Die wenigen Handgriffe hin zur Poesie – Illute

Weibliche Stimmen, die Tiefgründigkeit in matte Bonbonfarben hüllen, dabei filigran erschallen, durch die Intonation aber durchaus Selbstbewusstsein suggerieren, vermitteln mir einen Charme, dem ich mich nie verweigern mag. Wenn mit aufgekrempelten Ärmeln schlichte Alltagssprachlichkeit dank weniger Handgriffe in Poesie umgekrempelt wird, patent und mit in die Hüften gestemmten Händen ein fräuleinhaftes Gefühlsleben unverhandelbar dargeboten scheint, ja dann darf man als Hörer getrost in Hellhörigkeit erstarren. Muss man aber nicht. Der unter dem Decknamen Illute werkenden Berliner Liedermacherin Ute Kneisel will ich im Grunde nur einen einzigen Makel an den Kopf werfen, welcher jedoch die Crux des Albums Immer kommt anders als du denkst definiert. Die vorliegende Nabelschau konzentriert sich auf die eigenen vier Wände, lässt keine perspektivische Breite in der Erzählweise zu. Die so aufkommende Intimität fasziniert fraglos, und doch besitzt die werte Künstlerin weitaus mehr Talent, als ausschließlich den eigenen Gefühls- und Beziehungskosmos gehaltvoll zu schraffieren.

Bereits die ersten Worte des Albums, aus dem Lied Du bist eine Stimme, springen nachhaltig ins Ohr. „Du bist eine Stimme, ein Skelett aus Worten, die Stille malt dir kein Gesicht.“ zeichnet ein klavierverbrämtes Bild, das Mal um Mal intensiver leuchtet. Fast spielerisch verschränken sich Satzpartikel zu einem ästhetisch-liebevollen Ganzen, dessen Wärme unverfälscht in den Betrachter übergeht, ihn in die Zärtlichkeit der Szenerie purzeln lässt. Wie sich Assoziationsketten ohne störendes Rasseln innig und manchmal zaghaft ineinander verweben, dabei ohne intellektuelle Verkünstelungen auskommen, all dies demonstriert die Qualitäten Illutes. Sie rückt mit sprachlichen Mitteln an, die nie Eindruck schinden wollen. Sich auch nie in einer wirren Bedeutungslosigkeit zerfransen, vielmehr eine ab und an spröde Klarheit vermitteln. Das verdeutlicht auch das lediglich im Refrain englisch gehaltene A Short Poem, sogar mehr noch Verrückt mit „Ja verrückt ist manchmal gut, aber nicht immer. Verrücke alle Möbel in deinem Zimmer und du findest unter einer dicken Staubschicht unverhoffte Reste aus einem alten Leben, das du längst vergessen glaubtest.“ – solch aufgeräumte Poesie ist rar.

Es wird gehn löst auch ein musikalisches Versprechen ein, öffnet sich elektrogestützen Klängen, hievt ihr Schaffen auf einen Level, der nicht nur Puristen in Faszination versetzt. Die unaufdringliche Poppigkeit könnte diesem Lied auch kommerzielle Ehren bescheren. Das chansonesque Ob es genug ist fördert formidabel die verschmähte Enttäuschte zutage. Illute spart nicht an Facetten und koloriert sie fast alle vorbildlich. Wenn sie sich jedoch von der deutschen Sprache verabschiedet, auf Englisch singt, wirkt das außer auf My Music Is A Boat zu zahm, ohne hervorstechende Note, mangelt es an der textlichen Feinheit, die sich in Deine Zeit immer und immer wieder findet. Am Ende der Platte vermeldet das durch penetrante Bläser skurril gestalte Dünner Tag ein weiteres Highlight. „Es war ein dünner Tag, der mich hungrig anstarrte, also machte ich die Augen einfach wieder zu.“ mopst sich ohne viel Geschwafel die Aufmerksamkeit des Hörers, ehe Der Abschied Nüchternheit mit Emotion paart, dem Album einen würdigen Abschluss gönnt.

