Das Berlin Festival für Botaniker (Junip)

In wenigen Stunden wird sich zeigen, ob das Berlin Festival 2010 die Kinderkrankheiten des letzten Jahres abgeschüttelt hat. In der Summe freilich liest sich die Liste der vertretenen Künstler und Bands durchaus bunt genug, um vielfältigste Geschmäcker zu bedienen. Besonders das freitägliche Line-up der vom Label City Slang beschickten Hangar-5 Stage spiegelt dies wider. Aus diesem Grund wollen wir noch einmal im Geiste das weite Tempelhofer Feld entlang irren und ein weiteres die Blüten von sich reckendes Pflänzchen am Wegesrand mit Aufmerksamkeit überschütten.

Cannabis indica (Indischer Hanf) – Junip

Wenn man die Beschaffenheit einer Band anno 2010 derart zu charakterisieren vermag, dass sie sich ungezwungen-hippiesken, psychedelisch-verwuschelten, aufgeräumt-experimentellen Folk-Pop auf die Fahnen heftet, kann man entweder von unseligem Retro-Speck ausgehen – oder aber von unverkrampfter Einverleibung musikalischer Traditionen. Im Falle des schwedischen Trios Junip springt die mangelnde Verkrampfung ins Auge, wirkt leicht, was sonst oft überaus bemüht und abgetakelt durch die Boxen kriecht. Das Album Fields zählt zu den gelungensten Werken dieses Herbstes, weil es sich wie ein guter Joint in die Windungen des Hirns pustet, eine nostalgische Unwirklichkeit mit entrücktem Sentiment vom Stapel lässt, die Luftigkeit aber auch mit demonstrativer Hemdsärmeligkeit präsentiert.

Photo Credit: Jon Bergmann

Kommen wir ohne Umschweife zu den Highlights dieses Trips. Bereits der Opener In Every Direction schrammt mit seinem Zusammenspiel aus wohlportionierter Drögheit und schluffig-verschrobenen Sound nur haarscharf am Zustand der Berauschtheit vorbei. Die Single Always zeichnet die beschwingte Seite der Band, mutet nicht zuletzt wegen des Latino-Rhythmus sommerlich bekömmlich an, die Manifestation eines sonnendurchfluteten Tages an der amerikanischen Westküste, irgendwann in den Siebzigern. Rope & Summit ziert abermals ein psychedelisch orgelndes, mit Percussion angespitztes Etwas,  welches stets die besten Momente der Platte beschert. Beispielsweise bei Tide, wenn auf sieben Minuten aufgefaltet aus stilistischer Nähe zu Simon & Garfunkel eine aufstrebende spacige Abgehobenheit keimt. Ähnlich präsent Sweet & Bitter, herrlich schlagzeugbeherrscht, ehe angenehm warme Synthies nach E.T. suchen. Sänger José González verleiht der Platte dank seines behutsamen Vortrags zusätzliche Behaglichkeit, flicht nicht nur auf Faded The Grain tagträumerische Seligkeit in die Fäden der Musik.

JUNIP – Always (Official Video) from City Slang on Vimeo.

Junip kultivieren mit dem Longplayer Fields einen gelösten Trip, dessen Farben zwar dumpf verschwimmen, aber dessen Konturen klar und prägnant bleiben. Hinter der versponnenen Fassade schlummert eine nachgerade handfeste Methodik, die den Zauber nie abheben lässt, ihm die Art Erdung gibt, welche Retro-Klänge nie in der Vergangenheit baumeln lässt. Superb!

Fields erscheint am 10.09.10 auf City Slang.

Konzertermine:

10.09.10 Berlin – Berlin Festival (23:45 Hangar-5 Stage)
24.09.10 Hamburg – Uebel & Gefährlich (Reeperbahn Festival)
25.09.10 Leipzig – Central Theater
26.09.10 Wien (A) – Szene
27.09.10 München – Atomic Café
28.09.10 Zürich (CH) – Exil
29.09.10 Stuttgart – Club Schocken
12.10.10 Köln – Gebäude 9

Links:

Offizielle Webseite

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download von Rope & Summit auf City Slang

SomeVapourTrails

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