Kein k.u.k. Komplex – Francis International Airport

Mindestens 20 Platten, die mir 2010 wunderbar gefallen haben und die ich deshalb auf unserem Blog erwähnen möchte, weniger der Vollständigkeit halber, vielmehr als Zeichen eines guten Geschmacks, der mit eine Prise Snobismus und einem Hauch Exzentrik hier hochgestemmt wird, fristen momentan ein Schattendasein in meinem CD-Regal. Meine Akribie begünstigt dies, auch ausgedehnte Gedankengänge, welche durch mein Hirn spazieren, sind einer raschen Aufarbeitung kaum förderlich. Wenn aber ein durch und durch hochwertiges Popalbum aus Österreich kommt, dann will ich meine Landsleute zeitnah – folglich nur mit wenigen Wochen Verspätung – mit Lob überhäufen. Die Wiener Band Francis International Airport ist im letzten halben Jahr bereits hin und wieder in Form beiläufiger Erwähnung durch den Blog geschlichen, heute soll ihr die vollste Aufmerksamkeit zuteil werden. Diese haben sich die Herren mit der Anfang Oktober vorgelegten Platte In The Woods redlich verdient.

Foto Credit: Niko Ostermann

Ohne den aus dem selbst bestimmten Exil lästernden Vater- und Mutterlandsverräter geben zu wollen, möchte ich betonen, dass das Gute an In The Woods der Mangel an österreichischen Narreteien darstellt. Mit viel Provinzialität im Gepäck einen auf große, weite Welt zu machen oder den Wiener Morast zum Biotop zu verklären, all das führt dazu, dass alle rasch mit dem Erreichten zufrieden scheinen, selten nur besondere Ambitionen entwickeln. Es ist ein Phlegma, welches auch fast 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie noch immer auf selbige zurückfällt. Denn gäbe es sie noch, Österreich wäre ein globaler Player, und nicht bloß ein kleiner Alpenstaat samt  Wasserkopf Wien. Jener k.u.k. Komplex, der weltweiten Ruhm und Ehre allein dadurch verhindert sieht, dass Österreich eben nicht mehr halb Europa einnimmt, brannte sich über Jahrzehnte in die österreichische Mentalität ein. Und erklärt gut, warum die österreichische Kunstszene so lange erschlafft ist, nicht mehr Mozarts oder Klimts am Fließband hervorbringt, die wenigen Talente allzu rasch gesättigt die Hände in den Schoß legen oder sich wie ein Thomas Bernhard an der österreichischen Seele aufreiben. Man gestatte mir diese Abschweifung, mag sie als Indiz werten, warum ich Internationalität besonders im Musikbereich als besonderes Gütesiegel präsentiere. Francis International Airport spielen darauf los und vor meinem geistigen Auge möchten partout keine Stereotype Marke Austria aufblitzen. Und das hängt nicht mit den englischsprachigen Lyrics zusammen.

Melodischer, melancholischer Pop, der spätestens im Refrain auch hymnische Ausmaße annimmt, wird weltweit verstanden und geliebt. So strampeln sich Legionen von Bands aller Nationalitäten ab, diesen Sound zu perfektionieren. Francis International Airport können dank gediegenem Songwriting und perfektem gesanglichen Ausdruck mit Siebenmeilenstiefeln in die vordersten Reihen hüpfen. Ein solch dichtes Album ohne Füllmaterial bildet definitiv die Ausnahme, hebt sich vom langweiligen Einheitsbrei ab. Das einzige Haar in der Suppe wäre das Fehlen des absoluten Geniestreichs in Form eines alles überragenden Hits. Ich wüsste ehrlich nicht, was ich an All Your Lines End In Me benörgeln sollte. Derart muss und darf von A bis Z gelungener Indie-Pop tönen. Ein Track, der die nötige Hintergründigkeit birgt, kein Fast-Food für die Ohren, vielmehr etwas für Genussmenschen, die Subtilität im scheinbar Offensichtlichen suchen – und finden. Oder etwa Monsters, luftig-leicht wehmütig gesungen, dabei nie auf der Bremse stehend, substanzvoll aber keine Sekunde überfrachtet, in vertrautem Gewand ohne allzu augenscheinliche Masche im Strickmuster. Solch Niveau überzieht die Platte. Das über 6 Minuten lange Solaris verdeutlicht, dass die Band auch bei längeren Tracks nicht nach Luft schnappt, mehr noch der feierlichen Elegie huldigt. Gekonnt flutscht Amnesiacs, geflissentlich antriebig, der radiokompatibelste Track der Scheibe. Dem folgt das anfangs getragene City Of Fog, welches ab der Hälfte einen ordentlichen Stilwechsel hervorzaubert. Gerade da nicht immer nur mit dem Schema von Strophe und Refrain samt etwaiger Bridge hantiert wird, die Chose doch ausgefeilter aus den Boxen wabbert, wiegt das Werk schwerer als der Output, den man von Durchschnittsbands ständig aufgetischt bekommt. Nicht verhehlen will ich auch meine Zuneigung zum intensitätsschwangeren Celluloid, das alle Vorzüge auf den Punkt bringt. Markus Zahradniceks formidabler Gesang, der Emotion vermittelt und doch oft die Distanz zum Hörer wahrt, wuchtige Kehrreime, welche jedoch mit Bedacht und Finesse vorbereitet werden, sich richtiggehend emporschwingen.

Auf jene Weise gerät die Formation zum großen Kaliber und In The Woods zum Pflichtkauf für Enthusiasten, die raffiniert produzierten, vielschichtigen, clever arrangierten Pop lieben. Francis International Airport entkommen mit diesem großen Wurf der häufig verbreiteten Unart österreichischer Borniertheit. Fast wäre ich versucht, sie zu den Hoffnungsträgern des gesamten deutschsprachigen Raums erklären. Dem steht eigentlich nur noch Get Well Soon im Wege.

In The Woods ist am 08.10. auf Siluh Records erschienen.

Konzerttermine:

27.11.10 Vorchdorf (A) – Kitzmantelfabrik
04.12.10 Mödling (A) – Bühne Mayer
11.12.10 St. Pölten (A) – Freiraum
08.01.10 Berlin – Magnet (Karrera Klub)

Links:

MySpace-Auftritt

Francis International Airport auf Siluh Records

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Kein k.u.k. Komplex – Francis International Airport

  1. FIA ist eine Band die bei mir immer etwas Sorge mit auslöst. Musikalisch ist das Album ohne Frage ein sehr gutes Stück Musik. Rein optisch betrachtet ein mittlere Katastrophe (ja Cover können wirklich wichtig sein). Es ist wie auf einer Fahrt mit der Achterbahn, es geht auf und ab und ist immer in Bewegung, jedoch stürzen einige Songs in Täler. Da wirkt die Platte antriebslos und zäh um jedoch im nächsten Moment gleich wieder loszuschießen. Vielleicht ist das Cover als Resultat dieses wirren Trips zu betrachten.

    Generell sehr dicht produzier, an manchen Stell vielleicht schon dschungelartig dicht.

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