Das Berlin Festival für Botaniker (Norman Palm)

Im zweiten Teil unseres Ausblicks auf das Berlin Festival 2010 habe ich mir aus unserem Stapel an Promo-CDs einen Künstler herausgepickt, den man nicht unbedingt auf die Liste derjenigen Acts kritzelt, die man unbedingt live zu erleben trachtet. Das liegt sicher in einem fehlenden Hipness-Faktor begründet, denn Hand aufs Herz Fever Ray oder Robyn zu bestaunen, beschert den meisten Besuchern ein Kribbeln in der Magengrube.  Allerdings darf sich auch unser heutiger Singer-Songwriter durchaus Hoffnungen machen, seinen Auftritt nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit absolvieren zu müssen. Gut ist der Mann zweifelsfrei. Die für das Wochenende angesetzte Feldstudie auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen will ich durch eine botanische Zuordnung wesentlich erleichtern.

Yucca yucatana (Yuccapalme) – Norman Palm

Ein deutscher Liedermacher, der zwischen seinem Wohnort Berlin und dem fernen Mexico City hin und her tingelt, darf seine Platte gerne Shore To Shore nennen. Nun befindet sich zwar Berlin nicht an einer wie immer gearteten Küste, aber als Metapher für ein Hüpfen zwischen den Kontinenten eignet sich der Titel durchaus. Norman Palm liefert also einen bekömmlichen Soundtrack ab, mit dem es sich einerseits angenehm von A nach B reisen lässt und der andererseits auch einen gemütlichen Nachmittag auf der Couch aufwertet. Palms Singer-Songwriter-Pop besticht durch Unauffälligkeit – in positiver wie negativer Hinsicht. Dass es nie um spektakuläre Töne ringt, der Sound immer fassbar, liebevoll koloriert gerät, macht das Album sympathisch. Weil sie jedoch den Hörer selten bedrängt, oft in einer vermeintlicher Nettigkeit verharrt, weder Gesang noch Melodien besonders aufmüpfig ins Ohr springen, fehlt der Scheibe das Quäntchen Durchsetzungsvermögen.

Shore To Shore personifiziert den verlässlichen wie freundlichen Zeitgenossen, den man oft übersieht, weil er seine Erscheinung nicht auf Imposanz trimmt. Wem das Kennenlernen jedoch vergönnt, lernt speziell diese Eigenschaften schätzen. Go To Sleep erwächst zu einem offensichtlich wohlmeinenden wie verführerischen Ratgeber, kleine Nöte und Unpässlichkeiten des Tages mittels Schlaf abzuschütteln. Solch Lullabye lasse ich mir gerne ins Bett legen. Auch das mit soften Beats synthetisch flirrende Easy macht gute Figur, setzt die in den Lyrics eingeforderte Leichtigkeit gekonnt um. Ob nun im Gitarren-Look oder die Electro-Karte zückend, Palm bringt eine Subtilität mit, die die Attraktivität mancher Lieder erst auf den zweiten Blick preisgibt. So etwa bei Landslide, welches zunächst ein wenig schrammelt, aber mit jedem weiteren Hördurchlauf das Schmuckkästchen weiter öffnet. Phantom Lover wiederum drückt sich nicht davor, einer schwermütigen Sehnsucht mit starken Percussion-Elementen Intensität einzuhauchen und letztlich in eine sterile Synthie-Welt zu karren. So bestechend der Grundgedanke erscheint, bestätigt der Track aber auch, dass ab und an die Mittel der Umsetzung den Hörer nicht erreichen. Smile zähle ich ebenfalls zu den schwächeren Stücken der CD, da es viel zu fadenscheinig eine Wohlfühlvorstellung in altbackener Manier vorträgt. Palms sehnender Vortrag, die warm verlangende, angenehm zurückhaltende Stimme hingegen sind über harsche Kritik erhaben. Wer den Minnesänger, der in seinem Stil so gar nicht in mein Bild eines deutschen Musikers passen will,  den ich eher im skandinavischen Raum festpinnen würde, wer diesen Troubadour für sich entdeckt, wird ihm mit der Zeit immer leutseliger begegnen. Über manchen Makel hinwegsehen, Songs wie $20 zunächst mit Respekt und später mit großer Geneigtheit begegnen.


Norman Palm – Shore to Shore by Norman Palm

Norman Palm präsentiert mit Shore To Shore ein Album, dessen Liebenswürdigkeit sich nach und nach verfestigt. Das Werk manifestiert keine Genialität, bildet aber sehr detailtreu emotionale Schwingungen ab. Das ist mir allemal Applaus wert. Musikalische Meisterwerke strengen oft an, bringen einen nicht durch den Tag, die verlässlichen Kleinode des werten Palm hingegen schon.

Konzerttermine:

10.09.10 Berlin – Berlin Festival (20:45 Hangar-5 Stage)
11.09.10 Hamburg – Uebel & Gefährlich
12.09.10 Cologne – Studio 672
13.09.10 Frankfurt – Brotfabrik
14.09.10 Dresden – Societaetstheater
15.09.10 Nürnberg – Musikzentrale
16.09.10 Marburg – KFZ
17.09.10 München – Atomic Café
18.09.10 Bern (CH)– Kleine Schanze
19.09.10 Schorndorf – Manufaktur
20.09.10 Wien (A) – Chelsea
21.09.10 Graz (A) – PPC
22.09.10 Innsbruck (A) – Weekender Club
23.09.10 Leipzig – F-Stop
24.09.10 Erfurt – Stadtgarten
25.09.10 Heidelberg – Chop Suey Club – Heidelberger Herbst

Link:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt mit Album-Stream

Interview auf nicorola.de

Kostenloser Download des Songs Landslide auf der Label-Seite von City Slang

SomeVapourTrails

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