Sex, Drugs & Scripted Reality – Zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag

Ein alltägliches Szenario im Jahre 2011. Das sechs Jahre alte Mäxchen surft wie immer fröhlich im Internet. Was Mami und Papi noch immer nicht gänzlich verinnerlicht haben, das beherrscht der Junge bereits aus dem Effeff. Er sucht nach Musik, „die so klingt wie Joanna Newsom, aber weniger angestrengt und mit mehr Lieblichkeit in der Stimme“. Prompt landet Mäxlein auf unserem Blog und traut seinen Augen kaum. Wie verdorben die Musikwelt doch ist, was wüste Musikclips belegen. Warum zum Teufel müssen Musiker immer diesem Motto Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll huldigen, wenn Plüschbären, Schokoplätzchen und Gutenachtgeschichten ebenfalls prima Themen darstellen? Und sogar die Macher des Blogs haben ab und an anzügliche Gedanken, diese doofen Erwachsenen! Skandal, denkt sich Max, da könnte ich mir meine Zeit doch gleich auf Neuköllner Spielplätzen vertreiben. Unverzüglich greift er zum Telefon, um sich mit seinem Anwalt über die nötigen Schritte zu beraten.

Vergegenwärtigen wir uns einen weiteren Vorfall. Fröhlich wie drei Tage Sonnenschein spazieren 2 Junkies hurtigen Schrittes in die Berliner Hasenheide, hier hatten schon ihre Väter lecker Cannabis erstanden, die Onkel Dirk und Jochen ebenso. In die Fußstapfen der Vorfahren zu treten, aller Ehren wert. Am Eingang des Parks stehen die Jugendlichen jedoch vor einem Problem in der Gestalt von Sicherheitsbeamten, die dahergelaufene Drogensüchtige erst dann ins gelobte Land einlassen, wenn Formular F25 und U23 samt Stempel und Lichtbildausweis vorgezeigt werden können. „Scheiße“, sagt Junkie Kevin zu Kumpel Dennis. Und so hampeln die Suchenden zum nächstgelegenen Park, wo Zugangskontrollen noch immer ein Fremdwort sind. Lediglich die Dealer sprechen schlechter Deutsch, der Stoff hingegen bleibt allererste Sahne.

Ein drittes Fallbeispiel. Mäxchens Schwester Lena findet das Internet nicht so dufte. Sie zählt 5 Lenze und hockt lieber vor der Glotze, bevorzugt fixieren die Kulleraugen des Wonnenproppens den Bildschirm, wenn die den Nachmittag auf RTL bevölkernde Scripted Reality das Prekariat als Eiterbeule der Gesellschaft bloßstellt. Soviel Zynismus dürfte es wohl öfter geben, meint Lena. Angeblich leistet Florian Silbereisen Samstag abends in der ARD ähnliches, indem er ein Gruselkabinett so lange zur Schau stellt, bis die ersten Leichenteile endgültig abfallen und Gunther von Hagens auf den Plan rufen. Aber das kennt das Mädchen nur vom Hörensagen, um diese Uhrzeit liegt sie nämlich schon im Bettchen und träumt von den verwackelten Handy-Bildern, die der Rabauke Justin ihr im Kindergarten so unter die Nase hält. Dieser hat nämlich eine ältere Schwester und jene wiederum übt oft  Griechisch und Französisch. Lenchen jedoch hält RTL die Treue, noch findet sie hysterisches Herumgegröle spannender als Sex.

Momentan wirkt der neue Jugendmedienschutz-Staatsvertrag wie ein in Schwaden gehülltes Damoklesschwert. Aber man darf bereits Entwarnung geben, an der alltäglichen Realität der lieben Kinderlein wird sich rein gar nichts ändern. Die Gesellschaft verdirbt sie weiterhin, im Internet müssen ab nun eben nicht in Deutschland gehostete Webseiten diese Mammutaufgabe stemmen.  Und wer den Nachwuchs weiterhin betüddeln will, darf auch wie bisher 25 Stunden am Tag wachsam sein. Doch geht mir persönlich der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag nicht weit genug. Es kann einfach nicht sein, dass Lady Gaga auch in Zukunft Werbung für Glücksspiel machen darf. Ich plädiere für eine Neufassung von Pokerface: Polkaface.

Links:

Einschätzung der Auswirkungen des neuen JMStV auf law blog

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Sex, Drugs & Scripted Reality – Zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag

  1. Ja, der Artikel auf Law Blog ist sehr gut und klärt einiges. Wieder mal Anwaltskosten gespart. Interssant wird die Einschätzung, wenn man mal auf der Seite Schnittberichte den Vergleich zwischen dem Beschlagnahmten Film „Dawn Of The Dead: Zombie“ und dem ab 18 freigegebenen Remake „Dawn Of The Dead“ begutachtet. Da merkt man erst, wie willkürlich das sein kann. Wie dem auch sei: Die Kopfhoerer lassen sich nicht unterkriegen. Ich mache weiter.

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