Ungeniert Eier gezeigt – RPA & The United Nations of Sound

Yet for all of Ashcroft’s messianic posturing, these songs are all dressed up with nothing to say. (Pitchfork)

Life isn’t to be wasted. So, instead of devoting 56 minutes of yours listening to RPA & The United Nations Of Sound, why not watch two episodes of My Family back to back? (NME)

Too often Ashcroft descends into mawkish over-sentimentality (Life Can Be So Beautiful), empty sloganeering (America), or worse, cod philosophy (literally every other song). (The Guardian)

This is hugely conservative, risk-averse music. The melodies are plodding and unexciting. The lyrics are unimaginative. And it is so, so dull. Just like a regular Richard Ashcroft solo album, then. (musicOMH)

Vielleicht sollte Ashcroft es doch lieber als singende Ich-AG probieren. Für den Moment ist er wieder Teil einer Band, aber keinen Schritt weiter. (Plattentests.de)

Is that a falsetto we hear? No, that’s Ashcroft attempting a falsetto. (Slant Magazine)

Mensch, rüffel einer mal die Plattenfirma! Hat selbige als verspätetes Aprilscherzchen den ehrenwerten Kritikern die ersten Gehversuche einer Coverband, die sich Herrn Ashcrofts Schaffen verschrieben hat, untergejubelt? Fakt scheint jedenfalls, dass ich eine gänzlich andere CD in Händen halte. Ein Album nämlich, das Eier zeigt. Aber da sich Profirezensenten ja lieber auskotzen, als es beim Kleckern zu belassen, könnte man ihnen durchaus mit aller Böswilligekeit unterstellen, dass sie schlechterdings nicht mehr in der Lage sind, gut gemachte Musik zu erkennen, selbst wenn sie ihnen ganz und gar ins Auge springt. Pitchfork zumindest hat diesbezüglich verdammt viel auf dem Kerbholz.

Was RPA & The United Nations of Sound angeht, will ich gleich eines vorwegnehmen: Das Schlechteste an dieser Platte ist der Bandname, welchen Richard Ashcroft für sein neues Vehikel gewählt hat. Denn sonst besticht United Nations of Sound als zutiefst schmissige Platte, die ordentlich Rabatz macht und sich zugleich eine vertraute erhabene Opulenz gönnt.

Aber ich will gar nicht allzu viele Worte über dieses Album verlieren, es spricht für sich. Dekoriert Ashcroft mit einem weiteren Orden am Revers. Mit Verlaub, gibt es denn wirklich eine feinere, rundere  Stimme von der Insel? Ashcrofts gesanglicher Ausdruck schlägt sie alle. Von dem Händchen für exiquistes Songwriting ganz abgesehen. Aber dazu später. Vorerst seien nochmals die Schmähungen der Kritiker drangsaliert. Wenn Gavin Haynes auf NME.com Ashcrofts Solokarriere in der Mittelmäßigkeit verortet, dabei von Christopher Monk auf musicOMH.com unterstützt wird, der die Soloalben als matt einstuft, schrammen solch Urteile arschknapp am Tatbestand infamer Täuschung des Lesers vorbei. Denn in der letzten Dekade vermochte kein britischer Singer-Songwriter auf derart konstant hohem Niveau zu wirken. Michael Cragg mokiert sich im Guardian über die Menge an Streichern, allerdings behagt ihm auch endloses Gitarren-Geschrammel nicht. Huw Jones vom Slant Magazine lässt sich gar zu einem mit der Ironie des Fragezeichens aufwartenden Statement hinreißen, dass die Streicher Ashcrofts Musik so kultiviert wirken lassen, ehe auch er das Marathon-Gitarrensolo aufs Korn nimmt. Zudem gleichzeitig dem laienhaften Hörer vergibt, der Are You Ready? als starken Track einstuft. Gut, also besser keine Streicheruntermalung, Gitarre höchstens dezent eingesetzt. Sonst noch Wünsche? Na klar, in nahezu völliger Eintracht werden die Lyrics durch den Kakao gezogen, noch milde als Geschwafel deklariert. Wenn man schon mal austeilt, warum nicht gleich als Rundumschlag? Höchstens die Rezension auf Plattentests.de lässt ihm mit Einschränkungen Gerechtigkeit widerfahren. Selbstredend sind die massiv vorgetragenen Einwände meist völliger Mumpitz, bestenfalls Humbug.

