Falsche Freunde – Ray Davies

Zwischen Mitte der Sechziger und Anfang der Siebziger waren The Kinks in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, die durchaus dem Zeitgeist entgegen traten, den andere Bands voller Inbrunst umarmten. Ray Davies, Mastermind der Kinks, vermochte in seinen Texten mit feiner Beobachtungsgabe Verlierer und gesellschaftliche Außenseiter nuanciert zu porträtieren, damit auch ein Stückchen englische Lebenswirklichkeit musikalisch aufzubereiten. Es gäbe zahlreiche gute Gründe, sich auch heute dem Werk der Band zu nähern. Dass die Formation nicht die Hochachtung genießt, welche ihr eigentlich gebührt, liegt vor allem daran, dass The Kinks ihren eigenen Abgesang auf über zwei Jahrzehnte ausdehnten, ehe sie sich in den 90er-Jahren auflösten. Letztlich war auch der zwischenzeitlich in den USA verbuchte Erfolg keinesfalls der Rückkehr zu alter songwriterischer Größe geschuldet.

Ich begrüße ausdrücklich jedweden Ansporn, der Musikfreunde mit dem Frühwerk der Kinks vertraut macht. Ob es jedoch eine auf Duette fußende Werkschau braucht, welche Ray Davies zusammen mit illustren Gästen eingespielt hat, wage ich letztlich doch zu bezweifeln. Der Albumtitel See My Friends suggeriert zunächst, dass Davies mit Weggefährten gemeinsame Sache gemacht hat. Das in den Liner Notes geschilderte Zustandekommen spricht eine andere, oftmals geschäftliche Sprache. Bekannte Namen wurden auf Teufel komm raus in dieses Projekt gequetscht. Während manch Gast tatsächlich einiges zu einer validen Neuaufnahme bekannter wie unbekannter Lieder der Kinks beiträgt, stechen auch augenscheinlich wenig inspirierte Performances hervor.

Wenn Jon Bon Jovi und Richie Sambora ihren Senf zu Celluloid Heroes beisteuern, wird ein ohnehin schwächerer Track endgültig in verklärt-verkitschte, softige Verfasstheit gebannt. Man möchte seinen Ohren nicht trauen. Auch die Kollaboration mit den längst zu Abziehbildern einstiger Größe verkommenen Metallica schmeckt schal. Den Klassiker You Really Got Me in abgeschmackter 08/15-Härte zu forcieren und dabei nicht annähernd die Wildheit des Originals zu erlangen, kann nicht zufriedenstellen. Den Tiefpunkt jedoch trägt Paloma Faith mit belegter Zunge vor. All das, was Lola als Song adelt, wird im vorliegenden Fall mit viel Soul in den Gulli getreten. Doch neben all den falschen Freunden, die sich Ray Davies für diese Zusammenarbeit angelacht hat, eine Kategorie, in die man auch Lucinda Williams mit Long Way From Home stecken darf, trotz dieser erklecklichen Anzahl an Rohrkrepierern trifft man auch erfreuliche Talentvermengungen an. Was Davies mit Mumford & Sons aus dem Hut zaubert, ein aus dem wundervollen Days und This Time Tomorrow bestehendes Medley nämlich, taugt zum Hörvergnügen. Eigentlich halte ich Medleys für so überflüssig wie einen Kropf, aber dies Arrangement gefällt. Wenn Bruce Springsteen Better Things beehrt, einen der besten Tracks der Kinks aus ihrer Comeback-Phase in den Achtzigern, dann überragt die Spritzigkeit des Refrains das Original bei weitem. Hier haben sich ein Lied und ein Interpret gefunden. Dead End Street als Prototyp der von mir favorisierten Songs der Band wird von einer gut aufgelegten Amy Macdonald mit Biss vorgetragen, so überträgt man anprangernde Lyrics in die Gegenwart. Dass Jackson Browne das melancholische Waterloo Sunset nicht verhunzt, überrascht ebensowenig wie der Umstand, dass Gary Lightbody Tired Of Waiting mit unnachahmlichem Timbre bekränzt. Dergestalt macht das Unterfangen Sinn, auch beim Titel See My Friends, den Spoon mitbetreuen.

