ansatz zu verteufeln gebe.

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