Herbstzeitloser Chic – September Leaves

Vor wenigen Tagen las ich im Newsletter eines nicht eben unbekannten deutschen Online-Musikmagazins den durchaus mit stolzer Brust vorgetragenen Sermon, dass selbiges Magazin absichtlich an hohen Bewertungen spart, selten mal 9/10 Punkten, Sternchen, Spazierstöckchen oder was auch immer vergibt und sich in der Eitelkeit bestärkt fühlt, wenn manch Leser mutmaßt, dass die letzte 10/10 wohl vor der Geburtsstunde des Internets verliehen wurde. Ich für meinen Teil fände es extrem enervierend, wenn ich es lediglich mit durchschnittlicher bis guter Musik zu tun hätte – mehr noch, darüber sogar schreiben dürfte. Mal abgesehen vom Umstand, dass ein zumindest in der Theorie auf Ausgewogenheit abzielendes Urteil nicht einfach so auf eine dämliche Ziffer eingedampft werden sollte. Wenn es jedoch die Gepflogenheiten verlangten, würde ich für die Bewertung auch sämtliche Umstände in Betracht ziehen. Ein unter hohen Produktionskosten entstandenes Album eines etablierten, geachteten und verehrten Künstlers muss schlichtweg mehr leisten, als ich das von einer mit Herzblut in Eigenregie gezimmerten Platte eines Newcomers erwarte. Nicht zuletzt unter diesem Gesichtspunkt möchte ich heute zur Vorstellung anstehendes Werk mit einem Extraordinär bedenken.

Hinter dem wohlklingenden Namen September Leaves verbirgt sich der Singer-Songwriter Gerd Böttler, dessen Scheibe Friendship Manifesto jetzt Gegenstand kurzer Reflexion sein soll. Prinzipiell lässt sich in den letzten Jahren ein spürbarer Trend zu unpeinlich auf Englisch singenden, nicht nur mit Gitarre und Ergriffenheit ausgestattenen Talenten verzeichnen, von denen Get Well Soon (alias Konstantin Gropper) das bekannteste ist. Im – mit Verlaub – musikalischen Niemandsland Karlsruhe hat September Leaves einen eigenen Sound kultiviert, an dessen zarten Trieben sich mit der soeben vollzogenen Veröffentlichung die Augen vieler weiden können.

An Ode To Lethargy by September Leaves

Control by September Leaves

Die Platte wirkt mit viel Liebe zum Detail instrumentiert wie arrangiert. An Ode To Lethargy zum Beispiel wird von einem Brass Ensemble samt marschierenden Drums ausgefeilt, derart edel umgesetzt gelangt die ohnehin konsistente Beschaffenheit des Songwritings zu effektiver Entfaltung. Ein Track wie ihn auch Get Well Soon unter Beifallsbekundungen der Öffentlichkeit auf Vexations hätte präsentieren können. Dass ich Herrn Gropper abermals als Referenz bemühe, soll jedoch Böttler nie und nimmer zum Imitator downgraden. Speziell wenn September Leaves mit Grabesstimme von einem leichenzugähnlichen Chor unterstützt durch die Lieder schleicht, die morbide Szenerie pittoresk ausufert, wie im Song These Eyes erlauscht, offenbart sich seine große Veranlagung. Fast ebenso bemerkenswert das flottere Control oder Distance Is A Monster, letzteres mit gelungenem Kontrast zwischen den versichernden Worten „Everything is ok“ und dem leicht verzagten Unterton. September Leaves verschnörkelt seinen Vortrag nicht, wahrt eine Contenance, welche nur in kleinen Gesten bröckelt. Dies allein wäre nicht beachtlich, wenn es nicht die von Böttler gewünschte Wirkung zeitigen würde. Er holt den Hörer nicht ab, nimmt ihn nicht an der Hand, sondern beeindruckt so sehr, dass der Musikliebhaber dem inneren Drang erliegt, den ersten Schritt auf dieses Werk zu tun. Darin entlarvt sich die Magie des Könners, wenn er den Adressaten auf Trab hält. Diese Leistung will ich ihm sogar auf vermeintlich schwächeren Liedern wie Like A Monarch attestieren, wobei besonders dieser Titel anfangs um seine Eigenständigkeit ringt. Rätselt man bei ersten Hördurchlauf noch, woher der Song seine Anleihen bezieht, wird diese Frage mit jedem Mal unwichtiger. Das nenne ich ein gutes Zeichen.

Wenn das zarte Lullaby Oh Come, You Tender Sleep das Album beschließt, darf man sich glücklich schätzen, ein über und über elegantes, von herbstzeitlosem Chic durchdrungenes Werk gehört zu haben. Ich möchte mein Herz nicht zu einem Kleinkrämerladen umfunktionieren und erbsenzählerisch Kleinigkeiten durch den Kakao ziehen. September Leaves vermag mit Friendship Manifesto ein umwerfendes Werk vorzulegen, dem ich nur die Bestnote verleihen will. Wem soviel Begeisterung suspekt erscheint oder ihr den unbestechlichen Blick abspricht, dem steht es frei, alle Jubeljahre die erwartbaren Sternstunden der Musik in ausgewählten Musik-Magazinen zu erleben.

Frienship Manifesto ist am 17.09. auf Petite:Unique erschienen.

Konzerttermine:

29.09.10 Karlsruhe – NUN
20.10.10 Berlin – Ä
22.10.10 Leipzig – Wärmehalle Süd
25.10.10 Hamburg – Astrastube

Links:

MySpace-Auftritt

Offizielle Homepage

Künstlerseite auf Petite:Unique Records

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Herbstzeitloser Chic – September Leaves

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