Die heiligen Momente der Musik – Her Name is Calla

Manchmal muss man die Finger von Superlativen lassen, wie sehr es auch in den Händen kribbelt, genau diese inflationär zu verwenden. In den heiligen Momenten der Musik entwickelt sie eine derartige Spannweite, die auch verschachtelte Sätze und enthusiastische Adjektive nicht auf eine Portion Fassbarkeit zusammenfalten können. Dennoch mag ich nicht gänzlich vor dem Unterfangen kapitulieren, eine annähernd adäquate Vorstellung dieser klanglichen Tour de Force in Buchstaben zu meißeln. Wie aber nähere ich mich einem Werk an, welches der heutigen Fließbandproduktion von CDs zunächst einmal echte Handarbeit entgegenstellt, nicht nur mit Herzblut gefertigt wurde, denn dieses durchdringt ja auch die Arbeit von Laien, sondern sogar noch einen abgrundtiefen künstlerischen Ausdruck in sich trägt? Faszination trübt den Blick, weil sie sich so sehr mit sich beschäftigt, dass jede Beschreibung eines fesselndes Werks zu einer Selbstdarstellung der Gefühlswelt des Betrachters mutiert. Eben dieses Dilemma, nicht nur die eigene Begeisterung zu transportieren, vielmehr ein Stückchen Tatsachenbeschreibung in den Sandwich des persönlichen Geschmacks zu quetschen, aus genau der Bredouille werde ich mich in den folgenden Absätzen nicht winden können.

Jenes Album, das nach besonderen Worten verlangt, nennt sich The Quiet Lamb, die Formation, welche es prächtig erschaffen hat, firmiert unter dem Namen Her Name is Calla. Das britische Quintett Thom Corah, Sophie Green, Michael Love, Tom Morris und Adam Weikert bietet weit mehr als nur die üblichen Kniffe auf, ignoriert das Schema F, welches leider längst das nebulösen Genre des Post-Rocks zu definieren scheint. Die Tracks vermeiden das überraschungsarme, abgewetzte Strickmuster von schwelgerischem Anschwellen, lärmiger Eruption und nach Atem ringendem Ausklang. Sie sind bei aller Zielstrebigkeit weniger berechenbar, überwinden herkömmliche Herangehensweisen, agieren mal episch ausladend, um nur kurz darauf eine spartanische Schlichtheit an den Tag zu legen. Folkische Schnörkellosigkeit trifft auf furios brodelnde Opulenz, Lautlosigkeit wechselt sich mit ohrenbetäubender Belärmung ab. Die Abgründe klaffen weit auf, Verzweiflung und Schmerz werden ohnmächtig dargereicht, doch trotz all der dunklen Färbung machen sich auch Momente tiefer Entrückung und der Hoffnung nach Vergebung breit. Fast wirkt The Quiet Lamb wie ein in finsteren Farben gemaltes Bild, in dem sich in irgendeiner Ecke ein Lichtstrahl verbirgt. Dieser Fetzen Helle rückt mit jeder Betrachtung stärker in das Blickfeld, weicht die komprimierte Dichte der Düsterkeit ein klein wenig auf, setzt einen erlösenden Akzent.

Es gibt Platten, in denen ein jeder Song zwangsläufig den nächsten bedingt. Wo Lieder ineinander ausstrahlen, das Konzept Album mitnichten überholt wirkt. Aus diesem Grund resultiert aus den zwölf Mosaiksteinchen auch ein vollendetes Ganzes, dem es an gar nichts mangelt. Will man dennoch einzelne Teile herausgreifen, lohnt zunächst die Betrachtung von Pour More Oil, dessen anfängliche Gedämpftheit mit dem resignativen Worten „I’m in an aircraft out of control“ schließt, um danach lautstark Vergebung und Schutz zu suchen. Sänger Tom Morris trägt dies gänsehautträchtig vor. Nicht mindere Beachtung verdient das auf 17 Minuten aufgespannte Condor and River, welches man ruhig als Opus magnum bezeichnen darf. Diese Wucht gemahnt an die besten Stücke von Godspeed You! Black Emperor, sowohl was die Ekstase betrifft, aber auch im Hinblick auf die Fähigkeit, die Dramatik über die volle Distanz zu erhalten, sogar noch auszubauen. In der ersten Hälfte dominieren Gitarre und Schlagzeug, ehe Gesang, Piano und im Verlauf auch Geige in den Fokus rücken. Mit solch augenscheinlicher Intensität dürfen sich nur wenige Tracks dieser Länge brüsten. Long Grass präsentiert den folkischen Einschlag der Band und zudem eine fein ausgeklügelte Instrumentierung, die die Andächtigkeit nicht zerschreddert. Die abschließende Trilogie The Union klettert wie von selbst auf ein Monument, wuchtet den ruhigen Lamenti vorangegangener Songs einen anhaltende Heftigkeit entgegen. Nach dem Auftakt mit I Worship a Golden Sun blickt Recidivist in den Höllenschlund, siecht in Kakophonie dahin, entlädt sich wuselnd, ehe Into the West einem wilden Ritt auf Gedeih und Verderb gleicht, wie aus einem in Cinemascope schillernden Albtraum flüchtend nach vorne prescht.

Thief by hernameiscalla

Her Name is Calla liefern eine Verzweiflung, die sich nie in purer Tristesse krümmt oder in arktischer Kühle dahinvegetiert. The Quiet Lamb beinhaltet den besagten Lichtblick, der die Platte verdaulich macht. Besondere Tiefgründigkeit birgt immer auch die Gefahr des tiefen, tiefen Falls. Dieser wurde hier vermieden, Ambition und Können stehen im perfekten Einklang und ergeben einen massiven, wehklagenden bis hoffenden Sound, der Bestand hat, den Hörer Mal für Mal zu fesseln versteht, mit immer neuen Details überrascht. Und eben jene Vielschichtigkeit spottet jeder Beschreibung, macht mich ratlos, mit welchen Worten ich empfehlen soll, was doch für sich selbst spricht, wenn man nur das Wagnis eingeht, dieses Album anzuhören. Und ja, das sollte man um jeden Preis tun, wenn man die heiligen Momente der Musik zu ergründen wünscht.

The Quiet Lamb ist am 22.10. auf Denovali Records erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

Hintergrundbericht zur Entstehung der Songs auf The Line Of Best Fit

Kostenlose Downloads von The Long Grass und dem Album The Heritage

SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „Die heiligen Momente der Musik – Her Name is Calla

  1. Alter Schwede, da hast du ja einen rausgehauen.Dagegen bin ich ja ein gefühlloser Roboter. Mir laufen gerade die Tränen der Rührung am grob geschnitzten Anlitz herab. Meinen bebenden Lippen entfleucht ein ehrfurchts- und respektvolles Halleluja.

  2. Auch für mich sind Her name is Calla eine der Entdeckungen des Sommers. Ein sehr treffender Bericht, der voll und ganz ins Schwarze trifft.
    Das Vorgängeralbum und die Vorgänger EP sind mindestens auch ein Ohr wert.
    Bis vor kurzem konnte man sie noch kostenlos über die Calla- Homepage downloaden, ob das immer noch möglich ist, Fragezeichen.

  3. ich muss sagen klasse geschrieben 🙂 muss auch sagen, das was ich bsiher aus dem Album gehört hat gefällt mir richtig gut!

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