Kryptisch-dekorative Gehörgangtapete – Nina Kinert

Heute wähne ich mich in der behaglichen Position, ein Album erwähnen zu dürfen, das mir einfach so in den Schoß fiel (erstens), so unerwartet, wie sonst nur Widrigkeiten hereinbrechen, in Form von herabzischenden Dachziegeln zum Beispiel, welches (zweitens) schlechthin makellos tönt, dass man es vor Freude nur zu knuddeln wünscht, weil die werte Künstlerin einen wunderbar eigensinnigen Sound über die gesamte Länge der Platte durchhält, die Songs mit Liebreiz spickt, der die Gehörgänge dauerhaft tapeziert, und, drittens, Erinnerungen hervorkramt, die vor Augen führen, dass nicht alles an der Achtzigern zum Fürchten war. Ich plaudere gerade über Nina Kinert, eine schwedische Singer-Songwriterin, und ihr neues Werk Red Leader Dream, dem man getrost die Schöner-Wohnen-Plakette 2010 verleihen darf. Mit derart viel Wohligkeit wurde das Ohrinnere dieses Jahr noch selten überzogen.

Wer eine Kuckucksuhr an der Wand und mit Intarsien verzierte Einrichtungsgegenstände präferiert, den mag Kinerts futuristisches, unenträtselbares Dekor im ersten Moment überfordern. Ihr praktizierter Dream-Pop schneit nicht ätherisch von der Zimmerdecke herab, räkelt sich lieber fiebrig im Schatten einer Lampe. Die von Synthies geschwängerte Luft wird von der rastlosen Stimme der Sängerin durchdrungen. Vulkanisch brodelnd sprenkelt Glut in ihrem Ausdruck, genau so, wie es die Heldinnen der Achtzigern vorexerzierten. Eine Tugend, die bei all dem heutigen Retro-Gedöns meist auf der Strecke bleibt. Den metallisch-spiegelnden Klängen werden Emotionen aufgesetzt, die eine steril-kühle Atmosphäre verhindern, vieles geheimnisvoll verzerren. Dieser Pop flüchtet sich keine Sekunde lang in Electro-Beliebigkeiten, statt Hochglanz flackern Neonlichter, welche das Halbdunkel nicht verscheuchen.

Die fernöstliche Ästhetik von Moonwalker bildet den traumhaften Auftakt zu einem mondwandlerischen Eintauchen in eine unscharfe Szenerie voller Liebesbeteuerungen, Imaginationen und Leid. Schwer greifbar, eine Fata Morgana, die sich über das verheißungsvolle Play The World senkt. Mit Down On Heaven perfektioniert die Künstlerin eine Entschwebung, deren Feurigkeit jedoch etwaige Engelsflügelchen sofort zu Asche verkohlt. „I see it all, I like it all, I see it all, I’m looking down on heaven“ verortet sich Kinerts lyrisches Ego hier in unantastbaren Sehnsuchtsgefilden, nur um sich bereits  im nächsten Lied schlafend in die Klauen eines Tigers zu versenken. Tiger You hält das hohe Niveau der Gefühlstrance, ehe Push It den bislang konventionellsten Track darstellt, wieder fester mit beiden Beinen auf der Erde steht, sich die Augen reibt und einen desperat-flehenden Unterton nicht verkneift. In immer tiefere Liebesirrungen verheddern sich die folgenden Lieder, My Girl und Wings, letzteres mit dem schnörkellosen Refrain „He put my hand upon his heart, and it went boom boom boom boom boom boom„. Hoffnung und schützender Wärme steht jedoch auch die Leugnung von Herzschmerz entgegen. Doch richtig dingfest kann man dies alles nicht machen. Original Sin liefert sich gar an das Ungemach aus, begibt sich sehenden Auges in die Hände des vermeintlich gefährlich Geliebten. 25 verkündet letztlich mit den Worten „We’ll have a baby“ dann doch ein Happy End, das in seiner unzweideutigen Verkündigung erst recht verdächtig wirkt.

Selten vermag man Nina Kinerts Kryptik zu erhaschen, baumeln ihre Worte im Ohr gleich einem aufreizend dekorativen Muster, welches man nicht durchblickt, das nur in den Augen des Schöpfers scharfe Konturen annimmt. Und so folgt man von wie eine Motte den schimmernden Lichtern, taumelt händeringend durch das Album, das meist wie ein Vexierspiegel funktioniert, mächtig nebulöse Gefühle zurückwirft. Red Leader Dream erinnert daran, dass die schönste Musik oft die ist, deren Sinn man nur erahnen darf. Man glaube mir, dies Album ist eine wahre Zierde für jegliche Plattensammlung.

Red Leader Dream ist am 05.11. auf Ninkina Recordings erschienen.

Konzerttermine:

22.11.10 Köln – Studio 672
23.11.10 Hamburg – Prinzenbar
24.11.10 Berlin – Privatclub
25.11.10 München – 59:1
27.11.10 Steyr (A) – Röda
28.11.10 Wien (A) – B72
30.11.10 Zürich (CH) – Papiersaal
01.12.10 Basel (CH) – Parterre

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Kryptisch-dekorative Gehörgangtapete – Nina Kinert

  1. Der für dieses Plattencover zuständige Grafiker gehört standrechtlich erschossen.
    Vom Schriftzug her würde man diese Album ja wohl eher in der Metal-Ecke vermuten und sich deswegen niemals diese Perle anhören…

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