Mit Elfenschrittchen in die Startelf – Pascal Pinon

Gäbe es eine Musik-WM, ich würde mein Hab und Gut nicht etwa auf England setzen, auch nicht auf die USA, nein, nicht einmal auf das mit virtuosen Künstlern gesegnete Kanada, der Buchmacher dürfte all meine Taler den Isländern zugute halten. Dieses doch recht überschaubare Völkchen bringt praktisch wie am Fließband Ausnahmetalente hervor, angeführt von der überragenden Könnerin Björk und den kongenialen Sigur Rós. Island wäre zweifellos mein Favorit. Und da faktisch jeder erwachsene Isländer ohnehin irgendwie der Musik verbunden scheint, wundert es wenig, dass auch Jugendliche schon große Töne spucken. Pascal Pinon spielen sich mit ihrem selbstbetitelten Debüt in die Insulaner-Startelf, umso bemerkenswerter, weil die jungen Damen zur Zeit der Plattenaufnahme gerade einmal 14 Lenze auf dem Buckel hatten.

Foto Credit: Lilja Birgisdóttir

Am 03.12. veröffentlichte Morr Music, die zuvor im Selbstvertrieb erhältliche Scheibe, und das Label muss tatsächlich ein derartiges Hochgefühl empfinden, so wie ein Fußballverein frohlockt, der einen frühreifen Jahrhundertstürmer unter Vertrag nimmt. Pascal Pinon sind mitnichten irgendwelche Abziehbildteenies, die auf den Schwingen irgendeines Hypes zu Höhenflügen ansetzen wollen, eher schon bierernst zu nehmende Mozartinchen, denen in Bälde Weltruf zuteil werden wird. Wie sehr die Backfische Hirnschmalz investierten, zeigt sich nicht allein, aber auch am Namen der Band, der auf einen zweiköpfigen Mann referenziert, welcher Anfang des 20. Jahrhunderts als Monströsität in einem Zirkus auftrat. Nun hat Pascal Pinon Zwillingsschwestern als zwei Köpfe der Band vorzuweisen: Jófríður und Ásthildur.

Pascal Pinon: New Beginning by morrmusic

Nach so vielen Worten der Vorstellung und des Lobes möchte ich es jedoch auch nicht verabsäumen, die Lieder kurz aber innig zu beglubschäugen.  Dieser sich feenhaft verflüchtigende Folk kommt der dem Genre immanenten Verpflichtung zu Entrücktheit natürlich nach, schlurft glockenhell, ob nun auf Isländisch oder mit englischer Zunge beträllert. Das kennt der eingefleischte Liebhaber zur Genüge – und will die Grazie des Kleinods trotzdem nicht missen. Als erstes Highlight sei Árstíðir bezeugt, die zwei Schwestern zwitschern im Chor und ein Glockenspiel trippelt mit Elfenschrittchen dazwischen. So beiläufig wie stimmunsvoll, dass sich dieser Stil gleich als Patentrezept für die gesamte Scheibe offenbart. Geysireske Ausbrüche sucht man vergebens, stattdessen verfolgt Pascal Pinon die Kunst der Einlullung.  Und wie am Schnürchen funktioniert das Vorhaben, Ósonlagið darf ein Liedchen davon singen. New Beginning gehört zu den beschwingteren Titel, macht deutlich, dass die Fräulein auch schon mal in der elterlichen Plattenkiste gewühlt haben, da schimmern Simon & Garfunkel durch. Der stärkste Titel des Debüts, Moi, flittert sanft wie Vulkanasche auf den Hörer herab. Die Schüchternheit der Teenager, die ab und an durchklingende Unsicherheit, mit der sie zu Werke schreiten, der Fingerübungscharakter, welcher alles durchzieht, quasi als eine Art Entschuldigung, dass es noch an kompositorischer Finesse mangelt, all das sieht man ihnen nach, weil die Fähigkeit zur Vereinnahmung des Hörer jede Sekunde spürbar bleibt. Die mittlerweile 16 Jahre alten Zwillinge arbeiten bereits an einem Nachfolgealbum, gewiss schreiten sie hier schon selbstbewusster zur Tat.

Wäre ich Fußballtrainer, ich würde auf filigrane, pfiffige Talente setzen und robusten Eisenfüßen die Rote Karte zeigen. Pascal Pinon mögen zwar noch nicht mit jedem Versuch einnetzen, aber ihr Erstling hält den einen oder anderen Treffer bereit. Oh diese Isländer, wer um solch Nachwuchs in seinen Reihen weiß, darf sich durchaus als musikalische Großmacht fühlen.

Pascal Pinon ist am 03.12. auf Morr Music erschienen.

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4 Gedanken zu „Mit Elfenschrittchen in die Startelf – Pascal Pinon

  1. Unfassbar, dass ein Stück wie Undir heidum himni funktioniert. Ich komme gerade nicht drauf, an wen mich die Stimme erinnert aber was ich da höre gefällt mir.

  2. Eine ausgezeichnete, respektvolle und einfühlsame Stück auf eine viel versprechende Gruppe von Neuankömmlingen. Ich sah sie in Island spielen im Jahr 2009 und war sehr beeindruckt.

  3. Wer mit 14 Jahren den ersten Song auf seinem Erstlings-Album mit einem Blockflöten-Intro beginnt, der ist wirklich und wahrhaftig cool!

    Nein, im Ernst: ein betörendes Album, sehr speziell.

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