Ohrenweide ohne Mäander – Lisbee Stainton

Aus der langen Reihe von CDs, die sich 2010 so angesammelt haben, ob nun freiwillig oder dank Zusendung durch Bands, Labels oder Promo-Agenturen, ziehe ich mitunter blind und mit strikt befolgter Willkürlichkeit ein Album heraus, um ihm ein paar meist positive Zeilen zu widmen, da die grauenhafte Machwerke ohnehin längst in die Quarantäne verbannt wurden. Nun bin ich ein Stimmungsmensch, welcher schon mal drei oder mehr Anläufe benötigt, ehe sich dann eine zur Tagesform passende CD in meinen feingliedrigen Fingern wieder findet. Heute soll es eine Singer-Sonwriterin sein, man glaube mir, es ist eine motorische Herausforderung, so lange in das Regal zu greifen, bis die angepeilte Platte auch wirklich zum Vorschein kommt.

Die britische Singer-Songwriterin Lisbee Stainton vermag mit ihrem Anfang Oktober erschienenen Girl on an Unmade Bed bereits 2 meiner 3 VIK-Kriterien für ein feines Elaborat zu erfüllen. Zu einem auf Mätzchen verzichtenden Vortrag gesellt sich eine Instrumentierung, die je nach Bedarf in den Hintergrund tritt, aber auch das Rampenlicht nicht scheut. Bleibt also die Kompositionskunst. Und hier mangelt es noch ab und zu an einem Refrain, der die Tür aus den Angeln hebt, sodass ihre Musik den Hörer erreicht. Manchmal plätschern die Lieder vor sich hin, ohne dass sich dieser zweifellos wohlklingende Fluss durch die eine oder andere Biegung mäandert. Dieser Einwurf soll freilich nicht das Album herabwürdigen.

Mit jazzigem Flair garnierter Pop wie zum Beispiel Rainbow steht Stainton prima zu Gesicht. Wenn Bass und Saxofon an einer (kurzen) Stelle Somewhere over the Rainbow paraphrasieren, dann zeugt das schon von Cleverness. Solch Tracks würde man sich vermehrt wünschen. Ebenso überzeugend gerät Practice Room, ein dank unaufdringlicher Percussion quirliges Stück. Es sind eher die hauptsächlich von einer Gitarre unterhaltenen Tracks wie Girl on an Unmade Bed oder Wait for Me, die sich weniger durchsetzen, während aufwändiger gestaltete Songs wie Harriet und Waiting Game unheimlich gut funktionieren. Ersteres besonders im Refrain spritzig und mit intelligenten Lyrics ausgestattet, letzteres eine Ballade mit Herz und ohne Schmalz. Noch haftet der Platte ein Kuddelmuddelcharakter an, fixiert sich Lisbee Stainton zu oft auf Folk-Pop, wo ihr doch Pop mit swingendem Touch auch gut zu Gesicht steht.


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Die Talentprobe der noch jungen britischen Singer-Songwriterin will ich trotz kleiner Schönheitsfehler dennoch reinsten Gewissens empfehlen. Schlichtweg weil ihr immer den guten Geschmack treffender Vortrag eine Ohrenweide darstellt. Mit der Gabe hochwertiger Gefälligkeit auch den Mainstream zu penetrieren, dieses Potential sehe ich bei Lisbee Stainton. Vielleicht klappt es schon mit dem nächsten kleinen Schritt in ihrer Entwicklung. Das nächste Album darf ruhig kommen.

Girl on an Unmade Bed ist am 01.10. erschienen.

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