Mehr als ein Kind von Traurigkeit – Sharon Van Etten

Mit Folk-Sängerinnen verhält es sich wie mit schönen Frauen. Es kann ihrer nie genug geben. Allein deshalb schon, damit auch verschiedenste Geschmäcker bedient werden, jedermann ein Objekt der Begierde erwählen, dem Ebenmaß verfallen darf. Bereitwillig möchte ich einräumen, dass mein musikalischer Blick oftmals hinschielt, der Augapfel sich nicht nur den Sangeskünsten einer einzigen Dame widmet. Aufmerksame Leser werden vielleicht schon meine eklatante Schwäche für Sharon Van Etten ausgemacht haben. Noch gehört die werte Singer-Songwriterinnen nicht zur ersten Garde der Pin-ups des Genres. Bis dato geistern noch die Alben prominenterer Kolleginnen durch die Sammlungen ausgewiesener Fetischisten. Dies wird sich zweifelsohne in Bälde ändern. Mit ihrem jüngsten Werk Epic hat die US-Amerikanerin eine Scheibe gefertigt, welche eine nähere Betrachtung verlangt.

Van Etten ist natürlich auch ein Kind von Traurigkeit, bei ihr ist die Liebe kein Kindergeburtstag, Emotionen werden in eine natürliche Schieflage gedreht. Nichtsdestotrotz weicht die geschätzte Dame der Geschlechterfalle des passiven Erleidens aus, strotzt nicht vor gequältem Liebreiz, sondern begegnet all den Widrigkeiten mit einer Kraft, die sich nicht aus nervenbündeliger Wut speist. Den Herzensbrüchen stemmt sie eine lebendige, robuste Stimme entgegen. Das gerade einmal sieben Lieder umfassende Album krönt Don’t Do It, ein überragdender Song, der an die besten Zeiten einer Dolores O’Riordan gemahnt. Dieses eindringlich und sorgenvoll beschwörende Plädoyer gegen einen bevorstehenden Selbstmord erzeugt sowohl musikalisch als auch textlich Gänsehaut. Stellt eine Sharon Van Etten vor, die nicht wie bisher gewohnt einzig auf ihre Gitarre vertraut, sondern sich eine ganze Band zur Verstärkung holt. Eine wegweisende Entscheidung. Das dank Lap-Steel-Gitarre viel Country-Stimmung verbreitende Save Yourself wummert  enttäuscht aus den Boxen. „Don’t you think I know, you’re only trying to save yourself, just like everyone else.“ lautete das völlig desillusionierende Ende des Lamentos. Insgesamt stellen sich trotz der überschaubaren Anzahl an Songs überraschend viele Stile ein. Neben dem auf die Gitarre schwörenden Folk-Rock von A Crime,  manch Pop- und Country-Elementen begegnen dem Hörer mit DsharpG gespenstisch-schaurige Klanggebilde, die eine Nähe zu Marissa Nadler suggerieren. Mit dem getragenen Love More findet die Platte letztlich einen allzu frühen, aber durch und durch formvollendeten Abschluss, welcher nochmals die Intensität des immer stupenden Gesangs hervorkehrt.

Take Away Show #109 _ SHARON VAN ETTEN (long version) from Vincent Moon / petites planetes on Vimeo.

Epic definiert die konsequente Auslotung aller Möglichkeiten, manifestiert eine Experimenten aufgeschlossene Sharon Van Etten, die die Fülle ihres Talents in keine spezielle Form gießen möchte. Diese Einstellung geht zwar auf Kosten der Kohärenz der Platte, die einzelnen Tracks für sich betrachtet entwickeln allerdings großes Charisma. Van Ettens Weiterentwicklung zu einer bis über beide Ohren versierten Singer-Songwriterin macht sie zum veritablen Objekt der Begierde, das immer mehr Musikfans ehrfürchtig anstarren.

Links:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download von Don’t Do It auf Stereogum

Gratis-Mp3 einer Demoversion von Save Yourself

Love More auf Pitchfork

SomeVapourTrails

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