Aus dem Sonntagmorgennähkästchen des Herrn SomeVapourTrails

Dieser Tage quäle ich mich in einer Art Boot Camp für Rückenkranke, um einem enervierenden Leiden endlich mit Riesenschritten zu entfliehen. Und auch wenn ich derzeit noch die Faust im Nacken spüre, und das meine ich nicht etwa im übertragenen Sinn, so entdecke ich zugleich Muskelstränge, die sich mir bislang nie wirklich vorgestellt haben. Das holen sie nun auf die harte Tour nach. Doch ich schweife ab, eigentlich will ich ja nun ein sonntäglich morgiges, von körperertüchtigenden Verpflichtungen befreites Szenario als Stillleben auf den Blog pinseln. Ein Kaffee, mittels Cafetière zubereitet, ziert den Schreibtisch, frech das Mousepad betretend, sobald ich nicht hingucke, daneben ein Stapel CDs, die uns so zugeschickt werden,  manchmal auf meinen ausdrücklichen Wunsch von Herrn Amazon, meist aber von emsigen Promotoren, Labels oder aufstrebenden Bands.

Während es mir Herr Amazon leicht macht, weil er meinen Geschmack kennt, keine bösen Überraschungen bereit hält, mit meiner Zuneigung bedacht wird, welche zweifelsohne eine homoerotische Dimension birgt, eben weil Herr Amazon so zuverlässig wie enttäuschungsfrei agiert, sich diese Zuverlässigkeit jedoch auch fürstlich entlohnen lässt, haben Frau Promotorin und Väterchen Labelheini einen schwereren Stand. Leider hat Herr Amazon dieses Mal nichts geschickt. Die Anderen jedoch verehren mir Silberlinge, die ich nur in seltenen Fällen meinem Wunschzettel einverleibt habe. Die Herrschaften schenken, mit überaus berechtigten und legitim berechnenden Hintergedanken. So still und heimlich wie das Eintüten vonstatten geht, derart marktschreierisch erweist sich nach Erhalt das oftmals beigefügte Info-Blatt. Dieser sogenannte Waschzettel kennt jede Menge Superlative, rackert sich am Kaschierender Schwächen ab, photoshoppt die Musik hin zur Makellosigkeit.

Aus meinem mit bequemen Kissen gepolsterten Stuhl heraus, dabei das zweite Tässchen Kaffee – mit einem Schuss Sahne verfeinert – goutierend, ist der erste Fluch des Tages zu vernehmen. Wer so wie ich seine Fingernägel eifrig bekaut, hadert mit eingeschweißten Tonträgern. Die Folie will partout nicht reißen. Mein Hirn zermartert sich an einer Kosten-Nutzen-Kalkulation. Lohnt sich das Aufstehen, gerade jetzt, da der Rücken temporär seinen Streik eingedämmt hat und mir nur noch vereinzelte Streikpöstchen hartnäckig im Nacken sitzen? Eventuell entpuppt sich die CD als Bockmist, den ich zum Verwesen in die zweite Reihe meines Regals stelle. Ja, ich bekenne mich dazu, auch Blindgänger zu horten. Denn es könnte jederzeit ein unsympathischer Zeitgenosse meinen Bekanntenkreis entern, dem ich zu Geburtstagen und ähnlichen Peinlichkeiten dann mit Wonne ein passendes Geschenk spendieren möchte. Momentan fehlen mir dazu gefühlte 50 unangenehme Charaktere. Bitte dies nicht als Aufruf zur Knüpfung zarter Bande zu verstehen!

Letztlich löst eine Schere das Problem. Nun folgt das obligatorische Rippen der CD. Schließlich will ich die Musik auch in der U-Bahn erlauschen. Darüber hinaus verlangt das Prinzip der sofortigen Verfügbarkeit nach einer digitalen Sammlung. Nie und nimmer möchte ich unter Mühen und lautstarkem Zähneknirschen in den Regalen zu kramen, wenn mir der Sinn nach einem bestimmten Lied oder Album steht. Sofort meint auch sofort. Die karnickelhafte Vermehrung der Platten erschwert eine feinere Systematik, geschuldet dem Umstand, dass die Regale nicht in den Himmel wachsen können. Zuweilen präsentiert sich das Unterfangen des Umwandelns schwierig. Wenn CDDB die Scheibe nicht erkennt, weil sie noch nicht auf dem Markte Haut zeigt, muss selbst Hand an die ID3-Tags gelegt, somit die Metadaten eingefügt werden. Denn Ordnung ist die halbe Disziplin, eine Floskel, welche ich auch der Co-Bloggerin gegenüber propagiere. Oftmals schürzen meine Lippen Verwünschungen, die kräftig durch den Raum hallen. Manchmal gesellt sich zum Arbeitsaufwand noch das Ungemach, wenn ich wie weiland Sherlock Holmes erst die korrekten Songtitel erforschen muss. Heute jedoch läuft alles wie am Schnürchen.

Während sich die Metamorphose hin zur Mp3 vollzieht, luge ich schon mal kurz in meine Feed-Liste oder aus dem Fenster, hinter welchem ein kalter Tag immer mehr Kontur annimmt. Da Wagemut meinen zweiten Vornamen benennt, gucke ich in mein mit Newslettern prallvolles Postfach. Newsletter sind wie Läuse, man wird sie schwer los. Und hat man eine Laus zerquetscht, spaziert fröhlich das nächste Dutzend daher. E-Mails, sie übermannen mich ebenso, mich juckt es beim Löschen. Ob wohl gerade eine Laus über die Leber flaniert? Der Nacken jedenfalls macht einen auf Kumpel und wispert mir den Drang nach Schmerzmittelchen ins Ohr. Eines geht noch, höre ich als jovialen Rat. So mündet die erste Stunde des halbseidenen Idylls in der Verkostung der neuen Alben, welche dem digitalen Bestand einverleibt wurden.

Ich bin dann mal weg, abtauchen in die Musik. Der Rücken begibt sich in die Horizontale. Zwischendurch schmökere ich zwecks auflockernder Erheiterung in den Waschzetteln. So lässt sich ein Sonntagmorgen prima beginnen, mit ausgestreckten Füßen und annähernd erträglichen Schmerzen. Der Sonntag darf noch warten, mich ab 10 Uhr erst mit wohlkalkulierten Verpflichtung behelligen. Wenn der Samstag laut Tocotronic Selbstmord ist, eine These, der ich durchaus anhänge, dann bedeutet der Sonntag Auferstehung. Statt Engelschören untermalt eben Musik dies wiederkehrende Ritual. Wenn man Genuss heraufbeschwört, lässt er sich nicht lange bitten, durchflutet auch Melodien, die ihn allein nicht evozieren können. Ein Sonntagmorgen waltet milde, umgarnt das Gemüt balsamig. Würde doch nur mehr Musik entspannt gehört, die Zahl der Verrisse ginge sogleich drastisch zurück. Meine Wenigkeit vercoucht sich jetzt, ehe das Sonntagmorgennähkästchen sich wieder für eine Woche schließt.

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Aus dem Sonntagmorgennähkästchen des Herrn SomeVapourTrails

  1. Ich sehe New Idea Society. Das Album zwar noch nicht gehört, aber erste Klänge im Netz waren sehr vielversprechend. Auf mich wartet auch Arbeit. die im Regal gestapelten CD`s müssen unbedingt alpabetisch sortiert werden. Sonst finde ich nix wieder.

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