Ich komme nicht umhin, Ray Davies die eine oder andere Schelte mit auf den Weg zu geben. Die Platte See My Friends macht Einsteigern das Oeuvre der Kinks nur bedingt schmackhaft, eröffnet bestenfalls einen kleinen Einblick in die Bandbreite der songwriterischen Kunst der Gruppe, schreckt phasenweise sogar ab. Wohl auch deshalb eignet sich das Album hauptsächlich als ergänzendes Sammlerstück für Langzeitfans. Eigentlich schade, denn eine gute Handvoll Tracks und Gäste hätten sich ein schlüssigere, spürnasigere Zusammenstellung zweifelsohne verdient. Falsche Freunde sind nämlich gar keine.

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

5 thoughts on “Falsche Freunde – Ray Davies

  1. Ich habe die Kinks immer als total unwichtige Sixties-Sampler-Füller angesehen, was vor allem daran lag, dass sie immer wieder auf ebensolchen zu finden sind und das eigentlich nur mit You Really Got Me. Hinzu kommt noch der endlose Niedergang, den du schon angesprochen hast. Wirkt immer so ein wenig wie The Lords oder soche Combos. Na, mal schauen, ob ich mal ein wenig Nachforsche.

    Duettalben braucht aber wirklich kein Mensch. Wenn ich da an die zig Duettlivealben (Stars & Guitars Serie) von Willie Nelson denke…

  2. Autumn Almanac, Sunny Afternoon, Dandy, Dead End Street, Death Of A Clown, A Well Respected Man, Apeman, Days, Tired Of Waiting… alles ganz große Songs.

  3. seit tagen überlege ich, ob ich bei diesem album auf den „bestellung abschicken“-button drücken soll – und weiß es noch immer nicht! 😉 aber es stimmt schon: die kinks haben großartige songs geschrieben, jedoch besitze auch ich lediglich eine collection und diverse sampler, auf denen die hits vertreten sind. das album village green preservation society liebe ich aber über alles – witzigerweise ging dieses meisterwerk seinerzeit vollkommen unter.

  4. Ich tue mir schwer, dir die CD ohne Wenn und Aber zu empfehlen. Den Kauf einzelner Mp3s hingegen sofort. Die freilich können einen alten Haptiker nicht wirklich befriedigen, das ist mir schon klar. Würde daher den Mittelweg empfehlen. Sammlung mit der Bestellung einer günstigen CD aus dem Backkatalog auffüllen und 4-5 Tracks von See My Friends als Mp3 laden. Sollte preislich auf das selbe rauslaufen.

  5. Harald

    Bin hier grösstenteils vollkommen anderer Meinung.
    Vor allem damit das die Kinks nur in den 60er Jahren grossartige
    Sachen gemacht haben.Die Kinks haben in ALLEN Phasen ihrer Geschichte grandiose Songs gemacht und waren bis zu ihrem letzten Auftritt 1996
    meiner (und nicht nur meiner) Meinung nach, die beste Live-Band überhaupt!Nur weil sie nicht immer den gossen kommerziellen Erfolg hatten,hat das doch nichts mit „endlosem Niedergang“ zu tun.
    Muswell Hillbillies ,Preservation Act 1 und 2, Sleepwalker ,Misfits,
    Give the people what they want, Think Visual und unbedingt Phobia
    und und und… ALLES unvergessene grandiose Alben gegen die die meisten Neuerscheinungen heutzutage doch nur blass aussehen uns sich noch blasser anhören.
    Und die Kinks mit den Lords zu vergleichen ist ungefähr so als
    würde man die Who mit Heino vergleichen, diesen bösen Ausrutscher kann man nur mit völliger Unwissenheit erklären.
    See my friends ist eine tolle CD. God save Ray und the Kinks.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.