Bond-Girl ohne Pin-up-Possen – Anna Calvi

Es gibt sie tatsächlich, diese unnahbaren Charaktere, welche sogar dann Zwielicht umgibt, wenn gleißendes Scheinwerferlicht unbarmherzig zur Demaskierung bläst. Anna Calvi erinnert an eine Figur aus einem Film noir – abgründig, auf Untiefen reduziert. Eine Frau, die in Ermangelung von Verschlagenheit nicht zur Femme fatale taugt, aber auch nicht das naive Gangsterliebchen gibt. Calvis Vortrag lodert und brennt, verstärkt den Reiz durch den Funken Distanz, der verhindert, sie als Projektionsfläche für Fantasien zu benutzen. Das selbstbetitelte Debütalbum der Britin strotzt vor Männermusik, bestrickt diejenigen Zeitgenossen, die das weibliche Gefühlsleben ausgebreitet sehen wollen, wohlwissend dass die Sängerin das eine oder andere Mysterium in der Hinterhand behält.

Ganz banal könnte man auch die große Wachablöse proklamieren. Wie PJ Harvey zu Glanzzeiten (To Bring You My Love) geheimnisumwitterte Liedern darreichte, eben solch einer Nabelschau liefert sich auch Anna Calvi aus, bugsiert den Hörer in die Bredouille, viel zu sehen und wenig zu verstehen. Calvi fühlt und füllt breitflächig die Lücke, vermittelt Gemütspein und Ekstase geradezu aufreizend. Was viele Sängerinnen zuvor versuchten, neigte sich oftmals hin zu burlesker Grelle oder bot streberhaft dröges, brillenschlangiges Studentinnenflair.  Calvi wickelt die um den Finger, welche sich nicht von den Pin-up-Possen manch weiblicher Superstars umgarnen lassen. Sie taugt zur Diva, ohne auf Perücken angewiesen zu sein. Ihre Stimme flittert mit vehementer Dynamik aus den Boxen, ein düsterer Konfettiregen brodelnder Emotionen.


Finde weitere Künstler wie Anna Calvi bei Myspace Musik

Calvi katapultiert sich aber nicht allein wegen ihrer Aura in die allgemeine Wahrnehmung. Das starke Songwriting transportiert ihre Vorzüge kongenial. Desire rockt vollmundig, eine vor allem im simplen Refrain stupende Hymne. Wie sich The Devil zu sinisterer Inbrunst auftürmt, anfangs noch balladesk theatralisch die Fühler ausstreckt, lässt Gänsehaut sprießen. Die Wucht von Blackout bietet edle Versatzstücke von The Pretenders und Blondie. Ein veritabler Hit auch deswegen, weil sich einen Song lang die Abgründe schließen. Abgründe, die No More Words wiederum bis zum Exzess verführerisch zelebriert, dabei sacht und gedämpft wispert, die Reißleine des Verlangens nie kappt. Das im Sixties-Ambiente angelegte, vermeintlich vor luftigem Schwulst triefende First We Kiss gewinnt mit jedem Hördurchlauf an Galligkeit. Bei Suzanne and I röhrt Calvi stellenweise derart stimmengewaltig, als würde sie für den Titelsong eines Bond-Films üben. Womit mir beim großen Kino wären, welches die junge Londonerin offeriert.


Finde weitere Künstler wie Anna Calvi bei Myspace Musik

Anna Calvi vermag mit ihrem raffinierten Debüt zwischen divaresker Aura und seelischer Gebeuteltheit zu wandeln, knisternde Atmosphäre zu bescheren, sich stets einen Fingerspalt von den musikalischen Vorbildern abzugrenzen, fast immer auch mit der nötigen Distanz zum Hörer zu agieren. Das Fehlen jeglicher Plakativität, die Würdigung des Subtilen, welches sie sich selbst in ausufernden Momenten bewahrt, all das macht Calvi nie durchschaubar und fordert unsimpel gestrickte männliche Fans heraus. Wenn das kein Erfolgsrezept ist, was denn sonst?

Anna Calvi ist am 14.01. auf Domino Records erschienen.

Konzerttermine:

20.01.11 Berlin – Dussmann
11.02.11 Hamburg – Prinzenbar
12.02.11 Berlin – Privat Club
03.04.11 Köln – Studio 672
04.04.11 Frankfurt – Brotfabrik
06.04.11 München – 59:1
07.04.11 Wien (A) – Szene
13.04.11 Zürich (CH) – Stall 6
14.04.11 Lausanne (CH) – Bleu Lezard
15.04.11 Bern (CH) – Ono

Links:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Bond-Girl ohne Pin-up-Possen – Anna Calvi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.