Photo credit: Dean Chalkley

Wer nach derartiger Kritikerschelte nun meint, dass das Anhören der Platte schlimmsten Masochisten vorbehalten sein sollte, mag eine veritable Gehirnwäsche hinter sich haben. Gerne möchte ich unterstreichen, dass United Nations of Sound vielmehr eine Exit-Strategie aufzeigt, wie sich das zunehmend lahmarschig gewordene Gros an Britpop-Bands weiterentwickeln könnte. Der Meister holt sich die Inspiration jenseits des großen Teichs, lädt Black Music in sein Schaffen ein. Flirtet mit dem Blues, gibt die Kastratenversion eines Barry White (Life Can Be So Beautiful), inkludiert Hip-Hop-Beats. Ohne Berührungsängste werden nicht zuletzt dank des Produzenten No I.D. neue Einflüsse inkorporiert, dennoch haben wir es hier mit einem waschenechten Album Marke Richard Ashcroft zu tun. Nach dem in der Tat guten, aber nicht überragenden Comeback Forth von The Verve zeigt sich der Sänger von Zwängen und Erwartungshaltungen gelöst und schöpft durchaus großkotzig aus dem Vollen. Wer Eier hat, darf sie auch zeigen – dies Motto durchzieht die gesamte Platte. Solch ungeniert zur Schau getragenes Ego kann sich nicht jeder leisten, Herr Ashcroft jedoch stets und immer. Besonders im Bewusstsein, dass mit Steve Wyreman (Gitarre), No I.D. (Beats) und Benjamin Wright (Streicher-Arrangements) nun keine Nobodys zwecks Unterstützung zusammengekommen sind.


RPA and the United Nations of Sound – Born Again
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Neben dem Opener Are You Ready?, welcher noch die bewährte Ashcroftsche Schule pflegt, finden sich noch weitere Glanzlichter auf vorliegender CD. America sei in seiner gesamten hymnischen Beats-Herrlichkeit zu nennen, Beatitudes als rotzfrecher Rocker, How Deep Is Your Man? als tiefe Vorbeugung John Lee Hooker samt knackig ausladendem, inbrünstig intonierten Refrain, auch die die Tradition seines Soloschaffens exzellent fortführende Ballade She Brings Me The Music. Ebenso erwähnenswert This Thing Called Life oder Royal Highness.

Wenn Richard Ashcroft auf America  „The universal language/ This is music/ Are you tunin‘ in?“ fragt, scheint er dies in voller Kenntnis dessen zu tun, dass viele Musikkritiker vermutlich  zu den musikalischen Analphabeten zu zählen sind. Gerne wird versucht, ihm die Bürde seiner bisherigen Großtaten – speziell mit The Verve – um den Hals zu hängen und ihn im Ozean der Gescheiterten zu versenken. Wissen denn die Herrn Rezensenten nicht, dass ein Ashcroft über das Wasser zu wandeln vermag? Mit The United Nations of Sound hat er nun seine Jünger gefunden, weitere Wunderdinge sind zu erwarten.

Link:

Richard Ashcrofts offizielle Webseite

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Ungeniert Eier gezeigt – RPA & The United Nations of Sound

  1. sorry, aber auch ich kann bei noch so viel gutem willen und sympathie für herrn ashcroft absolut keine heldentat erkennen 🙂 ich finde diese platte (moderat ausgedrückt) stinklangweilig und auch die anderen hartgesottenen ashcroft-anhänger in meinem bekanntenkreis haben diesmal bis auf ein oder zwei songs entnervt das handtuch geworfen.

  2. auch ich frage mich da, wie es zu solchen diskrepanzen zwischen realität und kritikerscheinwelt kommen kann. das album ist der absolute oberhammer, das beste ashcroft-album jemals, und das sage ich nicht weil ich erst 15 bin oder noch nie gute musik gehört hätte. ehrlich, die scheibe entlockt mir tosende wogen und schäumende wellen nie endender glücksgefühle.

    musik sollte man eben mit dem herzen hören. nicht mit der ratio des vermeintlich achso klugen kritiker-ar…äh…kopfes. und noch ein fremdwort für solche: gnosis. was das wohl bedeutet? häh, born again? häh? na, dann kann’s nur ’ne plattitüde sein. unfassbar. zum glück lese ich oben zitierte pamphlete nicht.

    „you’ll learn the drugs not REALLY work/unless you know the ones that hurt“

    einfach nur großartig, wenn man mit ‚the verve‘ seine entschwärmtesten zeiten hinter sich gebracht hat, ohja! und man muss ashcroft eben lieben. schade, dass nicht mehr dazu in der lage sind. ich liebe sein zeug. danke, tausendmal, für diesen meilenstein. dieses meisterwerk. diese musikgewordene bibel. ernsthaft.

    ich würde sagen: ich hab auch mal so richtig eier gezeigt. peace out.

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