Too Much Information – RSS Memory Overflow

Zugegeben ich bin ein Mensch, dessen Präferenz hin zu hübscher Schlichtheit tendiert. Zugleich bin ich von einem steten Interesse, weniger charmant formuliert könnte man auch von Neugier sprechen, getrieben. Diese Vorlieben kamen sich häufig in die Quere, wenn es darum ging, die tagtägliche Essenz an Neuigkeiten mittels eines schnöden Feedreaders auf einen zeitsparenden Blick zu erhaschen. Dann entdeckte ich Netvibes und mein ästhetisches Empfinden bat meinen Informationdrang zum Tanz. Während es sich für das Lesen der Online-Ausgaben von Zeitungen nicht wirklich dienlich erwies, möglicherweise weil ich politische und gesellschaftliche Themen nicht dafür geeignet erachte, auf eine Schlagzeile eingedampft zu werden, so hat mir Netvibes hinsichtlich Blogs einen guten Dienst erwiesen.

Und darum sortierten sich nach und nach unzählige Musikblogs und Fachmagazine in die Kategorie Musik ein. Erst unlängst hat sich das 140. Widget auf meiner Seite eingenistet. Drei Spalten erleichtern die Übersicht. Während die linke Spalte die klassischen Blogs beherbergt, führt die mittlere Online-Magazine, diverse Internet-Auftritte öffentlich-rechtlicher Radios und ähnliches im Schilde, rechts schließlich werfe ich ein wachsames Auge auf die News von ausgewählten Labels, Promo-Firmen und Download-Portalen (beispielsweise betterPropaganda). Was von der ursprünglichen Konzeption her eine Übersichtlichkeit par excellence versprach, bläht sich jetzt immer mehr zum nicht länger zu bezähmenden Monster auf. So legt mir mein Faible für Musik und deren Rezeption eine Schlinge um den Hals, welche bereits kräftig gegen die Kehle drückt.

Über Musik wird viel geschrieben - zuviel? (Quelle: Deutsches Bundesarchiv auf Wikimedia Commons; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Lizenz)

Nun hinze und kunze ich nicht jede Seite, die Musik stolz gleich Schwangerschaftsstreifen zu Markte trägt. Ich habe mich ohnehin damit abgefunden, dass auf ein Faszinosum, das durch sprachliche Kunstfertigkeit, wundersame musikalische Entdeckungen oder ausgeklügelte Betrachtungen zur Plattenindustrie besticht, jede Menge Schund kommt, der mit der rhetorischen Finesse eines Marktschreiers agiert oder gar als Link-Mafia mit arrogant in den Fingern verhedderter Zigarre sein Dasein fristet. Auch solche finden Eingang in meinen Netvibes-Schrein – als Mahnung, dass der Durst nach Aufmerksamkeit nie durch dargereichten Fusel gestillt werden sollte. Zudem lohnt es sich den Schwaden einer Ahnung vor dem geistigen Auge vorbeiziehen zu sehen, worüber derzeit alle sprechen, die keine Zuflucht in der Weltabgeschiedenheit einer geschmacklichen Trutzburg gefunden haben. Allerorten wird von Lady Gaga oder Katy Perry gefaselt und irgendwie gerät es zu einer tröstlichen Gewissheit, wenn man erstere nicht als durchgeknallte Modedesignerin ansieht und letztere nicht im Porno-Milieu verortet. Man fühlt sich wie ein Millionär, der eine Suppenküche nicht versehentlich für einen Zubereitungsort feinster Bouillon im Edel-Restaurant hält.

Zwischen Bedarftheit und Unbedarftheit klafft nur ein winziger Spalt. Viele Blogger tapsen fettnäpfchenfroh hinein – und werden ab und an zwecks weiterer Beobachtung meiner Liste hinzugefügt. Der weitverbreitete Irrtum, wonach jedermann aus Jux und Laune heraus über dies und das losplappern sollte, mag zwar den Siegeszug von Chats und Foren erklären, für das Bloggen freilich braucht es dann doch neben einer Aufgeräumtheit im Ausdruck auch ein Mindestmaß an Selbstorganisation. Mit dem Schwung eines Bierkutschers  in die bloggende Bedeutungslosigkeit zu rasen, unüberlegt vom Stapel zu lassen, was den eigenen Kopf so durchlüftet, kann in nachgerade frivoler Unterhaltsamkeit münden, oder aber in Geschwätz ausarten. Einige vielversprechende, mit musikalischem Interesse ausgestatteten Blogger, die ihr Tun als reines Hobby ansehen, noch nicht durch das Bombardement von Promo-Agenturen und Labels gedrillt scheinen, flanieren oftmals entlang der Grenze dessen, was die Authentizität von Blogs so liebenswert gestaltet, und landen allerdings mitunter eben auch auf der Seite, die drastisch vor Augen führt, was die Authentizität von Blogs so eitel und nichtssagend erscheinen lässt.

