Flop of the Blogs 2010?

Nun gut, wenn ich 5 und 5 richtig zusammenzähle, wird die diesjährige Ausgabe von Top of the Blogs ein regelrechtes Spektakel. Martin von Vinyl Galore scheint mit seinem Appell zur Teilnahme auf sperrangelweit geöffnete Ohren gestoßen zu sein. Und so darf bis 18.12. jeder Blogger, der das Wort Musik schon einmal ohne h in der Mitte geschrieben hat, seine  10 Lieblingsalben des Jahres bekanntgeben. Ich will meine Verwunderung nicht verhehlen, denn dieser Tage stolpere ich laufend über Musikblogs, die ich zuvor nie wahrgenommen habe. Das mag einerseits darin begründet sein, dass sie erst den Kinderschuhen entwachsen müssen oder aber zumindest nicht mit den schreibenden Musikenthusiasten, die mir tagtäglich so vor die Flinte laufen, netzwerken. Auch die auf byte.fm laufende Reihe Blog&Roll, welche Blogger vorstellt und obendrein noch deren ertüftelte Mixtapes Mittwoch abends präsentiert, birgt so manchen Underdog, der es bislang noch nicht auf meine Beobachtungsliste geschafft hat.

Foto: Kevin Rawlings (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)

Soll mich diese Horde an Männlein und Weiblein, allesamt mit Mitteilungsbedürfnis, einem mehr oder minder gerüttelt Maß an Geltungsdrang, ausgesprochener Hingabe zur Musik sowie verschiedentlich ausgeprägtem Geschmack bewaffnet, vermag also solch bloggendes Pack ein Lächeln in mein Gesicht zu hexen? Nicht die Bohne, beteure ich, dabei mit der linken Hand nach meinem mit feinem Kaffee gefüllten Pott tastend, während die andere bekräftigend die Faust gen Decke ballt. Ist nicht der Musikblogger ein Heilsbringer, welcher die müffelnden alteingesessenen,  zum Gähnen verleitenden oder aber von einem aus Absurdistan stammenden Anspruchsdenken geprägten Platzhirschen zum Abschuss freigibt? Schlichtweg, weil nur der eigene Horizont die Grenze vorgibt, nicht etwa die Spezialisierung auf Genres. Und auch weil sich die Schreibe abhebt, nicht mit verkniffen-protziger Fachsimpelei langweilt. Blanke Theorie freilich, wie ein ausschweifend umschweifender Blick durch die deutsche Musikblogszene zeigt.

Ich will Tacheles reden, den Glauben an die Heilsbringerschaft begrabend. Der ganze Blogging-Scheiß beruht doch überwiegend auf recht primitiver Bedürfnisbefriedigung. Entweder man postet kleine Häppchen leserfreundlichen Contents, zum Beispiele süße Bilder von Kätzchen, ein vemeintlich witziges Foto oder sexy Video oder aber irgendeinen Inhalt, über den sich Besucher gut empören können, die neuesten Schlagzeilen der Bild oder Gesetzesvorhaben der Regierung. Warum nicht auch etwas zum Thema Wikileaks? Ebenso hoch im Kurs: Technik-Gadgets, Apps auf Teufel komm raus. Letztlich will das Gros der Leser leichtverdauliche, unterhaltsame Inhalte oder Themen, bei denen sich schimpfend losschwadronieren und empören lässt. Im Bereich der Musik punktet man immer mit Promi-News. Wenn die Mutter der Putzfrau des ehemaligen Hausmeisters von Lady Gaga tot umfällt, werden aufgebauschte Nachrufe hingekritzelt. Wenn Coldplay ein belangloses Video zu einem ebenso belanglosen Lied veröffentlichen, wird gleich die Revolution des Musikvideos ausgerufen. Sobald ein Online-Magazin auf Käseblattniveau eine angesagte Band mit Superlativen überhäuft, wird diese augenscheinlich vom Stapel gelassene Promotion in voreiligem Gehorsam eingedeutscht. Derart regiert der Content die Szene, eine seriöse Aufbereitung oder kritische Würdigung bleibt hingegen Mangelware. Blogs sind verdammt oberflächlich, orientieren sich dabei an der überwiegend sinnbefreiten Verwurstung von Nachrichten durch die Online-Ausgaben deutscher Magazine und Zeitungen.

