Die Limited-Deluxe-Extended-Verarsche

Ehe meine Finger nun über die Tastatur scharwenzeln, habe ich mir eine Tüte geschnappt und all die unschön-herben Schimpfwörter, die mir zu diesem Thema so in den Sinn fallen, hineingewispert. Hernach hab ich sie zugebunden, auf dass nun ja keine unfeinen Ausdrücke entfleuchen, sich in diesen Beitrag einschmuggeln. Eigentlich könnte mein eloquenter Ärger jeden Bierkutscher vor Scham erblassen lassen. Derart gereizt überpinselt Zornesröte meine sonst gepflegte Blässe. Freilich geben Philosophierereien über das Album als Gesamtkunstwerk, bei dem einzelne Lieder als Mosaiksteinchen fungieren, ein clever durchkomponiertes Ganzes ausformen, keinen besonderen Anlass, um wutschnaubend die Nüstern zu blähen. Und doch ist die praktische Ausformung sehr wohl kritikwürdig.

Zugegeben, ich gehöre zu den Zeitgenossen, welche ein Album bis zur letzten Sekunde fokussiert hören, sich über hervorragende Lieder hinweghanteln, erst nach den gesammelten Eindrücken eine Entscheidung treffen, ob sich lediglich das Herauspicken der funkelnsten Stückchen lohnt oder eben dies eine Entstellung des Gesamtkunstwerks nach sich zieht. So wie ich mir einen Film in der vollen Länge angucke, auch nicht einzelne Seiten aus einem Buch herausgreife, so ehre ich auch die Intention des Musikers, der sich – sofern er die Entscheidungsgewalt besitzt – wohl etwas dabei gedacht hat, weshalb die Platte 6 oder 16 Stücke umfasst. Diese Grundsätzliche vorausgeschickt will ich mich jetzt empören.

Was ich so überhaupt nicht leiden mag, sind Limited– oder Deluxe-Versionen. Solch Aufblähungen sind generell bedenklich, meist mit dem gefüllt, was nach dem Reinemachen im Studio von der Putzfrau übersehen wurde, Bänder mit Demos, Akustik-Varianten oder holzhammerhändisch erstellte Remixe oder vor mir sowieso für die Tonne erachtete Radio Edits. Wer zusätzlichen Firlefanz liebt, dem steht der Kauf trotzdem frei. Anders präsentiert sich die Sache hingegen, wenn unveröffentlichte Bonus-Lieder ins Spiel kommen. In manch Ausnahmefällen kann das zu zusätzlichen Wonnen führen, den Gesamteindruck in ungeahnte Höhen kämmen.

Das Streben nach schnödem Mammon mag mitunter mammutgroße Miseren markieren. Und zwar dann, wenn man mit dem Limited-Deluxe-Extended-Scheiß einen fetten Reibach machen will, den Fans ordentlich in den Geldbeutel zu greifen trachtet. Darf der Konsument zwischen normaler oder aufgemotzter CD wählen, wirkt die Welt der Anhängerschaft rosarot. Problematischer erscheint da schon die Veröffentlichung eines Albums, dem dann wenige Monate später wie aus heiterem Himmel eine gutgespickte Luxus-Version folgt. Das hat ein ordentliches Geschmäckle. Derartiges Vorgehen lässt sich nur schwerlich mit langmütiger Contenance goutieren. Wenn am 26.11. Philipp Poisels sagenhaftes Bis nach Toulouse als Limited Version erscheint, beinhaltet dies neben einer DVD mit Live- und Unplugged-Aufnahmen sowie zwei vernachlässigbaren Radio-Edits auch die Cover-Stücke Schwarz zu Blau und Hannes Waders Heute hier, morgen dort. Während die gelungen Interpretation der Fox’schen Liebeserklärung an Berlin noch als kostenlose Mp3 auf Poisels Homepage Poisels ihr Dasein fristet, ist zweiteres Lied bloß als Live-Video zB hier verfügbar. Da möchte ich der Plattenfirma Grönland Records kräftig die Leviten lesen. Diesen hochwertigen Bonus hätte man zum regulären Veröffentlichungstermin bereitstellen und somit dem Käufer die Option bieten sollen. Verdammt nochmal!

Beispiel Nummer 2 wurde wohl auch von der Promo-Abteilung eines großen Labels ersonnen und  sogleich mit einem Schlückchen Prosecco begangen. Das letzte Album A Curious Thing der geschätzten Amy Macdonald wird ebenso am 26.11. als „Special Orchestral Edition“ neu aufgelegt. CD 1 repräsentiert das reguläre Album, der zweite Silberling bietet ein Werksschau im symphonischen Gewand. Nun bin ich kein Freund von solch orchestralen Sperenzchen, aber das ist auch nicht der Punkt. Warum schleudert man es nicht als eigenständige Konzert-CD fauf den Markt? Für zugegeben mit fragwürdigem Geschmack ausgestattete Liebhaber. Wer Macdonald im Klassik-Sound noch entzückend findet, hat das ohnehin gutes A Curious Thing bereits in die Plattensammlung aufgenommen. Auch hier sei der Major Universal gerügt.

