Über das Ende der Flegeljahre des Internets

War einst das Lesen im Kaffeesatz früher noch geheimnisumwittert und mit Rätseln behaftet, durfte sich jedermann mit Glaskugel hochtrabend Nostradamus schimpfen, so kennzeichnet die Gegenwart eine neue Sachlichkeit. Die  nüchterne Bezeichnung Zukunftsforscher suggeriert einen wissenschaftlichen Ansatz, unter dessen Deckmäntelchen sich mitunter spekulative Aussagen mit Binsenweisheiten mischen. Jegliche Prognosen bleiben jedoch stets hinter der Zukunft zurück, die nicht mit sich feilschen lässt.

Ich spiele heute einmal Nostradamus.

Gestern griff die österreichische Tageszeitung Kurier eine Meldung der APA (Austria Presse Agentur) auf, die den deutschen Zukunftsforscher Matthias Horx orakelnd zitierte. So sieht er unter anderem die Götterdämmerung für Soziale Netzwerke unmittelbar bevorstehen und lediglich „soziale Verlierer„, die sich gegenseitig die Unterwäsche zeigen, darin verbleiben. Mehr noch, Horx ortet eine Welle Ausstiegswilliger, die dem Internet den Rücken kehren und den Computer nur noch als „zeitfressende Maschine“ wahrnehmen. Eine weitere Behauptung des werten Herren zielt auf die Langsamkeit des Internets ab, dessen vermeintliche Rasanz er als „Selbst-Propaganda“ zu enttarnen wünscht. Dies wird laut dem Artikel etwa darin begründet, dass viele Menschen noch immer hauptsächlich den Desktop gebrauchen und die Nutzung mobiler Geräte den Alltag der Mehrheit keineswegs penetriert hat. Folglich skizziert der Forscher einen langen Weg, bis das Internet als Fundament des Alltags aller Zeitgenossen dominiert, sieht dies erst ab 2050 erreicht. Soweit die hier nachzuvollziehenden Thesen.

Doch ist die nahe Zukunft tatsächlich bei noch lebendigem, im Wachstum begriffenem Leib zu sezieren? Wenn ich mich auch nicht mit dem Titel Zukunftsforscher schmücken darf oder will, so vertraue ich doch meiner ureigensten Methodik der steakmesserscharfen Beobachtung, um zu dann und wann abweichenden Erkenntnissen zu gelangen. Zunächst möchte ich Herrn Horx allerdings zustimmen und mit am dauerhaft florierenden Boom sozialer Netzwerke zweifeln. Es wird fraglos auch weiterhin das Bedürfnis bestehen, sich in ein virtuell angelegtes globales Dorf einzunisten. Doch siedelte man in der letzten Dekade alle 2 Jahre um, indem man es den trendsettenden Freunden gleichtat, in das gerade angesagte Viertel zog, MySpace mit einem Winke-Winke bedachte und mit Kind und Kegel Facebook seine Aufwartung machte. Eben jenes Massenphänomen des Nomadendaseins könnte bald einer starrköpfigen Sesshaftigkeit weichen. Denn je mehr stinkrealer Alltag in das Internet transzendiert, man Einkäufe, Steuererklärungen, Bankgeschäfte und dergleichen darin erledigt, desto vermehrt greifen auch die Mechanismen, nach denen wir unser Leben ausrichten. Der Wunsch nach Stabilität zum Beispiel. Und derart verliert das Netz die Aura des Wilden Westens, mutiert vom Abenteuerland zum El Dorado der Berechenbarkeit. Eben auch in Freizeitbelangen. So wie der Kneipenabend mit Freunden nur selten mit dem Erwachen im Adamskostüm auf einer Müllhalde am Rande der Stadt endet oder ein Kinobesuch nicht in einer Stippvisite in eine S/M-Club samt altersschwacher Domina mündet, dergestalt soll auch das World Wide Web Überraschungen auf höchst niedrigem Pegel offerieren. Kurz gesprochen: Nach den Flegeljahren wird das Internet nun zunehmend seriös. Natürlich bleiben sämtliche Nischen besetzt. So wie jede Stadt mit einem Rotlichtbezirk aufwarten darf, wird dies zunehmend reglementiert auch im Internet zu finden sein. Dito soziale Brennpunkte, die im Internet in vielen Foren lauern, wo lautes Pöbeln und absolut vernunftbefreites Gelaber Aufnahmebedingung scheint. Wie man das Eigenheim nachts beschützt, indem man die Vorhänge zuzieht, die Türe versperrt und Wertgegenstände gegen Diebstahl sichert, wird dies auch den persönlichen Daten im Internet ergehen. Die Blauäugigkeit der vergangenen Jahre weicht einem  unaufhörlich zunehmenden misstrauischen Blick. Deshalb wittere ich auch eine schrumpfende Erfolgquote für Spam und Phishing. Dumme sterben auch in 20 Jahren nicht aus, Unglücksraben ebensowenig. Aber das steigende Sicherheitsbewusstsein wird die Kriminalität zusammenstutzen.

