Das Berlin Festival für Botaniker (Zola Jesus)

In unserer Kemenate schlagen einige Promo-CDs bereits Wurzeln, manche davon haben das ersprießliche Etwas, andere tendieren eher in Richtung Schimmelpilz.  Angesichts des Berlin Festivals 2010 sollen in den nächsten 2 Tagen nun die neuesten Ergüsse einer Handvoll dort aufzufindender Musiker unter die Lupe genommen werden. Gucken wir also, ob sich wegen dieser Acts der Ausflug in die Botanik des Tempelhofer Feldes lohnt. Im ersten Teil verhext eine bemerkenswerte wie dunkle Gestalt…

Mandragora officinarum (Gemeine Alraune) – Zola Jesus

Wenn Synthies samt Drumcomputer bedrohlich wie ein Damoklesschwert über dem Haupt des Lauschers verharren, somit eine Atmosphäre zusammenbrauen, die in es in Sachen Erbaulichkeit mit jeder Grabschändung aufnehmen kann, und dazu eine in der Lieblichkeit an einen Satansbraten gemahnende Frauenstimme verhallt trällert, dann mag vielen bei solch Schauermärchen eiskalte Schauer über die Rücken rieseln. Zola Jesus jedoch bestrickt mit Goth-Electro-Pop inklusive Industrial-Ambiente sogar meine Wenigkeit ein bisschen. Denn trotz Pathos wird kein Kitsch gesülzt, bleicht sich bei aller Düsternis die Gesichthaut nie leichenblass, sind liederliche Warzen Mangelware. Das vor wenigen Tagen erschienene Werk Stridulum II wird Sängerin Nika Roza Danilova womöglich nicht auf den Musikolymp hieven, der Blocksberg scheint da schon eine realistischere Variante. Denn unter dem Strich erweisen sich die Lieder sehr formelhaft und ohne respektable Überraschungsmomente, sie erzeugen nichtsdestotrotz eine dichte Aura, deren Verwünschungskraft stark gerät.

Trust Me bietet eine kurzen wie präzisen Einstieg in vorliegende CD. Wem dieser Track in den Ohren flirrt, wird der Scheibe nächtliche Wonnen abgewinnen – und kann vorsichtig auf dem Besen weiterreiten. Stridulum und Run Me Out agieren ähnlich verflucht plakativ. Ein steriler Rhythmus ergänzt ein 08/15-Geister-Synthies. Sobald aber Danilovas klarer, unbuckeliger Gesang einsetzt, drängt er die billigen Effekte in die Nebensächlichkeit, rettet alles vor dem Murks.  Vor solch einem Trick kann man nur den Spitzhut ziehen! Auf die Dauer wendet sich jener gewollt dominante Gesang gegen die Hexerin, verbannt den experimentierfreudigeren, lärmigen Sound, welcher die Platte The Spoils (2009) veredelte und gegen den kein Kraut gewachsen schien. Die straffere, aufgeräumte Struktur mag der Breitenwirkung vorliegenden Silberlings zuträglich sein, die stimmlichen Qualitäten auf Hochglanz polieren, letztlich wiegt der Makel aber schwer, sorgt für einen krummen Buckel.

Wohldosiert konsumiert springen Songs wie Sea Talk über, verliert man sich in der dunkel schillernden Mär. Außer Frage steht, dass man Zola Jesus noch viele Zaubersprüche vernehmen wird, hoffentlich auch wieder abstruse Musik, die auf allzu geschniegelte Gothic-Poppigkeit verzichtet und lieber mit einer schwarzen Katze auf der Schulter protzt. Mit Stridulum II darf  die keinesfalls eine hässliche Fratze ziehende Danilova zwar die Massen verhexen, ihre wahren magischen Fähigkeiten werden hoffentlich zukünftige Scheiben ans fahle Mondlicht bringen. Der harte Kern ihres Hexenzirkels wird es ihr danken.

Konzert: 10.09.10 Berlin – Berlin Festival (19:15 Hangar 5 Stage)

Links:

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download von Night und Sea Talk auf der Label-Seite von Souterrain Transmissions

Musikvideo zu dem Song Sea Talk

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Das Berlin Festival für Botaniker (Zola Jesus)

  1. Habe Zola Jesus beim Berlin Festival zum ersten Mal gehört und war (obwohl das sonst nicht so ganz meine Musikrichtung ist) vollauf begeistert. Die Sängerin hat eine Wahnsinns-Stimme die unter die Haut geht und vor Kraft und Ausdruck nur so strotzt! Toll! Hat Spaß gemacht!

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