Am Etikettenschwindel vorbeischgeschrammt – New Idea Society

Wenn es um Vermarktung geht, sollte man die Wahrheit gnadenlos auf ihre Flexibilität testen. Dabei empfiehlt es sich mitunter, dass Gegenteil von dem zu suggerieren, was man denn eigentlich darstellt. Ein Unternehmen mit Hang zur Fantasielosigkeit kaschiert selbige mit einem Slogan, der möglichst das Wort Innovation beinhaltet. Eine Firma, deren Reichtum zu Lasten zukünftiger Generation lukriert wird, verschleiert dies Konzept, indem sie eine traditionelle, heile Welt in ihrer Werbebotschaft erstehen lässt. Grundsätzlich gilt oft, dass ein modernes Firmenlogo meist Althergebrachtes tarnt. Je breiter man die Zielgruppe fasst, desto wichtiger scheint es, sowohl konservative als auch heillos vorwärts gewandte Gemüter anzusprechen. Doch gilt dies auch in der Musikbranche? Oder darf man hier noch von Nomen est omen sprechen? Bei der Wahl eines Bandnamens wird meines Erachtens das Motto der Täuschung und Tarnung eher selten angewandt. Doch ehe ich in einem stillen Moment ausgiebiger darüber sinniere, möchte ich mich heute einer Formation zuwenden, die mit ihrem Namen das eigene Werk konterkariert. Die in dem kreativen Hotspot Brooklyn verortete Band New Idea Society liefert mit dem dritten Album Somehow Disappearing ein oftmals waviges, gern auch rockiges und shoegaziges Etwas samt herzhafter Indie-Attitüde ab. Die Platte schöpft aus dem Fundus der Musikgeschichte, maskiert die Einflüsse keine Sekunde lang, bietet viel, jedoch keine neuen Ideen.

Wie es zur Wahl dieses Namens kam, dies entzieht sich meiner Kenntnis. Ob man innovative Sounds vorgaukeln wollte, darüber mag ich nicht spekulieren.  Dass vorliegende retroeske Mischkulanz meist durchaus gelungen aus den Boxen schallt, daran besteht kein Zweifel. Ab und an freilich werden die Achtziger und ähnliche Geister zu sehr mit der Brechstange heraufbeschworen. Sobald die Band adretten Indie-Rock aus dem Hut zaubert, Songs wie Summer Lion kurz und bündig, eingängig wie hitverdächtig präsentiert, blüht das Album auf. Mit Thorns bietet New Idea Society einen weiteren Song mit ähnlichem Strickmuster auf. Eben diese Masche beherrschen die Herrschaften perfekt. Doch trüben düster-balladeske Lieder wie If You Slip Under das Bild, weil hier The Cure mit dem Zaunpfahl winkt. Solch Augenblicke lassen den Bandnamen zur Groteske verkommen. Sobald die Gruppe auf die Tube drückt (Sing It Right), sind dem Hörer ekstatische Zuckung keinesfalls fremd. Auch der nicht unschwülstige Opener All Alone bahnt sich den Weg, während banale Tracks wie Come Outside vor sich hin schwurbeln oder an Referenzen satt Langeweile versprühen (Disappearing). In jenen Fällen wendet sich die eigentlich helle, aber nie glatte  Stimme Mike Laws gegen den Sänger, verkommt er zum Imitator, dem es am richtigen Pathos fehlt.

Alles in allem muss man New Idea Society keinesfalls Ideenlosigkeit attestieren, die Interpretation des Gestern ist stets eine sinnvolle Option, sofern man den einen oder anderen Kniff bereithält und die Eleganz oder Stichhaltigkeit vergangener Epochen nachempfindet. Einer Handvoll Songs  gelingt dies überzeugend, der Rest verdient Schweigen. Dennoch rate ich zum Kauf von Somehow Disappearing, empfehle einen Konzertbesuch. Mag der Name der Formation auch nahe am Etikettenschwindel vorbeischrammen, lasse ich ihn unter dem Aspekt der künstlerischen Freiheit trotzdem gelten. Wem Summer Lion aus der Feder quillt, vor dem will ich getrost den Hut ziehen.

Somehow Disappearing ist am 28.12.10 auf Shiny Shoes erschienen.

Konzerttermine:

05.02.11 Hagenberg (A) – Eiskeller
10.02.11 Rorschach (CH) – Mariaberg
19.02.11 Offenbach – Hafen 2 Festival
21.02.11 Hamburg – Astra Stube

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