Mittendrin in der Lebenserfahrung – Pat Appleton

Eines der großen Probleme des Musikgeschäftes ist es, dass zuviele Mittzwanziger ihre Platten an prominenter Stelle in den Läden platzieren. Denn natürlich können diese Musiker speziell in textlicher Hinsicht weit weniger Lebenserfahrung einfließen lassen als Menschen, die schon vierzig Lenze zählen. Die Imagination mag Berge versetzen, sie ersetzt jedoch nie die eigene Erfahrung des schleichenden Alterns. Nun konzediere ich gerne, dass viele Künstler seit Jahr und Tag im Geschäft sind. Doch oft zehren sie von ihren frühen Erfolgen, die im Lauf der Zeit von Ü30-Partys nahtlos an Oldie-Shows weitergereicht werden. Der Grund für solch Mechanismen scheint evident. Es sind nämlich die faltenfreien Käufer, die den Musikgeschmack dominieren. Mit 20 geht man noch mit einem Tralala auf den Lippen durchs Leben, mit Mitte 30 hingegen löst Kind und Kegel die Freizeitinteressen weitgehend ab. Wer sich die Affinität zur Musik bewahrt, setzt vielfach auf vertraute Klänge, die für einen Moment an die eigene Jugend erinnern. Nicht zuletzt deshalb mangelt es an Erwachsenenmusik, die sich nicht mit dem Verlieben, sondern mit dem Verheiraten und all den Folgen beschäftigt. Jenes Album hingegen, welches mir vor wenigen Tagen ins Postfach flatterte, bietet eben keinen Himmel voller Geigen, sondern mitunter gereifte Desillusionierung, ohne dabei die große Depression auszupacken. Pat Appleton überzeugt mich mit ihrem Werk Mittendrin, eine Handvoll Lieder löst sogar Begeisterung aus.

Photo Credit: Katja Kuhl

Souliger Pop mit deutschen Texten. Da möchte ich im Normalfall um Gnade winselnd das Weite suchen. Diesmal jedoch nicht. Vielleicht habe ich auch deshalb von einem Fluchtversuch abgesehen, weil ich zunächst nur den Song Männer ohne Pferd kannte. Und eben dieser rockige Track zählt in die Kategorie Volltreffer. Neben einem klasse Refrain demaskieren auch Zeilen wie „Fahren Tretrösser aus Karbon – oder Stahl/ Folgen dem Ruf der großen weiten Welt/ Fühlen sich wie Django – oder wie Piraten/ Und kommen nur bis Pankow“ die Sorte Mann, welche spätestens von der Midlife Crisis aus der Bahn geworfen werden, gern den Cowboy geben, obwohl ihnen dies eigentlich ein paar Hutnummern zu groß ist. Zwei Tage Rügen wiederum skizziert die Flucht aus dem Beziehungsalltag, die Besinnung an bessere Tage. Was nach einem melancholischen Impuls für eine kriselnde Partnerschaft klingt, wird mit dem Satz „Gib mir zwei Tage Rügen/ Und ich werd‘ es verstehen/ Nur zwei Tage Lügen/ Und glaub mir, ich lass dich gehen“ zum Abschied verkehrt. Darin steckt die Sorte Bitterkeit, die den mit Lebenserfahrung geschlagenen Hörer besonders gallig aufstößt. Vielleicht braucht es die von Enttäuschungen geprägte Erkenntnis, dass sich die Welt auch ohne die eigene Existenz stets weiter dreht, um die persönliche Sinnsuche von Ballast zu befreien. Derart unbelastet jault das Lied Mittendrin kraftvoll auf. Auch wenn die Musik hier eher schablonenhaft wirkt, macht Appletons wuchtiger Vortrag daraus eine feine Nummer. Das gospelige Niemals mit der prägnanten Aussage „Und ich scheiß‘ auf das Hochzeitskleid“ definiert Ehe als spießige Institution. Zwar keine neue – und vermutlich keine allgemein gültige – Erkenntnis, aber immerhin eine, die eine Hochzeit nicht zum Happy End verklärt.

Natürlich könnte man der werten Frau Appleton attestieren, dass manch Aussage ein wenig zu sehr mit den Armen in die Hüften gestemmt formuliert scheint. Starke Frau mit schwachen Momenten, so möchte man die Texte lakonisch zusammenfassen – und würde damit deren Qualität nicht zutreffend wiedergeben. Der Grundton mancher Lieder, zum Beispiel von Laue Suppe, hat regelrecht Knefsche Züge – und ein größeres Kompliment kann ich eigentlich nicht anbieten.

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Pat Appleton, bereits durch ihre Mitgliedschaft bei De-Phazz mit dem Musikbiz vertraut, hat sich ein Album erlaubt, dass nie in flacher Schlager-Psychologie versinkt, vielmehr schöne deutsche Texte mit toller Stimme überzeugend darbietet. Ob Mittendrin genügend Hörer in der Zielgruppe der mit der einen oder anderen Lebenslinie gespickten Frauen findet, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich jedenfalls hoffe, dass sich die Musik ihr Publikum sucht und diejenigen beglückt, die sich nicht nur von blutjungen Blondchen die Wirren des Lebens erklären lassen wollen.

Mittendrin erscheint am 28.01. auf Edel Germany.

Konzerttermine:

05.04.11 München – Bayerischer Hof
06.04.11 Stuttgart – Universum
08.04.11 Frankfurt/Main – Das Bett
09.04.11 Bonn – Harmonie

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