Archaisches Testosteron in Sepiatönen – Grinderman

Wer zum Typus des braven, spießigen Zeitgenossen gehört, dem wird der süße Duft der Verruchtheit angenehm in der Nase kitzeln. Auch in der schreibenden Zunft wird Sabber geweckt, ähnlich beschaffen dem, welcher sonst biederen Beamten aus den Mund läuft, wenn sie vor der Kabinentür einer Peep-Show stehen und sich auf den Strip an der Stange freuen. Sie alle werden von verderbten Fantasien beflügelt. Wo sonstige Musik oft mit der Harmlosigkeit der Wäscheseiten im OTTO-Katalog hausieren geht, spuckt Nick Cave zusammen mit den ebenbürtigen Kumpanen Warren Ellis, Martyn Casey, Jim Sclavunos eine Wichsvorlage voller Sex und Monströsitäten aus. Die ungepflegten, virilen Propheten des FSK 18 firmieren unter dem Namen Grinderman, haben mit ihrer neuen versifften, ungehobelten Platte eine in dreckigen Sepiatönen schillernde psychedelische Dröhnung erschaffen, Pornografie in Noten gehüllt. Je saubermännischer der Hörer, desto mehr geht er Cave auf den Leim. Dieser kennt das große Einmaleins der menschlichen Abgründe und bedient geschickt die Erwartungshaltungen, indem er der frohlockenden Meute Grinderman 2 vor den Latz knallt.

Foto Credit: Deirdre OCallaghan

In den stärksten Momenten der Scheibe strullert Cave ungeniert aus dem Kopfhörer, umtriebig und miesepetrig, vom Leben besudelt, zu alt für Romantizismen, dafür mit jeder Menge Testosteron im Anschlag. Der Maestro schert sich um Moral einen feuchten Kehricht, behübscht nichts, weckt eben deshalb bei denen Begehrlichkeiten, die sich tagtäglich um den schönen Schein abstrampeln. Männer, welche die eigenen dunklen Tiefen bislang noch nicht erforscht haben, dürfen Grinderman 2 dankbar als ein Vademecum verstehen. Der Rest wird das Album als wohlgeratene Fingerübung in das geniale Cave’sche Schaffen einsortieren.

What’s this husband of yours ever given to you /Oprah Winfrey on a plasma screen/ And a brood of jug-eared buck-toothed imbeciles/ The ugliest fucking kids I’ve ever seen“ gehört mit Bestimmtheit zu den stärksten Lyrics des Jahres. Nicht nur auf Kitchenette nimmt sich Cave kein Blatt vor den Mund. Worm Tamer mit seinem wenig subtilen Sex legt sogar noch ein Schippe drauf, erhitzt das Gemüt über Betriebstemperatur, gehört zu den grindigen, musikalischen kräftigen Nummern der Platte, die im psychedelisch-rockigen Heathen Child kulminiert. Cave mutiert hier zum Werwolf und Yeti, reduziert das männliche Begehren auf urtümlich monströse Bedrohlichkeit. Zivilisatorische Errungenschaften, religiöse Staffage wird von archaischer Wucht weggepustet. Wie augenzwinkernd die Band selbst ihren martialischen Stil interpretiert, verrät der Clip zu dieser Single, der ohne Rücksicht auf Verluste den Trash zur Götze erhebt. So verstörend sich When My Baby Comes auf den ersten Blick präsentiert – und die Worte „They had pistols and they had guns/ They threw me on the ground and the emptied into me/ I was only fifteen“ verwirren ungemein, geht letztlich der brachiale Space Rock dennoch wie Honig die Kehle runter. Grindermans Masche ist es, exakt so zu klingen, wie der kleine Mann meint, dass schmutzige Musik klingen sollte. So befriedigen Cave und Co. Bedürfnisse in aller Deftigkeit. Sie lassen rotzbübig die Hosen runter, prahlen mit ihrem Gemächt und lachen sich schief, dass nur Berufstüftler hinter den augenscheinlich körperfellig-nackten Tatsachen noch irgendetwas vermuten möchten. Die Doppelbödigkeit von Grinderman 2 besteht darin, dass es keinen doppelten Boden gibt. Der Wahn siechender Männlichkeit wird plakativ breitgetreten wie zelebriert. Bloß der Song Palaces of Montezuma bietet subtile Momente. En erbauliches Liebeslied, welche von Montezuma bis JFK, Mata Hari bis Miles Davis alles darbietet, was Rang und Namen hat. Wie passt ein Track ohne dreckige Patina ins Bild? Ein Sieg der Gefühle über Triebe? Vermutlich ist dies Grindermans Geheimnis: Diese Unantastbarkeit samt aufreizender Einladung zum Begrapschen.


Grinderman — Heathen Child – MyVideo

Konzerttermine:

04.10.10 Lausanne (CH) – Les Docks
05.10.10 Zürich (CH) – Volkshaus
10.10.10 Wien (A) – Gasometer
11.10.10 München – Muffathalle
13.10.10 Leipzig – Haus Auensee
14.10.10 Berlin – C-Halle
15.10.10 Köln – E-Werk
21.10.10 Hamburg – Docks

Links:

Offizielle Webseite

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download des Tracks Heathen Child

SomeVapourTrails

5 thoughts on “Archaisches Testosteron in Sepiatönen – Grinderman

  1. aufgrund deiner rezension habe ich mir das edle vinyl gestern ohne vorheriges anhören gekauft und nach dem ersten hören den 20 euro nachgeweint 🙂 aber siehe da: der zweite durchlauf war schon deutlich besser und das verschrobene gemurmel wächst!

  2. Das lässt mich jetzt ratlos, Michael. Denn die Platte empfinde ich spannend, natürlich trashig und roh, aber deine Vorlieben sind ja auch kein 08/15-Rock. Ich persönlich halte das Album für Caves bestes seit fast 10 Jahren. Und freilich sind 1-2 Nummern sehr verstörend (Kitchenette), aber zB Palaces of Montezuma ist dafür ein schönes Liebeslied Cavescher Prägung und Heathen Child ein Knaller. Ich würde es ohne zu zögern mit bestem Gewissen und als zugegeben großer Fan Caves jederzeit wieder empfehlen.

  3. wie gesagt, der trash wächst und ich sehe/höre immer klarer 😉 interessante platte, die ich nun doch nicht weiterverkaufe. aber es dauert etwas, bis man dahinterkommt.

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