Mehr als nur minilieb – kleinstadthelden

Zugegeben, textlich sind die kleinstadthelden mitunter recht verstrubbelt, ein pfiffiger Refrain ragt oft aus nebulösen Sätzen heraus. Und poppigen deutschen Indie-Rock hört man nun auch nicht bloß alle Jubeljahre einmal. Nichtsdestotrotz ist die in Bremen ansässige Band dank ihres frischen wie knackigen Stils durchaus eine Entdeckung wert. Ob die Teilnahme am Bundesvision Song Contest 2010 ihre Fangemeinde karnickelhaft anschwellen lässt, möchte ich jedoch stark bezweifeln. Das will ich keinesfalls dem vor wenigen Tagen veröffentlichten Album Osterholz-Scharmbeck anlasten, sondern der Wahl der ersten Single: Indie Boys.

Wenn die aus Simon Lam (Gesang, Gitarre), Felix Weidenhöfer (Gitarre, Piano, Gesang), Nils Freesemann (Bass) sowie Uli Wortmann (Schlagzeug) bestehende Gruppe am 01. Oktober in Berlin Indie Boys präsentiert, hat sie einen der schwächsten Songs der neuer Scheibe im Gepäck. Der Refrain „Indie Boys, Indie Girls. Ich will nur wissen, wer hier was über meine Platten sagt.“ gerät derart sinnbefreit, dass er selbst bei ausgeprägtem Alkoholspiegel nicht wirklich zum Mitjaulen einlädt. Schade, aber auch symptomatisch für die kleinstadthelden. Wirklich flott rockenden Nummern, die exakt jene eine Zeile beinhalten, die den Hörer aufhorchen lässt, stehen leider auch matte Lieder gegenüber, wo wiederum Hopfen und Malz verloren ist. Doch kommen wir zu echten Lichtblicken von Osterholz-Scharmbeck. Winter im Juli ist ein unheimlich spritziger, in argem Liebeskummer schwelgender Song. „Es fühlt sich an wie Juli. Kälte da, wo Wärme war. Mein Herz ist gefroren, so geht die Liebe nicht verloren.“ reißt sofort vom Hocker – hätte bei Raabs Veranstaltung reelle Chancen. Fast ebenso überzeugend fällt das weniger ungestüme Nicht Nur aus, wo die Band auch unter Beweis stellt, dass sie schlüssige, nachvollziehbare Texte über das Ende eines Satzes hinaus zu fabrizieren imstande ist.  Wer die Gaga-Botschaft „Und das Minilieb ist ein liebes Ministerium. Wir lieben dich. Und das Minilieb bleibt viel lieber ein Mysterium. Wir lieben dich.“ auf Minilieb als knusprig servierte Kultivierung von Nonsens wahrnimmt, muss das Lied einfach mögen. Sobald die kleinstadthelden mit keckem Charme kräftig durch die Boxen rauschen, will man das Album trotz mancher Schwächen herzen. Diesen Biss lassen die balladesken Momente (Mein Freund, Wofür? Egal!) meist vermissen, da wird auch gesanglich zu bedeutungsschwanger herumhantiert. Zuweilen taucht die Formation auch in die Abgründe der Großstadt ein, geht über die eigene Befindlichkeit hinaus und bietet Nachdenkliches. Tick Tack offeriert sich als clevere Beobachtung, unterstreicht, dass die Band nicht nur Herz-Schmerz und jugendlichen Pathos im Köcher hortet.

Der ehemaligen Heimatstadt der kleinstadthelden, Osterholz-Scharmbeck, darf als Namenspate der Platte durchaus die Brust schwellen. Die quirlig-rockige Attitüde der vier Akteure hebt fast alle Mängel auf, wird deutsche Indie-Rock-Fetischisten gut unterhalten. Die Chance zum großen Durchbruch hat die Band allerdings durch eigenes Verschulden vertan, Indie Boys wird beim Bundesvision Song Contest 2010 für Bremen leider unter ferner liefen laufen.  Schade!

Osterholz-Scharmbeck ist am 10.09. bei mossBEACH music/kleinstadtplatten erschienen.

Konzerttermine:

14.09.2010 Köln – TV total
15.09.2010 Stuttgart – Beat Club
17.09.2010 Hannover – Cafe Glocksee
22.09.2010 Jena – Rosenkeller
23.09.2010 Berlin – Sage Club
24.09.2010 Wilhelmshaven – Pumpwerk
27.09.2010 Frankfurt – Nachtleben
01.10.2010 BERLIN – Bundesvision Song Contest 2010
09.10.2010 Herne – Rockbüro Herne e.V.
29.10.2010 Hamburg – Beatlemania
30.10.2010 Köln – Lichtung

Links:

MySpace-Auftritt

Offizielle Homepage

Album-Stream von Osterholz-Scharmbeck

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Mehr als nur minilieb – kleinstadthelden

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