Ambition nennt sich das Schlüsselwort. Von einem Hobby-Schreiberling aus Bautzen erwarte ich keinesfalls ein journalistisches Rüstzeug, um etwaige Einträge vernünftig zu gestalten, er darf so schreiben, wie ihm der Schnabel verwachsen ist. Wer hingegen Neuigkeiten weiterverbreitet, regelmäßig Beiträge veröffentlicht, sollte dann doch auf eine Filterung achten, an sich selbst gewisse Ansprüche hinsichtlich Themenwahl, Sprachlichkeit und dergleichen stellen. Die Narrenfreiheit des Bloggers inkludiert nicht das Privileg, sich um Qualität einen feuchten Kehricht zu scheren. Vielfach investieren Blogger ihr limitiertes Hirnschmalz in Suchmaschinenoptimierung, längst nur sporadisch in Inhalte. Verblöden somit die Leser, verpesten das Internet. Wenn etablierte Medien über die Bloglandschaft die Nase rümpfen, tun sie  es meist zurecht, riechen dabei aber die Kacke in den eigenen Redaktionsbüros nicht. Und vice versa. Der Fisch beginnt bekanntlich am Kopf zu stinken, das trifft auf die Alphamännchen der deutschen Blogger zweifelsohne zu.

Doch ich schweife ab, wenn auch mit Absicht. Zurück zu den so zahlreichen alten und neuen Musikblogs. Natürlich soll jeder Hinz und Kunz über Musik bloggen, sich als Linkschleuder verdingen oder in aufgeregt munterem Plauderstil vorgeblich tolle Musik betexten. Ich muss ja nicht jeden Erguss meinen Augen zuführen. Wenn man jedoch Dilettanten das Ruder übergibt, sollte man sich nicht wundern, falls man sich bald am falschen Dampfer wähnt. Was hierzulande fehlt, ist ein Schulterschluss der arrivierten Vertreter der Zunft, die den tatsächlich an Tiefgründigkeit interessierten Internet-Nutzern ein vernünftiges, unabhängiges, ohne Scheuklappen agierendes Angebot macht. Ein diesbezüglicher Versuch nicorolas blieb im Spätsommer ohne besondere Resonanz, jeder animierte den anderen die ersten Schritte zu unternehmen. Das Wissen und die Leidenschaften zu bündeln, wäre eine dringend notwendige Maßnahme, um der grassierenden Niveaulosigkeit entgegenzuwirken. Sonst scheint in Kürze tatsächlich die Horrorvision Wirklichkeit, dass sich SEO-Schlampen mit Webseiten wie paperblog oder germanblogs das Rampenlicht teilen. Ob der Musik tatsächlich förderlich wäre?

Top of the Blogs 2010 wird also Herrn Müller und Frau Meier ebenso am Start sehen wie Krethi und Plethi. Das mag also tatsächlich eine repräsentative Liste ermöglichen. Ob gar eine geschmackssichere Aufzählung entsteht, daran hege ich aus oben geschilderten Gründen doch enorme Zweifel.