Immer kommt anders als du denkst zeitigt Liedermacherkunst, welche im Nu alltägliche Reflexionen in sprachliche Kleinode bringt. Gefühls- und Beziehungsbefindlichkeiten werden auf hohem Niveau dargelegt, ohne dabei mit ernsthafter Wucht den Hörer zu erdrücken. Das Werk bleibt wohlig anregend, von launiger Kreativität beseelt. Auch nach längerem Nachdenken will mir keine aufstrebende deutschsprachige Liedermacherin einfallen, die über ähnliches Können verfügt. Illute hat sogar noch Raum zur Weiterentwicklung. Sie wird noch viele zum Staunen bringen.

Immer kommt anders als du denkst erscheint am 01.10. auf analogsoul und LasVegasRecords.

Termin:

01.10.10. Berlin – L.U.X (Record-Release)

Links:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download des nicht auf dem Album vorhandenen Tracks Angst vorm Leben

Kostenloser Download von Dünner Tag (dub rmx) von der Labelseite von analogsoul

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Die wenigen Handgriffe hin zur Poesie – Illute

  1. Ja, doch.
    Sehr subtile Kommentierung, insbesondere im zweiten Teil, wo jeder song einzeln in den Blick genommen wird.
    Der erste Teil des Kommentars wird mit dem abwertenden Schlagwort „Nabelschau“ Illutes Intentionen wohl nicht ganz gerecht. Von eigenen Erfahrungen ausgehend, drückt sie sehr wohl aus, was viele andere auch emmpfinden mögen. Richtig ist, dass ihr ein direkter gesellschaftspolitischer Impetus (noch) fehlt. Stimmt, davon könnte man in heutigen Zeiten auch wieder mehr gebrauchen. Aber gebt ILLUTE die Chance, sich bis zu ihrem nächsten Album weiter zu entwickeln. Bis dahin gilt:
    Aus ihren großen Schmerzen macht sie die kleinen Lieder, so ließe sich, frei nach Heinrich Heine, ILLUTE und ihre Kunst beschreiben.
    Es sind Lieder der Sehnsucht nach einer besseren Welt, auch im kleinen zwischenmenschlichen Bereich.
    Sie sind ein leiser Aufschrei. Nur wer ILLUTE sehr gut kennt, der weiß, welche Freuden und Schmerzen in ihren scheinbar kleinen Liedern stecken.
    Wer sie noch besser kennt oder wer ganz genau hinhört, der bemerkt und spürt die feinen Signale leiser Selbstironie, die alle ihre Lieder durchziehen.
    ILLUTE hat auch Humor. Sie leistet sich textliche und musikalische Experimente. Und das macht Hoffnung –

  2. Nun es ging wirklich nicht um eine Abwertung und viele der tollstens Song der Musikgeschichte sind nabelbeschaulich. Aber wer die Gabe zur Beobachtung hat und diese ersehe ich aus den Lyrics, soll dieses observative Können ruhig über die eigenen vier Wände hinaus einsetzen. Das muss ja dann nicht gleich weltverbesserlichen Lennon-Hymnen münden. Mir liegt also nichts ferner, böse oder – noch schlimmer – oberflächliche Worte über eine talentierte Musikerin zu verlieren.

  3. Noch einmal ausdrücklich herzlichen Dank für Ihren kompetenten und einfühlsamen Kommentar.
    Kaum jemand ist Illutes Texten und ihrer Musik m. E. bisher so gerecht geworden. Auch die weiterführenden Anregungen teile ich voll und ganz.
    Mich hatte nur der Begriff Nabelschau gestört. Aber so interpretiert macht er Sinn.
    Jedenfalls höre ich Illutes Lieder einfach gern und schätze ihre unverwechselbaren, meist doppelbödigen Texte. Nach Ähnlichem muss man in der etablierten deutschen Musiklandschaft wohl lange suchen.

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