Grönemeyerst du noch oder poiselst du schon? – Philipp Poisel

Wer den Minnesänger gibt, sich ein unverkrampftes, mit scheuem Augenaufschlag vorgetragenes Begehren bewahrt, dabei in letzter Konsequenz nicht zum Strick greift und Liebe als Pein begreift, der hat es in deutschen Landen schwer. Seit den Leiden des jungen Werthers verlangt Anspruchsdünkel nach depressiv-existentiellem Scheitern in Herzensangelegenheiten, vornehmlich gepaart mit einem nebülos deformierten Sprachstil, dem das Proletariat nur mit einem Wörterbuch zu Leibe zu rücken vermag. Wer Sehnsucht in Einfachheit kleidet, sie ohne ironische Brechung darbringt, ist unerschütterlicher Kuschelbarde – damit verdächtig.

Einleitend beschriebene Haltung wird zweifelsohne zu gewetzten Messer führen, wenn Philipp Poisel am 27.08. sein neues Album Bis nach Toulouse in die Welt hinausstreut. Man wird sich darüber mokieren, dass Poisels Liebeserklärungen eine fast schon aufreizende Reinheit des Herzens bedingen, seine Texte poetische Bilder mit einer unverbrüchlichen Einfachheit von Sprache verknüpfen, die den Stallgeruch der Trivialität atmet, so gar keine Doppelbödigkeit anbietet. Noch dazu fehlen politische Botschaften oder Anflüge sozialer Abbildungen, soviel Biedermeier will man nicht tolerieren. Soll nun ja niemand den Begriff Liedermacher in den Mund nehmen! Was man jedem vor Durchschnittlichkeit strotzenden amerikanischen Singer-Songwriter durchgehen lässt, gilt jedoch nicht länger als Kavaliersdelikt, wenn es in der Muttersprache passiert. Insofern werden die fachkundigen Rezensenten Herrn Poisel entweder ob des nuscheligen Gesangs zerpflücken oder milde den Kopf durchwuscheln und von einem netten Versuch sprechen.

Foto Credit: Lina Scheynius

Ich jedoch mag mir den Luxus leisten, meinen Gemütshaushalt mit Musik zu füttern, die sich den Blick jugendlicher Unschuld bewahrt, neben Ängsten auch eine Hoffnung und Hingabe äußert, die noch nicht im Mörser des Alltags zu Desillusionierung und Zynismus zermalmt wurde. Eben so schmettert Philipp Poisel wie ein farbenvoller Ling durch eine sonst mitunter triste Wirklichkeit, sorgt für einen Emotionskolorit, welcher den Grauschleier von der eigenen Seele pinselt.  Dies Unterfangen gelingt dem werten Sänger mit Bis nach Toulouse von A bis Z. Darum will ich die Güte seiner Lieder nun im Detail ausbreiten.

Foto Credit: Lina Scheynius

Wie soll ein Mensch das ertragen: Poisels lyrisches Ego wünscht sich, einer Angebeten, welche er alle Tage sieht, seine Liebe darlegen zu können. Stilistisch erinnern Zeilen wie “ Stell dich vor meine Mitte, leg dich in jede Figur, werf dich in jeden meiner Schritte, ich tanz für dich, wohin du willst.“ durchaus an Herbert Grönemeyer. Nun muss man kein Schelm sein, um zu vermerken, dass das Album sicher nicht zufällig bei Grönemeyers Grönland Records erscheint. Der Track gerät zum ersten Highlight der Platte.

Für keine Kohle dieser Welt: Der Barde lässt mich kopfkratzend zurück. So eingängig der Refrain sich auch präsentiert und wie sehr sich der Sound im Verlauf auch entfaltet, von der zugegeben herrlichen, anfänglichen Textlastigkeit („Ich öffne meine Arme, damit der Wind mich trägt, bis die Meeresflut mich zurück ans Ufer legt.“) abrückt, bleibt mir die Aussage ein kleines Mysterium. Soll man seine Freiheit nie und nimmer unterjochen lassen? Ich muss aber auch nicht alles verstehen, der Titel gefällt dennoch überaus.

Im Garten von Gettys: Der werte Sänger packt die Badehose ein und beschreibt ein Urlaubsidyll. Tintenfische werden gefangen und an einer festlichen Tafel verzehrt. Paradiesische Zustände auf einer Insel samt einer Französin, die den mit Sand in den Schuhen lustwandelnden Jungen verzaubert. Ein Wohlfühllied der Marke Poisel.

Froh dabei zu sein: Das Leben erscheint als Geschenk, konstatiert der in Zufriedenheit schwelgende Sänger, welcher mit seiner wegdriftenden Jugend auch die Angst vor dem Tod aufziehen sieht. Und sich dennoch nicht die Freude am Leben nehmen lassen will. Dazu noch ein knackiger Rhythmus und fertig ist das einzig schwächere Lied auf vorliegender Scheibe.

