Buy or die – Warum wir für das geschriebene Wort zahlen sollten

Flattr – die Sau ist ja bereits durch das digitale Dorf getrieben, aber ich will trotzdem versuchen, einige Hufspuren zu analysieren. Die Theorie, dass man brauchbaren Content monetär belohnt, wird wohl nur den passioniertesten Verfechtern einer Mentalität à la Gratis ist geil sauer aufstoßen. Speziell Privatpersonen, die aus Jux und Tollerei, auch Leidenschaft genannt, wissensvermittelnde oder unterhaltende Inhalte verfügbar machen, werden sich im Regelfall kaum gegen einen handfesten Ausdruck der Wertschätzung wehren. Wer jedoch jetzt frohgemut auf einen warmen finanziellen Regen hofft, dem wird rasch der herbe Duft der Enttäuschung in der Nase kribbeln. Warum? Darum.

Es gibt Assoziationsketten, deren mitunter vermeintlich entwaffnende Logik uns an die Leine nimmt. Migrantin -> Muslima -> Kopftuchträgerin würde nach Sarrazin’schem Irrglauben wohl mit Gebärmaschine fortgesetzt.  Mandy -> Marzahn -> Tussi hingegen dürfte oftmals in der haarsträubend korrekten Begrifflichkeit Castingshow-Teilnehmerin münden. Ähnlich wahrheitsträchtig verhält es sich mit Internet -> Inhalt -> kostenlos, dem ein spontanes selbstverständlich entfleucht. Abgesehen vom Online-Shopping, das uns etwas Greifbares in die eigenen vier Wände bringt, zückend wir im Internet lediglich dann den eigenen Geldbeutel, wenn das betreffende virtuelle Objekt des Begehrens nirgendwo – oder nur unter sehr großen, nicht immer legalen Anstrengungen – frei erhältlich ist oder aber einen besonderen Reiz bedient. Bei Männern funktioniert dies besonders im Hinblick auf Triebbefriedigung. Sex und Gewalt sells, daher flutscht die eine oder andere müde Mark auch in Online-Spiele. Die Becircbarkeit des weiblichen Geschlechts wird im World Wide Web durch Blümchenmuster losgetreten. Für den Programmierer gilt: Mach es süß und rosig und die Frauen werden es lieben. Wer Happy Aquarium kennt, wird wissen, wer die pinken Fische in Scharen kauft. Clevere Zeitgenossen riechen natürlich  schon die Bratensoße, in welchem meine deftige Schlussfolgerung schwimmt. Das zarte Pflänzchen visueller Stimulation gedeiht. Das geschriebene Wort hingegen verwelkt – zumindest finanziell.

Wobei man freilich auch die bloggende Zunft nicht über einen Kamm scheren sollte. Mit handfestem Populismus lässt sich eine stammtischerne Wohligkeit erzeugen, die ebenso belohnt wird wie der sachlich-investigative Part, den Aufdeckungsmedien wie der Bildblog etablieren. Sobald es unter kräftigem Getöse publikumswirksam ums Eingemachte geht, steigen die Chancen beträchtlich, Einnahmen zu generieren. Insgesamt freilich darf der Blogger eigentlich nichts erhoffen. Denn Gratis-Content ist durch die Augen des Lesers betrachtet eine Normalität, welche keiner gesonderten Würdigung bedarf. Die Grundfeste des Internets basieren auf Austausch von Inhalten. Der freie Diskurs gerät zur Doktrin des Netzes, pekuniärer Profit wird selbst Unternehmen nur unter der Bedingung erlaubt, dass er sich über Werbung generiert. Wer würde für die Online-Auftritte von Spiegel oder Zeit wirklich zahlen? Ein sehr geringer Prozentsatz. Eigentlich wäre ja die Idee eines Gebens und Nehmens auch berückend, doch sieht die Wirklichkeit trist aus.

Wohlgemerkt, wir sprechen immer noch über den Transfer von Wissen, Meinungen, Lebenserfahrung und Kreativität in mehr oder minder kunstvoller bis verständlicher Sprache. Der Download einer Mp3 oder die Distribution einer Software, also eines zu klaren Kondition erwerbbaren Produktes, soll dezidiert ausgenommen. Aber zurück zum Thema. Ob nun Blog oder Wikipedia, im Endeffekt bestreiten diejenigen per Spende die Kosten, welche selbst ein ähnliche Seite führen oder direkt in das Projekt involviert sind. Und so trägt ein überschaubarer Kreis, dessen Mitglieder großteils selbst Content erstellen, dazu bei, dass die Produktion substantieller Inhalte nicht abreißt, während die schweigende, somit unsichtbare Mehrheit daran ohne viel Federlesen partizipiert. Dies stellt nun auch kein Verbrechen dar, weil der Autor seinen Text letztendlich freiwillig der Allgemeinheit unterbreitet. Aber!

Ich will den Bogen nicht länger auf die Folter spannen, meine  zweite Schlussfolgerung offerieren. Gerade im Hinblick auf ein etwaiges Ende der Netzneutralität braucht es die Stärkung privater Content-Anbieter, damit selbige auch in schweren Zeiten als Quelle der Information und Unterhaltung wahrgenommen werden können. Wollen wir die Errungenschaft des Internets, die sich darin manifestiert, dass Wissen und Nachrichten nicht nur von gewinnorientierten Unternehmen verbreitet und Meinungen nicht von der weltanschaulichen Linie einer Zeitung in feste Bahnen gelenkt werden und Unterhaltung keinesfalls ausschließlich über den Geschmack eines verantwortlichen Redakteurs definiert scheint, wollen wir ernsthaft jene Horizonterweiterung  gefährden, uns auf das Vabanquespiel medialer Bestimmtheit zurückfallen lassen?

Falls wir uns auf ein stoßgeseufztes Um Himmels Willen verständigen können, braucht es eine Absichtserklärung der breiten Masse, genau jene finanziell zu unterstützen, die Inhalte vorrangig aus Leidenschaft und Interesse kreieren. Dafür jedoch eignet sich das eingangs erwähnte Flattr nicht. Es darf doch nie und nimmer Sinn und Zweck sein, dass die Fülle interessanten Contents den Gewinn des einzelnen Anbieters drückt. Denn nicht ein Signal der willkürlichen Mildtätigkeit wertet Content auf, vielmehr schafft nur eine konsequent gehandhabte Bezahlung klare Verhältnisse. Wenn die Frage nach dem persönlichen Nutzen eines Textes – ob nun zur Belustigung, Wissenanreicherung, völlig einerlei – mit einem Ja beantwortet werden kann, muss ein im Vorhinein klar definierter Obulus geleistet werden. Weiters müssen wir lernen, dass es die Solidarität gebietet, lediglich weniger gut situierte Zeitgenossen von dieser Regel freizusprechen. Ob man selbst zu dieser Kategorie zählt, dürfte jeder mit seinem Gewissen aushandeln.

Sollte weiter einer Gratismentalität gehuldigt werden, holt uns die Dynamik des Webs ein. Bekommt der Dampfer einmal Schlagseite, indem wir die totale Kommerzialisierung des Netzes nicht genau dadurch verhindern, dass wir alle selbst Geld in die Hand nehmen und es den unabhängigen Lieferanten von Inhalten überreichen, wird das Internet zum Spielzeug einer Mittelstandselite verkommen, deren Wertekosmos es in der Folge durchdringt. Welch schaurige Vorstellung!

SomeVapourTrails

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