Eine solcherart gesittete Realität überträgt sich fraglos auf social communities. Wenn Meinungsmacher derzeit den Aufstand gegen Facebook proben, können handfeste Resultate kaum ausbleiben. Somit sehe ich den Trend in einer Auffächerung der Angebote, in jenem Maße in sozialen Kasten eingeteilt, wie es die so greifbare Wirklichkeit vorexerziert. Jan aus Marzahn bechert nie und nimmer beim Edelitaliener, während sich der aufstrebende Manager kaum eine Currywurst in einer düsteren Spelunke  in den Gaumen führt. Die sozialen Parallelwelten dürften das Netz noch viel stärker dominieren.

Dass jedwede sich zunehmend verfestigende, klare Regeln etablierende Gesellschaft auch ihre Pappenheimer kennt, selbstdeklarierte Outlaws eben, bedarf keiner näheren Erklärung. Und darum wird Fortschrittsfeindlichkeit natürlich eine veritable Reaktion darstellen und die von Zukunftsforscher Horx angekündigten Offline-Wesen kreieren. Doch wieviel Einfluss besaßen die Aussteiger der letzten Dekaden? Seit der Hippie-Bewegung wurden Gegenkonzepte zur Modernität recht rasch im Orkus des Vergessens versenkt. Das gleiche Schicksal droht den Internet-Verweigerern.

Widmen wir uns nun der Mobilität des Internets, die mit Sicherheit noch in den Kinderschuhen steckt. Aber warum? Schüchtert Apple mit iPad und iPhone diejenigen Zeitgenossen ein, die mit technischem Schnickschnack auf Kriegsfuß stehen? Macht der Terror der Apps nicht den Menschen berechtigte Panik, welche Übersichtlichkeit und Funktionalität mehr schätzen, als etwaige Versprechung, dass dies Wunderwerk der Technik mit ein wenig Aufrüstung auch als Toaster hervorragend funktioniert? Momentan liefert die Industrie überbordende Beteuerungen des Möglichen, produziert an der Sehnsucht der Konsumenten vorbei, die auf das Kaufargument der Idiotensicherheit warten. Wem noch kein Laptop in die Wiege gelegt wurde, dessen Affinität zu sich Jahr für Jahr in einem geradezu kannibalischen Akt immer neuer technologischer Revolutionen die Bahn brechenden Entwicklungen verläuft in mürrisch abgesteckten Grenzen. Nichtsdestotrotz wäre es falsch zu vermuten, dass erst das Aussterben der vermeintlich altmodischen Generationen zu allumspannender, allgegenwärtiger, allmächtiger mobiler Vernetztung führt. Die Selbstverständlichkeit des Umgangs mit dem Internet als jederorts anwendbares Alltagsmittelchen wächst mit der Bedienerfreundlichkeit der Geräte. Wir werden definitv nicht bis in die Mitte dieses Jahrhunderts warten müssen. Und das wiederum sollte Herrn Horx freuen, weil er somit den Wahrheitsgehalt seiner Prophezeiungen sicher noch nachzuvollziehen vermag.

SomeVapourTrails

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