100 Songs – Teil 10 (Laid)

Es müssen nicht immer die musikalisch schweren Geschütze aufgefahren werden, um einen in jedweder Hinsicht anbetungswürdigen Song zu kreieren. Eine Melodie, die man auch mit teuren Wattestäbchen nicht aus den Ohren bekommt, ein deutungswilliger,  expliziter Text, welcher das geschilderte Ungemach erst nach und nach enthüllt, dazu noch eine der feinsten Stimmen von der Insel, aus solch Ingredienzien fertigt man ein pfiffiges Lied, das über jeglichen Zweifel erhaben sich doch Hit schimpfen darf. Die britische Band James hat dieses Kunststück mit Laid geschafft, wenn auch nicht in hiesigen Breiten.

Der 1993 auf dem gleichnamigen Album platzierte Track besticht durch feinsten Pop, lebhaft und agil, dem vermeintlichen Lamento eine leichte, beschwingte Note beimengend. Bereits die ersten Zeilen „This bed is on fire with passionate love/ The neighbors complain about the noises above/ But she only comes when she’s on top“ verdeutlichen, weshalb der Song heißt, wie er eben heißt, und lassen zugleich erste Zweifel aufkommen, ob dieser Sex-Marathon wirklich samt und sonders vor Unbeschwertheit schwitzt. Wenn sogleich die Therapeutin das Schlafzimmeridyll entert, dem Protagonisten rät, die werte Spielgefährtin nicht länger zu sehen, die Amour fou sogar zur unheilbaren Krankheit erklärt, bleibt zunächst die Obsession im Halse stecken. Der werte Herr wird zunehmend entmannt, in Frauenkleider gesteckt und hübsch geschminkt. Längst ist er seiner Sucht, Lust und Leidenschaft ausgeliefert, der Kampf der Geschlechter wurde vom Weibe verkehrt. Und just hier bäumt sich Sänger Tim Booth auf, zieht um, nur um zu feststellen zu müssen, dass er nun zum Stalking-Opfer mutiert. Die nymphomanische Ex-Freundin zieht in die Nachbarschaft, schleicht sich sogar in seine Wohnung und legt sich zu ihm ins Bett, was der Akteur erst beim Erwachen bemerkt. Letztlich ergibt er sich sehenden Auges mit den Worten „You’re driving me crazy/When are you coming home?„.

Was lernen wir nun daraus, außer dem Umstand, dass eine sexuelle dominante Frau einen armen Mann stets im Handumdrehen um den Verstand bringt? Zunächst einmal, dass sich hier recht deftige Lyrics hinter fröhlichem, quirligem Pop verbergen,  eine wirkungsvolle Melange aus Beschwingtheit und nicht gänzlich unpathetischem Leiden formen. Weiters sollte das Lied als Visitenkarte der Band fungieren, James haben viele tolle Lieder im Talon, wurden und werden nach wie vor nicht genügend geschätzt. Die 1981, also in der Prä-Internet-Ära, in Manchester gegründete Formation hat sich mit der Namenswahl allerdings keinen guten Dienst erwiesen. Solch ein Allerweltsvorname brennt sich nicht mit einem Fingerschnippen ins musikalische Gedächtnis ein. Schade, denn neben dem formidablen Laid gäbe es durchaus weitere Perlen zu entdecken. In den Olymp der 100 Songs haben es die 2007 wiedervereinten James geschafft. Bleibt zu hoffen, dass sie nochmals solch ein famoses Lied, welches auch dem tausendsten Hördurchlauf locker standhält, zusammenzuzimmern vermögen.

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