Gibt es sie also noch, Plattenfirmen mit Herz für die Fans und dem Wissen um schmale Geldbeutel? Ein Gegenexempel habe im parat. Mardi Gras.bb bescherten im Frühjahr mit Von Humboldt Picnic eine Scheibe erster Güte, die ich fraglos zu den besten des Jahres zähle. Am 12.11. kam nun eine Extended Version des Albums in den Handel, die Von Humboldt Picnic/Editio Terra Incognita. Das pffiffige Label Hazelwood hat den Käufern der zuvor veröffentlichten Scheibe ein mehr als ungewöhnliches Angebot unterbreitet. Wer Hazelwood ein Foto mit dem Originalalbum zuschickt, bekommt gegen die Erstattung der Versandkosten die Unlimited Edition zugeschickt. Freilich mag das der Plattenfirma keine üppigen Einnahmen bescheren, aber durch solch einmalige PR-Aktionen gewinnt man treue Fans. Details dazu erfährt man dort.

Was lernen wir daraus? Außer dem Umstand, dass man sich in zwei der genannten Fälle dem Eindruck der Bauernfängerei nicht völlig verschließen kann. Und dem Fakt, dass Nachhaltigkeit zur Kundenbindung beiträgt. Zunächst stellt sich die Frage, wie man das Album als Gesamtkunstwerk wieder verstärkt im Bewusstsein der Plattenkäufer verankern will, ein Ziel, das wohl jedes Label verfolgt, wenn zugleich der Inhalt des Albums gegen Aufpreis oftmals beliebig erweiterbar scheint. Zweitens wundert man sich über mit dem Zaunpfahl winkende Marketingabteilungen. Die Offensichtlichkeit, mit der Enthusiasten ein zweites Exemplar einer annähernd gleichen CD aufzuschwatzen versucht wird, sollte als Geringschätzung des Kunden betrachtet werden. Darum kann die Devise nur lauten, Verlockungen auch mal zu widerstehen, wenn Geldgier allzu ruchbar mieft. Einer nicht eben kleinen Plattenfirma kann die Reputation mittlerweile egal sein, um den Ruf ist ohnehin nicht gut bestellt. Den betroffenen Musiker hingegen, den sollte solch Schindluder zutiefst erzürnen. Ein glücklicher Hörer ist dieser Tage nur der, welcher wahrem Indie die Treue schwört. Dort wird Seriosität noch richtig buchstabiert!

SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „Die Limited-Deluxe-Extended-Verarsche

  1. Ich kenne die Problematik und man kann froh sein, dass es noch positive Gegenbeispiele gibt. Wir Sind Helden, zum Beispiel, die eine B-Seite mit Akustikversionen auf den Markt brachten. Oder Get Well Soon, die ein Album mit 25 Stücken veröffentlichten.
    Freilich sind solche Künstler nicht darauf angewisen dem Mainstream-Kult eines Albums pro Jahr zu verfallen, was ist auch schlimm daran, mit einem Album 3 oder 4 Jahre zu zehren, und den werten Hörer mit Ankündigungen auf ein neues Album in zwei jahren nochmal in Erinnerungen zu schwelgen…
    Ich mach das so..und es gefällt…

  2. Leider gehört zu den Negativbeispielen auch The National, die jetzt, gerade einmal ein paar Monate nach der ursprünglichen Veröffentlichung, eine Extended Edition von „High Violet“ herausbringen.

    Gut für die Leute, die die Band im Zuge des Feuilleton-Hypes erst in diesem Sommer entdeckt haben und sich nun die erweiterte Version kaufen, schlecht für all die treuen Fans, die sich „High Violet“ gleich am Erscheinungstag zugelegt haben…

  3. @König Drosselbart: Wir sind Helden haben die Soundso damals auch Monate nach dem regulären Release mit einer Live-DVD aufgepeppt neu in Regal gestellt. Die gab es sonst nur in Kombination mit Tour-Tickets und wer zufällig auf dieser Tour nicht bedient wurde, „musste“ dann auch das zweite Exemplar Soundso ins Regal stellen, um an die DVD zu kommen.
    Von der Reklamation gab es 9 Monate nach dem Release eine „Limited Tour Edition“. Ich finde, die taugen leider nicht so richtig zum positiven Gegenbeispiel.

    @topic: ich glaube auch nicht, dass es jedem Label am Herzen liegt, das Album als Kunstform wieder hervorzuheben. Ich kann damit nämlich nicht in Einklang bringen, warum man vor Albumrelease mittlerweile häufig 3, 4 Songs veröffentlicht. Eins als Video, einer als Download, einer als Vorab-Single, und einer als allererster SneakPreview-Stream – zack, kennt man 40% des Albums. Extrem zum Beispiel bei der letzten Eels.

    Aber um nicht nur zu meckern: Ja, der VÖ-Wahn nervt, insbesondere vor Weihnachten und ja, es wäre wünschenswert, wenn die Leude wieder das Album als Kunstform entdeckten. Insofern absolute Zustimmung zum Artikel.

  4. schöner artikel zu einem extrem nervigen thema. meine these: bonusmaterial taugt in 90 prozent der fälle kaum etwas. wenn songs gut genug für ein album wären, dann wären sie auch drauf. es wird gründe haben, wenn die stücke erst nach und nach veröffentlicht werden.

    dvd-bonus sehe ich mir ein oder zwei mal an, das wars dann aber auch. bin dazu übergegangen, mir fast nur noch die läppischen, „normale“ alben zu holen – außer bei den pet shop boys 🙂 da habe ich mich über „ultimate“ aber auch ziemich geärgert…

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