Wer nun ein Loblied auf die Professionalität anstimmen möchte, sollte den geölten Stimmbändern besser doch ein Päuschen gönnen. Denn nur weil sich zwei oder drei Autoren im Namen der Musik versammeln, entwickeln sie noch keine heilsbringerischen Fertigkeiten. Nicht alles, was sich mit ausladendem Gestus als Magazin tituliert, bündelt tatsächlich in geballter Form Lesenswertes. Die in der Tat kommerziell agierenden, gerne auch in gedruckter Form verbreiteten Fachzeitschriften liefern gerade online oft den noch größeren Mist ab. Texte und Klatsch wie Tratsch, all das, was es nicht wert ist, auf Papier gedruckt zu werden, landet im Plumpsklo der eigenen Internet-Präsenz. Das gute, alte Feuilleton anspruchsvoller Zeitungen gönnt sich ja im Netz auch den einen oder anderen popkulturellen Blog. Und wahrhaftig, die hervorstechenden Vertreter dieser Zunft verdienen zumindest in fabulierender Hinsicht Applaus. Auch wenn die Inhalte den Leser oftmals mit drögen Augen anstarren. So bleibt der Job musikalische Themen beneidenswert gut aufzubereiten, an den öffentlich-rechtlichen Radios haften, die ihre Sendungen auch im Netz meist perfekt redaktionell betreuen (Stichwort: Breitband auf Deutschlandradio Kultur).

Ein wenig möchte ich auch den Schleier bezüglich der dritten Spalte meiner Netvibes-Seite lüften. Trotz all der vermaledeiten Newsletter diverser Labels und Promo-Heinis werde ich von der Paranoia beschlichen, dass die echt tollen Veröffentlichungen vor mir verborgen bleiben. Ich bekomme die Pfifferlinge, während man dem Blogger nebenan die Trüffeln vor die Nase hält. So wandle ich mit Netvibes eben auf Nummer sicher. Behalte nebenbei auch kleine, feine amerikanische Plattenfirmen im Augenwinkel, sehe mir die neuesten Downloads auf Spinner oder RCRD LBL an. Wenn gehypte Bands dort den neuesten Mist anbieten, hat aber ohnehin bereits einer der Trendblogger darauf zeitnah verwiesen. Viele deutsche Blogs verstehen sich sowieso nur als Übersetzungsmaschine für Stereogum und Konsorten.

Worin liegt also die Essenz dieses Lamentos? Dass es massig schlechte Musikblogs und Gazetten gibt, erkennt jeder Taube mit Krückstock. Dass man nicht alles überfliegen – geschweige denn lesen – muss, weiß auch schon jedes Kind. Dass 140 Informationsquellen Daumen mal Pi 120 zuviel sind, einen regelrechten RSS Memory Overflow garantieren, liegt ebenso auf der Hand. Aber inmitten all der auf Netvibes gepflegten musikalischen Sprachverwirrung rieselt mir ein Umstand besonders ins Auge. Täusche ich mich oder wird tatsächlich immer mehr über Musik geschrieben, Tag für Tag Legionen von Wörtern hervorgepresst, die flehentlich auf Leser warten? Nur, wo versteckt sich der, der die Rezeption von Musik rezipiert, wahrnimmt, kurz kommentiert, ohne selbst vom bloggenden Schlage zu stammen.

Kurz und bündig formuliert: Betreiben Blogger Inzest? Indem sie sich selbst bespitzeln, beweihräuchern, besudeln? Wo nur sind die Massen, welche die Ergüsse auch verschlingen? Besonders die Ergüsse, die ohne Buzzwords wie Lady Gaga oder Katy Perry agieren. Können Blogger irgendeine andere Aufgabe als die orale Befriedung von Musikern und Plattenfirmen erledigen? Dem einfachen Zeitgenossen wirklich musikalische Erkenntnisse vermitteln? Schlichten Gemütern die Magie erklären? Mein aufgeschwemmtes Netvibes verneint dies immer mehr.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Too Much Information – RSS Memory Overflow

  1. Das, was Du beschreibst, kenne ich nur zu gut, allerdings habe ich mich von der wüsten Informationsflut befreit. Das Problem ist, dass heutzutage jede/r mehr oder weniger talentierte Musiker/in Songs aufnehmen und (leider) auch veröffentlichen kann. Ebenso kann jede/r mehr oder weniger talentierte Blogger/in ihren/seinen Senf dazu abgeben. That’s too much und oftmals auch nicht sinnvoll (Ich sage damit nicht, dass ich auch nur einen Deut besser bin!). Die Promo-Kehle wurde auch mir zugeschnürt, bis ich glücklicherweise erkannt habe, dass ich das hier nur hobbymäßig betreibe 🙂 SEither geht es mir deutlich besser. Und sooooo wichtig sind wir nun einmal nicht, sprich: Wir werden niemals die Printmedien ersetzen bzw. ernsthaft mit ihnen konkurrieren können. Wir sind eine Community, manche bespitzlen sich gegenseitig, andere wiederum nicht. Hinzu gesellen sich zahlreiche Gastleser, die sich vielleicht die eine oder andere Anregung holen oder sogar regelmäßig vorbeischauen. Das ist doch schon mal was!

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