Bis nach Toulouse: Wenn sich Provence auf Contenance reimt, der Held in französische Gefilde flieht und dabei jedoch seine Liebste vermisst, dann will man ihn wahlweise auf dieser Spritztour begleiten oder der Dame die Leviten lesen, warum sie ihm nicht auf der Stelle nachreist. Von der Stimmung wird man auf alle Fälle mitgerissen. Ein Glanzstück.

Zünde alle Feuer: „Plauder auf mich ein.“ wird hier wiederholt gefordert. Als alter Grönemeyerianer kommt mir solch Ansinnen selbstverständlich bekannt vor. Poisel zündet tatsächlich den Turbo, legt eine flotte Nummer aufs Parkett. Ob die vehementen Liebesbekundungen und eindringlichen Bitten die Herzensdame überzeugen? Wäre ich weiblich, zehn Lenze jünger, dann würde ich angesichts solcher Worte selbst einen Quasimodo erhören.

All die Jahre: Aufgemerkt! Reminiszenzen an die Verflossene, alle Dämme der Tränendrüse brechen. „Doch heut nacht hab ich von dir geträumt und alle meine Liebe hat sich wieder aufgebäumt.“ gesteht der Sänger. Da will ich ihn ob solch gekonnter Reimschmiederei umarmen und Daumen drücken für ein Happy End. Ohne Zweifel bestens mit einem Taschentuch in der Hand zu erlauschen.

Markt und Fluss: Poisel wandelt nicht immer auf Freiersfüßen oder durch Postkartenoasen. Er flaniert auch streicherunterstützt durch eine grüblerische Szenerie, die ihm in ihrer Vertrautheit eine Orientierungslosigkeit vermittelt. Ein schwer fassbares Lied, von dem es ruhig noch ein weiteres auf das Album hätte geben dürfen.

Zwischen innen und außen: Der Liedermacher gibt wieder den hin und her gerissenen Freigeist, der nach einem Mittelweg sucht. Freiheit – ja, Beziehung – ja, nun soll noch alles unter einen Hut. Mich würde es nicht besonders verwundern, wenn sich besonders dieser Titel als das Mitsinglied auf Konzerten entpuppt. Nach dem zweiten Durchlauf hat sich selbst der größte Legastheniker den Text eingeprägt.

Liebe meines Lebens: Ich beneide ihn, ob seiner Fähigkeit selbst da, wo man Hab und Gut darauf verwetten möchte, dass Philipp Poisel auch gleich ins Fettnäpfchen der schwülstigen Schmalzigkeit tritt, dieses grazil umdribbelt. Da kann man ihn zum Mesut Özil der Liedermacher küren. Der Track offenbart eine derartige Zuversicht, dass man sich jenem ewiglichen Liebesversprechen anschließen möchte.

Hab keine Angst: Ein Lied für Frauenversteher, salopp formuliert. Folglich muss ich in diesen Titel noch mehrfach hineinhören, um ihn zu begreifen. Traurigen Single-Frauen wird er wohl viel Trost anbieten.

Ich will nur: Poisel mit Piano, in Live-Atmosphäre. Grönemeyer, ich hör dir abermals trapsen! Tja, ich räume gerne ein, dass mich das Lied absolut berührt. Die eingangs von mir beschworene Schlichheit des Poiselschen Vortrags kulminiert in einem vollendeteten Abschluss. Ich halte mich für Romantiker genug, um bei Sätzen wie „Ich will nur, dass du weißt, ich hab dich immer noch lieb, und dass es am Ende auch keine Andere gibt, die mich so vollendet, die mich so bewegt.“ eifersüchtig zu werden, weil ich sie weder so ersinnen noch darbieten könnte. Wundervoll.

Grönemeyerst du noch oder poiselst du schon, bin ich nach dem Ende der Platte zu fragen versucht. Bis nach Toulouse unterstreicht die Qualität der Bewegtheit, die Philipp Poisel zu rühren im Stande ist. Solch einen Troubadour mögen verkopfte Rezensenten mit Wonne durch das Feuilleton jagen, Gefühlsmenschen wird er viel, sehr viel Freude bescheren. Was für ein gelungenes Werk!

Bis nach Toulouse erscheint am 27.08.2010 Grönland Records. Wer nicht solange warten möchte, kann auf iTunes jeweils freitags bereits einen neuen Track vorab erwerben. Auch mit einen kostenlosen Cover von Schwarz zu blau, welches nicht auf der Scheibe zu finden ist, kann man sich die Zeit vertreiben.

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