Schnittmenge zwischen ruraler und urbaner Befindlichkeit – deef+freunde

Soeben eingetrudelt. Also quasi fangfrisch. Wobei, ich musste die Angel gar nicht auswerfen, der dicke Fisch sprang von allein in mein E-Mail-Postfach. Nun gut, aber just aus diesem Grunde habe ich ja selbiges angelegt. Damit mir Neuerscheinungen auf dem Servierteller präsentiert werden. Wenngleich der Beifang mitunter die wirklich essentiellen Mails verdeckt. Aber nicht heute. Und so habe ich bereits das Besteck gezückt und mich heißhungrig auf eine EP gestürzt.

deef+freunde machen Musik, irgendwo in der Nähe von Heidelberg. Elektronische Musik sogar, immer noch in der Nähe von Heidelberg, wie das von mir sehr geschätzte Label analogsoul verrät. kolonie nennt sich dies Albumchen, das in den Rucksack eines Städters passt, der die urbanen Gegebenheiten in der Natur abzuschütteln sucht. Das Label outet deef als einen Zeitgenossen, der außerhalb der Stadt schneller und leichter in einen Bewusstseinszustand schlüpft, „bei dem ihm die sprache entgleitet. kolonie erzählt deshalb vom draußen und dessen freiheit von verformenden begriffen.“ Und gibt sofort Entwarnung, denn deef Musik sei „deutlich näher am wahrnehmbaren als am zu durchdenkenden. eine natürlich-fließende electro-ep die versucht, dem ungleichgewicht entgegenzuwirken.“ Nun ja, dass elektronische Töne gerne mal Samples aus Tiergeräuschen produzieren, um eine Brücke über die Gegensätzlichkeit des Digitalen zur Natur zu schlagen, ist ja ein alter Hut. Mich freilich gemahnt diese EP eher an eine Kleingartenkolonie, der Schnittmenge zwischen ruraler und urbaner Befindlichkeit.  Und dies meine ich durchaus als Kompliment. Denn eben der Track Der ständig fließende, emotionale Zustand in der Stadt könnte als kühl gefächerte Brise, die städtische Verquertheit nicht geschmeidiger durchstreifen, während im psychedelisch gefärbten Entgültiger Beschluss rauszufahren die Häuserreihen Spalier für die Flucht stehen. Was folgt sind Utopische Angelegenheiten, die sich in ein Vorher, Nachher und Jetzt aufteilen. In Ambient gehaltene Momentaufnahmen, die auf atmosphärische Weite schielen, ein Feuerwerk des Aufatmens schildern, Vogelgezwitscher in aller Fröhlichkeit ausbreiten, einen Sinn in der Flucht finden. Doch gaukelt mir besonders das finale Jetzt einen einen bumsfidelen, hemdsärmeligen Frohsinn vor, der mich dann letztlich doch eher an eine penibel abgesteckte, am Standrand eingezäunte, mit der hechelnden Zunge eines Städters nach unbeschwert konsumierbarem Erleben von Natur ausgerichtete Kleingartenkolonie erinnert.

Das jedoch soll die musikalische Qualität von kolonie keinesfalls schmälern. deef+freunde vermögen mich jener EP meinen an Leckerbissen gewöhnten Gaumen sehr zu erfreuen. Eine feines wie facettenreiches Werk, das ich jedoch als Vorspeise verstanden wissen will. Auf den Nachschlag warte ich gerne.

kolonie ist als kostenlose Online-Veröffentlichung bei analogsoul erhältlich.

SomeVapourTrails

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