SomeVapourTrails

7 Gedanken zu „Flop of the Blogs 2010?

  1. Nachdem ich arbeitstechnisch nun wieder Licht am Ende des Tunnels sehe und endlich wieder etwas Zeit zum Musikhören, Schmökern und Klugscheißen habe, stoße ich auf diesen famosen Artikel, der meine vollste Unterstützung findet! Hey, bei Euch steht ja auch gar nix zu Samuel Koch – was ist denn bloß los?? 🙂 🙂

  2. Warum so zornig in Anbetracht des nahen Fest der Liebe? Euer musikalischer Adventskalender ist doch herzallerliebst. Herrgottnochmal, da bringt doch nix. Ich finde die Idee an für sich gar nicht so übel, sich zum Ende des Jahres einmal zusammenzusetzten seine Lieblinge zu benennen. Und das sich dann auch die so verhassten Link – und Youtube-Video-Blogs in Position bringen, was soll`s. Ignoriere die doch einfach. Und hey, ich hoffe du nimmst es mir nicht übel, das ich mich zu Wikileak geäussert habe. Das Thema interessiert mich nun einmal brennend. Alles wird gut. Amen.

  3. Oh, es gibt zu Wikileaks viel zu sagen, und wer dabei nicht das Stammtischniveau unterfliegt, der soll und darf darüber bloggen. Ich wollte keine thematischen Verbote erteilen, eher darauf hinweisen, dass manch Blog nur das wiederkäut, was en vogue ist. Die Gefahr sehe ich bei dir nun wirklich nicht…

    Und den tragischen Wettkandidaten würde ich nur dann auf dem Blog erwähnen, wenn er zusammen mit chilenischen Bergarbeitern eine CD mit haitianischen Techno-Hymnen aufnehmen würde.

  4. Es ist ja immer wieder die ständig wiederkehrende Diskussion über qualitativ hochwertige und Schunder-Blogs. Im Endeffekt ist es ja doch aber immer Geschmackssache, was man jetzt als einen „guten“ oder „schlechten“ Blog sieht. Ja auch ich kann es nicht leiden überall die gleichen Inhalte zu lesen, aufgearbeitet in den gleichen Argumentationsleitbildern, und bewege mich deswegen auch gerne über Blogs, wie eben diesen hier. Auf der anderen Seite möchte ich nicht sagen, dass Blogs die spannende Neuentdeckungen in nur 5 Sätzen niederschreiben, scheiße sind.

    Im Endeffekt geht es darum ja auch ein wenig bei den Top of the Blogs, man hat die Möglichkeit neue Sachen zu entdecken (sei es jetzt Musik oder Blogs) und sich etwas abseits der eingetretenen Pfade umzusehen. Wie Peter ja schon meinte, es ist eine nette Aktion zum Jahresende, die dazu gedacht ist Freunde zu machen und nicht Zwietracht zu sehen. Ob man jetzt was tolles entdeckt sei dahingestellt, aber es schadet ja auch nicht.

    Ich glaube auch nicht, dass sich irgendein Teilnehmer jetzt riesengroßen „Ruhmeszuwachs“ ausmalt – Irgendwo steht allerhöchstens mal der Name, nen Link und dann ist man berühmt für 15 Minuten. Man sollte es eher als Veranstaltung wie das Schulsportfest sehen, da gab es für jeden auch nur eine „Teilnahmeurkunde“ – die hat man sich in den Schrank gelegt und zwei drei Tage später war wieder Alltag eingezogen.

  5. Haha, das ist eine schöne Formulierung “ Stammtischniveau unterfliegen“. Das muss ich mir merken. Das beste ist, sich über den Testspiel-Trash draussen nicht mehr aufregen. Lohnt den Unsinn auch nicht. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ich lese diesen Ganzen Mist schon seit ewigen Zeiten nicht. Aber Martin hat schon Recht, vielleicht hat man hat auch die Gelegenheit, jemanden zu entdecken, der neue Wege geht. Ich finde diese Voneinananderabschreibenblogs jedenfalls nicht sehr inspirierend und ignoriere sie. Punkt. Noch ein Punkt, ich mache bei dieser Aktion aus 2 Gründen nicht mit. Die momentane deutsche (Musik) Blogszene hat mich zum Autisten werden lassen und zum zweiten passten mir die Termine überhaupt nicht in den Kram. Vinyl Galore habe ich mir gerade mal ausführlicher angeschaut. Darf ich hier doch loben, oder? Chic , ambitioniert und werbefrei. Ich habe fertig.

  6. Boah, ist das eine langweilige Woche. Nichts, aber auch nichts ist passiert, worüber es sich zu schreiben lohnen würde, worüber man sich lustig machen könnte oder worüber man sich ärgern sollte. Es sind harte Zeiten für Musik-Kommentatoren wie mich.

    Draußen ist es einfach nur kalt, so dass nicht mal das persönliche Wohlbefinden auf dem Höhepunkt ist. Und dann die Nachrichtenlage in der Bloggerwelt oder zumindest in der des Musikbloggers!!! Wenn wenigstens hier bei uns in Hamburg ein Sack Reis umgefallen wäre oder unsere Lieblingszicke, Lena Meyer-Strandgut, eine neue Scheibe hätte. Nichts, aber auch nichts.

    Mir fällt einfach diese Woche nichts ein, worüber man fabulieren könnte. Schade, tut mir leid für euch und für mich. Aber bald ist Weihnachten und dann brennt bestimmt irgendwo ein Baum.

    Doch die Gefahr naht schon am 18. Dezember 14:OO Uhr: Denn danach werden wie schon letztes Jahr die TOP OF THE BLOGS mit ihrene besten Scheiben gekürt. Und wir machen da mit! Weil es wert ist und die Anerkennung, dass sich jemand die Mühe macht, diese gute und erfolgreiche Idee von Ariane und Tom auch dieses Jahr fortzuführen und umzusetzen.

    Dass sich mehr Teilnehmer finden werden, als die 14 Musikblogs des letzten Jahres, ist wohl klar, wobei mich wundert, dass Lie In The Sound nicht daran teilnimmt, da die beiden Macher (ja, ihr seid gemeint!)doch empört reagierten, als sie zur Teilnahme nicht gefragt wurden.

  7. Na dann. Will ich den werten Herren mal antworten…

    @Martin Ich habe weder deinen Aufruf noch dich kritisiert, dein Blog zählt auch nicht zu den überflüssigen. Eigentlich habe ich nur bereits das Ergebnis der Aktion vorweggenommen. Wenn die mitmachen, die ohnehin immer alles runterbeten, was als neuester Hype durchs Netz geistert, schlichtweg weil sie nicht über den Tellerrand schauen können oder wollen, dann wird die Auflistung recht spannungsarm. In diesem Fall könnte man ebenso eine Auflistung etablierter Musikmagazine nehmen und braucht nicht Top of the Blogs bemühen. Dieser Konsens hinsichtlich der besten Alben könnte nun einerseits bedeuten, dass sich wirklich die besten durchgesetzt haben. Oder dass Blogs am selben Promotion-Tropf hängen. Dann sind Blogs aber kein Alternativkonzept zum Musikjournalismus, vielmehr nur eine neue Spielart des althergebrachten Schema F.

    @Peter Noch fehlt mir zum Autisten der Glaube an die Möglichkeit von Veränderungen. Und nicht nur darum fällt mir ein konsequentes Ignorieren von Trash schwer.

    @Horst Du meinst bei mir eine künstliche Empörung erkannt zu haben. Das war jedoch nicht meine Intention. Mehr Qualität einzufordern, dies immer wieder zu tun, die Sinnfrage zu stellen, welchen Mehrwert Blogs im Vergleich zu Magazinen und Zeitungen bieten, all das halte ich für notwendig. Das habe ich vielleicht an manch Teilnehmer von Top of the Blogs festgemacht, die Kritik galt aber keineswegs Martin selbst. Ob die Aktion gut und erfolgreich ist, lasse ich offen, da man ja ein cui bono einwerfen könnte. Mir wäre weiters neu, dass wir letztes Jahr empört reagiert hätten, weil wir nicht angefragt wurden. Und ja, dieses Jahr mache ich eine Liste, weil ich dies Martin bereits vor 2 Wochen zugesagt hatte.

    SVT

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